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Trierer Kunsthistoriker forscht zur angedachten und verwirklichten NS-Architektur an der Mosel

 NS-Architektur: Hochschule Schneidershof in Trier. Foto: Universität Trier. Fach Kunstgeschichte/Andreas Thull
NS-Architektur: Hochschule Schneidershof in Trier. Foto: Universität Trier. Fach Kunstgeschichte/Andreas Thull FOTO: (h_st )
Trier. Die Altstadt sollte ein Freilichtmuseum werden, an der Mosel ein riesiger Aufmarschplatz entstehen, und auf dem Petrisberg war ein monumentaler Bau als "Stadtkrone" geplant: Ein "Großer Trierplan" der Nationalsozialisten sah massive Umgestaltungen vor. Der Trierer Kunsthistoriker Stefan Heinz forscht zur angedachten und verwirklichten NS-Architektur im damaligen Gau Moselland. Nina Altmaier

Würde man heute durch ein im Nationalsozialismus umgestaltetes Trier gehen, wäre das wohl eine langweilige Angelegenheit. Die Trierer Altstadt wäre eine Art Freilichtmuseum deutscher Vergangenheit, und an der Mosel stünde ein Gau-Forum mit riesigem Aufmarschplatz, aber kaum Menschen. "Seelenlos" wäre es wohl gewesen, beschreibt der promovierte Historiker Stefan Heinz von der Universität Luxemburg.

Er zieht den Vergleich zum Berliner Alexanderplatz: "große Freiflächen, riesige Achsen". Die entspreche der nationalsozialistischen Ideologie: Der Einzelne sollte klein erscheinen gegenüber der Macht des Staates.Altstadt als Erinnerung

Heinz arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt über die Baupläne der Nazis in der Region, vor einigen Wochen hielt er im Museum am Dom einen Vortrag über dieses Thema. Außer in Trier waren zum Beispiel auch für Koblenz und das annektierte Luxemburg intensive Umgestaltungen vorgesehen. Der Historiker zeichnet ein Bild von Städten, die einerseits gleichgeschaltet waren, andererseits untereinander um die größten und eindrucksvollsten Foren und Bauten konkurrierten.

In Trier publizierte Stadtbaurat Otto Schmid 1934 seine Vorstellungen für die Stadt. Heinz sieht drei Punkte im Vordergrund: An der Mosel sollte das angesprochene Forum entstehen als Ausdruck eines "neuen deutschen Lebensgefühls". Die Altstadt sollte als Erinnerung an die Vergangenheit bestehen bleiben, die sehr frei interpretiert wurde. Und auf dem Petrisberg sollte eine sogenannte "Stadtkrone" gebaut werden - ein über der Stadt thronendes Gebäude als Symbol für die nationalsozialistische Zukunft.

Wie umgehen mit den NS-Bauten?

Stadtbaurat Otto Schmids "Großer Trierplan" wurde bis auf wenige Ausnahmen nie in die Tat umgesetzt. Der Krieg begann, Baumaterialien wurden nicht mehr in Stadtkronen oder Gau-Foren gesteckt. Auch, wenn es wenig NS-Bauten in Trier gibt, muss ein Weg gefunden werden, mit diesem architektonischen Erbe umzugehen. Lösungen wie bei den Kasernen am Petrisberg, bei denen eine Milchglasplatte NS-Symbolik verdeckt, zeigen vielleicht die richtige Richtung.
Aus der geplanten Stadtkrone wurde ebenso wenig wie aus dem Forum an der Mosel. Die Nationalsozialisten konnten in Trier nur wenige Gebäude realisieren, von denen wiederum nur wenige erhalten sind.

Dabei stechen für den Trierer Historiker Stefan Heinz drei besonders hervor, und zwar die Mehrzweckhalle Biewer (siehe Extra), die Ostfassade der Sporthalle der Hochschule auf dem Schneidershof (siehe Extra) und die Reliefs an den ehemaligen Kasernen auf dem Petrisberg aus dem Jahr 1937. Die Reliefs über den Türen zeigen je vier Soldaten mit Geschütz aus verschiedenen Epochen. Thema sind Aufrüstung und Militarismus in der deutschen Geschichte. Die Reliefs befinden sich zwar noch am Gebäude, sind aber von Milchglasscheiben verdeckt, sodass sie nur noch annäherungsweise zu erkennen sind.
Heinz spricht von einem "bemerkenswert gut funktionierenden Umgang". Anders als beim bloßen Entfernen oder Verändern bleibe keine Lücke zurück, bei der doch jeder vermuten könne, was ursprünglich zu sehen war. Andernorts seien oft noch die Schatten der Reliefs zu erkennen - oder der Reichsadler sei erhalten geblieben, während das Hakenkreuz verschwunden sei. Bei der Trierer Lösung werde die Vergangenheit des Gebäudes nicht einfach entfernt, doch die dargestellte Aufrüstungsideologie bleibe verborgen.Extra

Ostfassade der Sporthalle auf dem Gelände der Hochschule Trier, entstanden 1936 bis 1939. Die Gebäude der Hochschule Trier entstanden ursprünglich ebenfalls zu militärischen Zwecken. Die Fassade der Sporthalle am Scheidershof gibt vielleicht am ehesten einen Hinweis darauf, wie ein nationalsozialistisches Trier hätte aussehen können. Vor einem großen Platz steht ein imposantes, aber eher simpel gehaltenes Gebäude, wenn auch hier in einer kleineren Dimension. Auch der heutige Kindergarten der Hochschule teilt diese Vergangenheit - früher handelte es sich dabei um die Direktorenvilla. niaExtra

Mehrzweckhalle Biewer, errichtet 1935-37 als Heim der Hitlerjugend. Zwar gibt es nicht die NS-Architektur an sich, wie Dr. Heinz beschreibt, aber es besteht immer eine gewisse ideologische Dimension, die oft an der "Tradition des Ortes" anknüpfen soll. Meist treten dabei Aspekte wie Wehrhaftigkeit, aber auch Funktionalität in den Vordergrund. Die Mehrzweckhalle in Biewer, die als Hitlerjugend-Heim gebaut wurde, ist dafür ein gutes Beispiel. Heinz bezeichnet es als "NS-Burg", komplett mit eigenem Turm. Der Militarismus-Gedanke erstreckte sich in alle Bereiche des Lebens. nia

 NS-Architektur: Grundschule Trier-Biewer. TV-Foto: Archiv/Friedemann Vetter
NS-Architektur: Grundschule Trier-Biewer. TV-Foto: Archiv/Friedemann Vetter FOTO: Friedemann Vetter