Trierer Stadtteil Kürenz: "Ich gebe keinen davon mehr her!"

Trier · Er kennt den Stadtteil und seine Probleme genau: Bernd Michels, gebürtiger Hochwälder, ist Ortsvorsteher von Kürenz. Im Rahmen der TV-Serie "Stadtteiltour" steht er uns heute Rede und Antwort.

 Seit 2009 der Fürsprecher für Kürenzer Belange: Ortsvorsteher Bernd Michels. TV-Foto: Friedemann Vetter

Seit 2009 der Fürsprecher für Kürenzer Belange: Ortsvorsteher Bernd Michels. TV-Foto: Friedemann Vetter

Ständig unterwegs zwischen Alt-Kürenz, Petrisberg und Weidengraben - welche Herausforderung das für einen Ortsvorsteher ist, davon berichtet Bernd Michels im Gespräch mit TV-Redakteur Michael Schmitz.

Herr Michels, welches ist der schönste Trierer Stadtteil?
Michels: (lacht) Kürenz gehört sicherlich dazu. Weil wir zwei Dinge haben: einmal Alt-Kürenz mit dem Schlosspark - ein Kleinod mitten in der Bebauung. Und dann den Petrisberg mit einem Naherholungsgebiet von einmaliger Qualität. Und was keiner so richtig weiß: Kürenz ist der Kindergartenstadtteil in der Stadt Trier. Wissen Sie, warum? Wir haben fünf Kindergärten.

Oberbürgermeister Klaus Jensen erzählt gerne eine Anekdote: Er hat einem über 100-Jährigen mal zum Geburtstag gratuliert und fragte ihn: "Sind Sie denn gebürtiger Trierer?" Darauf schreckte der bis dahin eher ruhige Senior auf und sagte entrüstet: "Ne, ich bin aus Kürenz!" Gibt es so eine Kürenzer Identität heute noch?
Michels: Die gibt\'s noch. Wobei man klar unterscheiden muss. Die gibt es noch in Alt-Kürenz, im "Dorf", wie es im Volksmund heißt. Kürenz war ja das Eisenbahnerdorf und hatte das Walzwerk, die waren identitätsstiftend. Schwierig ist es natürlich mit der Identität zwischen Alt-Kürenz, Petrisberg und dem Weidengraben. Die Verbindungslinie ist schwer zu ziehen. Wir haben das ein wenig versucht mit der Benennung von Straßen auf dem Petrisberg nach Kürenzer Originalen, wie die Werner-Becker-Straße oder die Klaus-Kordel-Straße.

Wer an Kürenz denkt, denkt zuerst an das eher beschauliche, innenstadtnahe Alt-Kürenz.
Michels: Stimmt, das geht einem in der Stadt immer noch so. Weidengraben, da sagen einem viele: Das ist doch ein Höhenstadtteil. Und beim Petrisberg ist es ähnlich, das ist im Bewusstsein der Menschen lange noch nicht angekommen, das das alles zu Kürenz gehört.

Unser Leser Kurt Kullmann hat uns zur Stadtteiltour geschrieben: "Alt-Kürenz und Neu-Kürenz sind nach unserem Empfinden zwei Stadtteile, welche wenig miteinander zu tun haben." Hätte man nicht besser nach der Landesgartenschau einen eigenen Stadtteil Petrisberg gegründet?
Michels: Nein. Was gehört denn zu einem Stadtteil dazu? Dazu gehört auch so eine kleine Infrastruktur. Die Kirche zum Beispiel, damit geht es ja schon los. Im Weidengraben haben wir Sankt Augustinus als Kirche, in Alt-Kürenz Sankt Bonifatius. Das ist für einen Stadtteil oft identitätsstiftend. Und das fehlt zum Beispiel auf dem Petrisberg. Stichwort Schule: Auf dem Berg liegt die Keune-Schule, in Alt-Kürenz die Kürenzer Grundschule. Der Petrisberg hat keine eigene Schule - auch so etwas wäre für einen eigenen Stadtteil sicher nötig. Es wird eine Generation brauchen, bis man alles - Alt-Kürenz, Weidengraben und den Petrisberg - als einen Stadtteil empfindet. Aber ich gebe auch keinen Teil davon mehr her (lacht).

Der Stadtteil besteht also im Grunde aus drei Stadtteilen. Ist die Konstruktion der Stadtteile überhaupt noch sinnvoll?
Michels: Die Diskussion gibt es ja schon lange, nicht nur Kürenz betreffend. Aus allen drei Stadtteilen jeweils einen machen, das hielte ich nicht für sinnvoll. In jedem Stadtteil alle Strukturen vorhalten, das geht ja nicht. Natürlich könnte man sagen: Wir machen aus den Höhenstadtteilen einen Stadtteil - aber da geht der Streit ja schon los. Was gehört denn zu den Höhenstadtteilen? Ich finde, es gibt jetzt gewachsene Strukturen, und die sollte man nicht ohne Not zerstören, weil es ja auch nichts bringt.

