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Trierer Paulusplatz: Kirche ohne Zukunft und ein Platz ohne Platz

Trier. Eine hübsche Platzgestaltung solle sich vor der Pauluskirche in Trier ergeben, wünschte und beschloss der Trierer Stadtrat vor über 110 Jahren. Dass dieser Wunsch immer noch nicht Wirklichkeit geworden ist, macht den Anliegern Kummer. Michael Schmitz

Zweimal tuckert der Römerexpress mit Touristen besetzt vorbei, verlangsamt kurz vor der Pauluskirche, lässt die Band-Ansage Erklärungen verlesen. Zweimal kreuzen den Platz jüngere Männer, offenbar Anhänger der Tuning-Szene, mit so laut dröhnendem Motor, dass das eigene Wort kaum noch zu verstehen ist. Was an diesem Sonntagnachmittag noch fehlt, sind einige tausend Schüler, die über den Paulusplatz Richtung Berufsbildende Schulen ziehen. Ansonsten bekommen die rund 50 Trierer schon einen ganz guten Eindruck von dem Spannungsfeld auf dem Platz, über dessen Zukunft sie auf Einladung des Trier-Forums vor Ort diskutieren wollen. Auch, weil sie direkt auf dem geschotterten, unebenen Boden stehen, zwischen wacklig wirkenden Fahrradbügeln und einzelnen Gras- und Unkrautansammlungen. Schön, da sind sich alle einig, sind die städtebaulichen Gegebenheiten: Der Platz ist relativ geschlossen umbaut, und Bausünden aus den Nachkriegsjahrzehnten gibt es in diesem Ensemble - im Gegensatz zu vielen anderen Trierer Plätzen - nicht. Wie soll es nun aber weitergehen mit dem Schotterplatz und der Kirche? Darüber gehen die Meinungen dann doch ein wenig auseinander.

Die Pauluskirche: Wilhelm Ehlen, Leiter der Innenstadtpfarrei Liebfrauen, bestätigt noch einmal, dass das Gebäude in seinen Augen als Kirche wenig Zukunft hat. 7500 Katholiken gebe es in Innenstadt und Gartenfeld. Da seien fünf Kirchen nun einmal zu viel. Weil im Umfeld des Paulusplatzes immer weniger Familien zu finden sind, hat die Pfarrei die Pauluskirche für eine kirchliche Nutzung abgeschrieben (der TV berichtete mehrfach). Ehlen vergleicht seine Großpfarrei mit einer Familie: "Wenn die Kinder ausgezogen sind, suchen sich die Eltern was kleineres, ehe die Zimmer leerstehen." Die Pauluskirche könne profaniert, also entweiht, und dann anderweitig genutzt werden, sagt Ehlen. Was ihm und auch Diözesanarchitekt Christoph Freitag bisher allerdings fehlt, ist die zündende Idee für eine Nachfolgenutzung. Eine Bibliothek wie in einer umgenutzten Kirche in Maastricht wird aus dem Publikum vorgeschlagen, ein Columbarium, also eine Urnengrabstätte, bringen andere ins Spiel. Warum nicht eine Turnhalle oder ein Konzertsaal, wie die ehemalige Abteikirche Sankt Maximin in Trier-Nord? Oder ein Jugendzentrum? Alles Vorschläge, mit denen Ehlen und Freitag leben könnten - allein: Auch die Kirche muss letztlich auf die Rendite blicken. "Ist der Markt für ein Columbarium da?" fragt Ehlen. Und ein Jugendzentrum sei schön und gut, aber irgendwer müsse die Bauträgerschaft behalten. Dass genau dies bei einem knapp 110 Jahre alten Kirchengebäude kostspielig sein kann, zeigen die Bauzäune vor der Kirche: Erst kürzlich sind Teile der Sandsteinverkleidung heruntergefallen. Ehlen also ist offen für Vorschläge und offen für Investoren für seine Kirche - sofern sie Ideen für eine "verträgliche" Weiternutzung des denkmalgeschützten Gebäudes haben.

Der Campus für Gestaltung: Die ehemalige Werkkunstschule, gebaut an der Nordseite des Paulusplatzes nur wenige Jahre nach der Weihe der Kirche und architektonisch ein gelungenes Gegenüber, wird heute von der Hochschule genutzt. Dekan Professor Matthias Sieveke verweist darauf, dass in geringer Entfernung zum Platz bald weitere 1000 Studenten des Fachbereichs Architektur in der ehemaligen Trierer Staatsanwaltschaft am Irminenfreihof eine Heimat finden werden. Das Pfarrhaus neben der Kirche oder die Kirche vielleicht umgenutzt als gemeinsames Gastdozentenhaus mit der Universität? Oder als gemeinsame Aula der beiden Trierer Hochschulen? Als Bibliothek? Sievecke kann sich vieles vorstellen in der Zukunft, bekommt viel zustimmendes Kopfnicken, betont immer wieder, wie viele junge Menschen bald rund um den Platz noch mehr urbanes Leben bringen werden - und wird dann auch mal lauter, als es um die Zukunft des eigentlichen Platzes geht.

