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Trierer Landgericht: Haftstrafe für 23-Jährigen wegen Vergewaltigung einer Prostituierten

FOTO: Cheryl Cadamuro
Trier. Obwohl das Opfer vor Gericht nicht aussagen will, glaubt die Strafkammer an seine Misshandlung. red

"Nur, dass ich Sie richtig verstanden habe", hakt Rechtsanwalt Jens Tuschhoff bei Psychiater Harald Lang nach. "Dass mein Mandant mehrfach in Syrien inhaftiert war, dort Hunderte Stockschläge erhielt, er vor dem Krieg fliehen musste und Eltern und fünf Geschwister zurückgelassen hat, anschließend Koks und Heroin konsumiert hat und er bis heute von Krieg und Außerirdischen träumt - das alles soll also nicht zu einer krankhaften seelischen Störung meines Mandanten geführt haben?", zweifelt der Verteidiger das gerade vorgetragene Gutachten an.

"Nein", bestätigt Gutachter Lang kurz und bündig. Der Angeklagte sei voll schuldfähig und habe auch nicht im Rausch gehandelt, als er eine Trierer Prostituierte vergewaltigt habe.

Die Erste Große Strafkammer des Trierer Landgerichts sieht das genauso: "Zwar musste er fliehen, aber selbst war er nicht aktiv an Kriegshandlungen beteiligt", erklärt Richterin Petra Schmitz. Von einer starken Traumatisierung, die die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten einschränke, müsse daher nicht ausgegangen werden.

Der 23-Jährige Syrer soll im Januar 2017 in einem Trierer Bordell eine junge Frau vergewaltigt und dabei bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt haben. Das Opfer hatte die Tat zunächst nicht angezeigt. Erst auf Drängen des Bordellchefs war die Frau zur Polizei gegangen. Vor Gericht wollte sie ihre Aussage allerdings nicht wiederholen. Die Frau, die mittlerweile wieder in ihrem Heimatland lebt, habe erklärt, dass sie die Sache vergessen und verdrängen und nicht noch mal alles rekapitulieren wolle, berichtete Richterin Schmitz und betonte: "Das müssen wir so akzeptieren."

Ohne Aussage der Hauptbelastungszeugin hatte allerdings selbst die Anklage anfangs Zweifel angedeutet, den Fall komplett aufklären zu können. Die Verhandlung habe allerdings die entsprechenden Beweise erbracht, erklärte Staatsanwaltschaft Christian Hartwig am Donnerstag in seinem Plädoyer.

Die Hauptzeugin - eine Bardame des Bordells - habe vor Gericht glaubhaft und anschaulich geschildert, was ihre Kollegin ihr nach der Vergewaltigung berichtet habe. Die Prostituierte sei "panisch und nackt" aus ihrem Zimmer gerannt, während der Täter das Bordell fluchtartig durch die Hintertür verließ. "Auch, dass die Geschädigte anschließend nicht mehr auf einem Zimmer arbeiten wollte, sondern im Verkauf eingesetzt wurde, zeigt, dass zwischen ihr und dem Angeklagten etwas passiert sein muss, das selbst über die Gepflogenheiten in einem Bordell hinausgeht", betonte Richterin Schmitz in ihrer Urteilsbegründung.

Fotos von Abschürfungen und Rötungen am Hals, die laut ärztlichem Gutachten von würgenden Händen stammen könnten, seien ebenfalls ein Beweis für die Tat.

Der Angeklagte hatte behauptet, der Geschlechtsverkehr habe einvernehmlich stattgefunden. Auch die Prostituierte hatte bei der Polizei angegeben, dass man nach dem ersten Akt friedlich zusammen eine Zigarette geraucht habe.

Erst danach sei der Angeklagte plötzlich gewalttätig geworden und habe sie zu nochmaligem Verkehr ohne Kondom gezwungen. Der Angeklagte hatte angegeben, dass Verständigungsschwierigkeiten - er spricht Syrisch und Türkisch, sie Bulgarisch - offenbar zu einem Missverständnis geführt hätten und er der Meinung gewesen sei, auch der zweite Geschlechtsverkehr habe einvernehmlich stattgefunden. Dass es dabei ein bisschen rauer zugegangen sei, habe er als normal empfunden.

Staatsanwalt Hartwig forderte schließlich sechs Jahre Haft. Weil die Tat ohne die Aussage des Opfers nicht vollständig nachweisbar sei, forderte Verteidiger Tuschoff nach dem Rechtsgrundsatz "im Zweifel für den Angeklagten" einen Freispruch.

Die Kammer verurteilte den 23-Jährigen schließlich wegen Vergewaltigung und schwerer Misshandlung zu fünf Jahren und zwei Monaten Haft. Die Verteidigung hat angekündigt, gegen das Urteil Revision einzulegen.