Unsere Leserin Birgit Ensch hat uns zur Stadtteiltour geschrieben: Sie fürchte, Alt-Kürenz werde nach der Schul-Schließung bald nur noch von Studenten und Senioren bewohnt. Teilen Sie diese Angst?
Michels: Sie ist nicht völlig unbegründet, wobei ich natürlich ein bisschen Hoffnung habe. Ich habe ja bewusst gesagt, dass Kürenz der Kindergartenstadtteil ist. Der Kindergarten in Alt-Kürenz beispielsweise wird gerade noch ausgebaut für unter Dreijährige, weil die Lebenshilfe auf den Petrisberg wechselt. Damit haben wir dann wieder einen Infrastrukturgewinn auch in Alt-Kürenz. Interessant ist auch, dass mittlerweile wieder mehr junge Familien alte Häuser kaufen - die noch kaufbar sind - und dann umbauen. Es kommen also auch wieder Kinder hinzu.
Ein Problem haben wir ja ganz klar: Viele Leute in Alt-Kürenz haben Einfamilienhäuser umgenutzt und setzen da Studenten rein. Für Studenten ist Kürenz interessant, weil die Buslinie direkt durch Kürenz zur Uni hochführt. Das ist aber mit einem enormen Problem verbunden, dem Thema Parken. Wenn sie vorher ein Einfamilienhaus hatten und jetzt haben sie ein Haus mit zehn, zwölf Studenten und entsprechend vielen Autos - das merkt man schon, vor allem in Alt-Kürenz. Nellstraße und Rosenstraße zum Beispiel, die sind abends immer total zugeparkt.

Wo liegen die Zukunftschancen des Stadtteils?
Michels: Irgendwann könnte das gesamte Walzwerk-Areal womöglich als Wohnbebauung dienen. Eine Entwicklungsmöglichkeit, die für Kürenz sicher nicht verkehrt wäre. Dann gibt es noch das weitgehend brachliegende Eisenbahngelände und große Flächen an der Güterstraße und Schönbornstraße. Da gibt es schon einige Interessenten für eine Entwicklung, auch im Bereich Nahversorgung. Alt-Kürenz wird als Wohnstandort also auch attraktiver.

Leser Josef Malat schreibt uns: "Das Hauptproblem bleibt natürlich der Verkehr" - und meint die Belastung in Alt-Kürenz. Und Christine Welschoff beklagt, dass auf dem Petrisberg nach wie vor zu viel gerast werde.
Michels: Das Thema Verkehr wird in der Tat jeden Tag dramatischer in Kürenz. Wenn die Fläche Burgunderstraße entwickelt wird, wird der Verkehr ja noch zunehmen - da stehen 174 Wohneinheiten leer. Es muss also irgendwas passieren. Wir bräuchten dringend die Ortsumgehung Kürenz. Die steht im langfristigen Bedarfsplan im Mobilitätskonzept. Ohne die wird es nicht mehr lange gut gehen, das wird der Verkehrskollaps. Es sind ja 25 000 bis 30 000 Autos, die jeden Tag durchs Avelertal fahren, ein Drama pur. Die Lebensqualität in Kürenz leidet dadurch nachhaltig.

Und das Problem auf dem Pe trisberg?
Michels: Es gibt da mittlerweile über 1000 Arbeitsplätze. Die bedeuten natürlich auch Individualverkehr. Allein schon durch die Entwicklung zum Wirtschaftsstandort gibt es also diesen Verkehr - die Entwicklung war aber ja auch gewollt. Zugenommen hat der Verkehr auch durch die Verdichtung der Wohnbebauung, die ja bald abgeschlossen ist. Die Verbindung in die Stadt über die Sickingerstraße ist natürlich eine, die viele lieber nutzen als durch Olewig oder durchs Avelertal zu fahren. Auf dem Petrisberg wird von meinen ehemaligen Kollegen von der Polizei sehr intensiv kontrolliert, ich habe die Messprotokolle bekommen. Wir haben mit den Anwohnern ganz intensiv auch über diese "Berliner Kissen" (Schwellen, die das Tempo der Autofahrer drosseln sollen) diskutiert, aber die Argumente der Verwaltung, warum das nicht geht, waren ganz schlüssig. Das Problem ist also erkannt - aber die Lösung haben wir noch nicht gefunden.Extra

Bernd Michels, Jahrgang 1946, ist gebürtiger Hochwälder. Er stammt aus Lorscheid (Verbandsgemeinde Ruwer). Ab 1965 arbeitete er bei der Polizei, wo er bis zu seiner Pensionierung die Mordkommission leitete. Seit 1971 wohnt er in Trier. Zunächst lebte er in der Schützenstraße im Stadtteil Trier-Mitte/Gartenfeld. Michels ist kommunalpolitisch in der CDU engagiert. In Trier-Mitte war er von 1989 bis 2003 Ortsvorsteher, in Kürenz übt er dieses Amt nach dem Umzug seit 2009 aus. Er ist seit viereinhalb Jahren in Pension. mic

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