Der Paulusplatz: Eine Schotterwüste ohne Aufenthaltsqualität, so beschreibt Professor Sieveke den Paulusplatz und erntet auch dafür viel Zustimmung. Der Campus für Gestaltung gehört dem Land, der Platz davor ist ordentlich gepflastert und in Ordnung. Dann kommt eine mittlerweile gesperrte, löchrige Straße, dann der Schotterplatz. Rundherum Fahrradbügel und Steinquarder als zwar vorhandene, aber nicht eben bequeme Sitzgelegenheiten - das alles ist Sieveke zu wenig. "Ein paar Bänke und ein paar Bäume, mehr brauchen wir doch gar nicht", ruft er dem Trierer Baudezernenten Andreas Ludwig zu. Als der Platz 2014 als Bauschutthalde für die Arbeiten in der Wallramsneustraße genutzt worden sei, habe die Stadt versprochen: Der Müll kommt weg, dann wird der Platz hergerichtet. "Jetzt werden wir durchgereicht", echauffiert sich der Professor.

Die Diskussion: Der angesprochene Baudezernent, seit einem Jahr und fünf Monaten im Amt, gibt erstmal eine etwas langatmige, wenn auch überzeugte Liebeserklärung an die Stadt Trier ab, mit der er zugleich klar macht, dass er für die Politik seiner Vorgänger nicht in die Haftung genommen werden will. Und: Er sei kein Freund von teuren Konzepten und Planungen, die dann "in der Schublade des Vergessens" landeten, mangels Geldes ohne Aussicht auf Realisierung. Auch das lässt sich als Kritik an seiner Amtsvorgängerin lesen. Ludwig ist aber auch nicht der Typ, der Zusagen macht, nur um die Anwesenden zu beruhigen. Deshalb verweist er auf seine "gesamtstädtische Verantwortung". Aus Ehrang und Pfalzel, aus Euren, Trier-West und Filsch nennt er flugs Beispiele, bei denen die Bürger ebenfalls seit Jahren auf die Umsetzung versprochener kleinerer wie größerer Projekte warteten. "Ihr denkt immer nur an eure zentralen Plätze!", schalle es ihm mitunter aus den Stadtteilen entgegen, berichtet Ludwig. Städtebau könne aber nicht nach dem Motto laufen: "Wer am lautesten schreit, da gehen wir hin." Was die großen Konzepte angeht, da ist sich Professor Sievecke schnell einig mit dem Dezernenten ("die Schubladen sind voll damit"), aber zufrieden ist er dennoch nicht, wiederholt seine Forderung wie ein Mantra: "Bäume und Bänke - den Rest machen die Studenten." Was aus Sicht des Professors einfach ist, wenig kostet und schnell zu machen sein müsste, stößt bei Verwaltungsmann Ludwig erstmal auf Hindernisse: Wo man Bäume pflanze, müsse man sich die Versorgungsleitungen unter der Erde ansehen. Auch die Verkehrsführung der Straße müsse geprüft werden, und überhaupt: einen Haushaltsansatz dafür habe er auch nicht. Weil Ludwig aber auch nicht der Typ ist, der mit dem Finanzargument Diskussionen abwürgt, lässt er sich ebenso wie Ehlen, Freitag und Sievecke gerne auf den Vorschlag ein, sich schon bald wieder mit allen Betroffenen an einen Tisch zu setzen und kleine Schritte zu prüfen.

Extra - Vor Ort
Die Reihe "Vor Ort" des Vereins Trier-Forum wird vom Trierischen Volksfreund präsentiert. Der nächste Termin dürfte nicht minder spannend sein: Am Donnerstag, 15. September, diskutieren erneut Professor Sievecke, Vertreter der Kirchengemeinde St. Antonius sowie Kulturdezernent Thomas Egger beim Spaziergang auf dem Augustinerhof über die städtebaulichen Grenzen und Chancen für den Theaterbau. Beginn ist um 18.30 Uhr, Treffpunkt am Theatereingang.Meinung

Michael
Schmitz

Als der Trierer Stadtrat Anfang des 20. Jahrhunderts den Bau des damals modernen Schulgebäudes gegenüber der Pauluskirche beschloss und mit 450.000 Reichsmark finanzierte, erhoffte er sich davon, es "möge sich eine hübsche Platzgestaltung ergeben". Gut 110 Jahre später ist das Ziel immer noch nicht erreicht. Dass da manchem der Kamm schwillt, wie Professor Sievecke (der auch aus diesem Stadtratsbeschluss zitierte), ist wohl verständlich. Diejenigen, die über die Prioritäten der Stadt zu entscheiden haben, die Stadtratsmitglieder, ließen sich bei der Diskussion (außer einer CDU-Vertreterin) leider nicht sehen. Schade. Immerhin war aber der Ortsbeirat Mitte-Gartenfeld vertreten, und die stellvertretende Ortsvorsteherin Rosemarie Wessel brachte am Rande auch gleich das Ortsbeiratsbudget und eine mögliche Baum-Spenderin ins Spiel. Genauso muss es doch bei so einem Projekt laufen. Es braucht hier keinen schicken Brunnen und kein großes Kunstwerk, nur Pflaster, Bäume, Bänke, etwas Kreativität bei der Finanzierung sowie Tatkraft und Flexibilität in der Verwaltung. Die hat Andreas Ludwig ja bei anderen Projekten schon bewiesen. Also: Ärmel hochkrempeln, und schon mal einen Einweihungstermin für 2018 planen, Herr Dezernent! Die Party dazu organisieren die Studenten sicherlich gerne ganz umsonst.
m.schmitz@volksfreund.de