Trierer Professor macht Computerspiel über Karl Marx

Liquid Marx : Trier spielt – gerne auch am Computer

In der Römerstadt gibt es eine aktive und vielseitige Entwicklerszene für virtuelle Unterhaltung, die Hochschule Trier ist die Basis. Auch Karl Marx ist mit dabei.

Angus hat dicke Arme und dicke Waffen, mit denen er auf Horden von Außerirdischen schießt. Diplomatie oder Versuche einer friedlichen Koexistenz finden nicht statt. Mit dem Philosophen Karl Marx hat der Ballermann scheinbar nichts gemeinsam, aber es gibt doch eine Verbindung: Sowohl Angus als auch Karl Marx stehen im Mittelpunkt von Computerspielen, die in Trier entstanden sind.

Christoph Lürig ist Professor für Spieleprogrammierung an der Hochschule Trier. Er hat Angus erschaffen – im Spiel „Angus hates Aliens“ (Angus hasst Aliens), das er zusammen mit dem Trierer Jörg Meyer entwickelt und 2016 veröffentlicht hat. Beide haben dafür das Team Stendec gegründet. In Lürigs aktuellem Spiel gibt es keine Aliens. Dafür aber Karl Marx.

„Es ist eines der wenigen Spiele, die ich gemacht habe, in denen keine Waffen vorkommen“, sagt Lürig mit einem Grinsen. Bevor er nach Trier kam, hat Lürig in der Spieleindustrie für die Großen der Branche gearbeitet. Er war im Dienst von Ubisoft an der erfolgreichen Actionserie „Splinter Cell“ beteiligt, in der Spezialagent Sam Fisher auf Terroristenjagd geht. Doch die Arbeit an so großen Titeln sei sehr stressig und aufreibend. „Das wollte ich nicht bis zur Rente machen.“

Jetzt geht es um den großen Philosophen aus Trier. „Marx, seine Theorie und die sozialen Konsequenzen sind ein hochgradig politisches und emotionales Thema“, sagt Lürig. Im Mittelpunkt des Spiels steht eine metaphorische Umsetzung von Marx’ Wirtschaftstheorie: Der Spieler handhabt Gläser mit Flüssigkeiten in einem virtuellen Labor, die verschiedene Größen dieser Theorie repräsentieren. Lürig nennt sein Spiel deshalb „Liquid Marx“.

Es ist kein Action-Spiel, sondern ein virtuelles Erlebnis, in dem Erleben und Verstehen im Mittelpunkt stehen – und zwar nicht vor einem Bildschirm, sondern in einem vollständig künstlichen, virtuellen Raum. Wer „Liquid Marx“ spielen will, trägt eine Virtual-Reality-Brille, die HTC Vive. Sie blendet die reale Umgebung völlig aus und zeigt dem Nutzer die Spielewelt lückenlos und ohne Distanz, er steht mittendrin. Der TV testet das Spiel und taucht ein in die Welt von Karl Marx.

Die reale Umgebung, ein Büro im Gebäude O der Hochschule Trier, ist verschwunden. Komplett. Der Blick durch die Brille, die das komplette Sichtfeld ausfüllt, zeigt ein Labor mit Marx-Exponaten, auch die Statue gehört dazu. In der Mitte des Raums steht ein großer Labortisch.

Der Spieler kann sich mit Hilfe des Controllers, den er in der Hand hält, zu den Exponaten oder dem Labortisch transportieren lassen, ohne sich im realen Raum bewegen zu müssen. Auch das wäre zwar möglich, Lürig wollte aber die bei manchen Nutzern von VR-Brillen auftretende leichte Übelkeit bei schnellen Bewegungen im virtuellen Raum vermeiden.

Ok, ein Raum voller Marx. Was ist zu tun? Der Spieler kann sich die Exponate ansehen oder sofort am großen Labortisch mit dem Spiel starten und wie ein Laborant mit verschiedenen Flüssigkeiten den Wirtschaftskreislauf in Gang setzen. Ein Tutorial, das ist eine ausführliche Anleitung, erklärt verständlich, wie es geht.

„Liquid Marx“ wird kostenlos sein, Lürig will damit kein Geld verdienen. Die Beta-Version, eine fast fertige Vorabvariante des Spiels, lässt sich über den Internetauftritt der Hochschule Trier downloaden. Doch wer den virtuellen Marx zuhause erleben will, braucht dazu einen leistungsstarken PC und die Virtual-Reality-Brille HTC Vive, die nicht günstig ist. Die gute Nachricht: „Wir werden das Spiel anlässlich des internationalen Museumstages am Sonntag, 19. Mai, im Karl-Marx-Haus präsentieren.“

Die Hochschule Trier hat noch weitere aktuelle Eisen im Feuer. Zwei Teams wurden gestern im Mainzer Wirtschaftsministerium für ihre Projekte „Upside Drown“ und „Yaxuná“ im Rahmen des GameUp! Contests ausgezeichnet. Ziel dieses Wettbewerbs ist es, Talente der Region zu finden und sie bei Gründungsvorhaben zu begleiten.

„Upside Drown“ landete auf Platz eins und erzählt die Geschichte der zwölfjährigen Nora auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. Der Spieler schlüpft in die Rolle von Nora, in sechs Kapiteln wird die Charakterentwicklung des Mädchens vermittelt.

„Yaxuná“ ist ein Escape-Room in Virtual Reality mit Bezug zur Maya-Kultur, der von zwei Spielern gespielt wird. Ein Escape-Room ist ein verschlossener Raum, aus dem der Spieler sich mit Hilfe von Hinweisen und dem Lösen von Rätseln befreien muss. In „Yaxuná“ ist dieser Raum nicht real, sondern wie in „Liquid Marx“ eine virtuelle Illusion.

Das sind nicht die ersten Ehrungen für Spiele aus Trier. 2015 gewannen vier Absolventen des Game-Design-Studiengangs den Deutschen Computerspielpreis, die höchste Auszeichnung der deutschen Spielebranche. Ihr Spiel „In Between“ wurde in der Kategorie „Bestes Nachwuchskonzept“ ausgezeichnet.

Die Idee: Spieler durchleben mit der Hauptfigur einen Sterbeprozess und durchlaufen in Geschicklichkeits- und Denkaufgaben die fünf Phasen der Akzeptanz (Verleugnung, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz). Ursprünglich schufen Daniel Denne, Matthias Guntrum, Stephan Wirth und Wolfgang Reichardt das Spiel für eine Bachelor-Arbeit. Später haben sie ihr eigenes Studio Gentlymad gegründet – mit Sitz in Trier.

Mehr von Volksfreund