Trierisch balaawern : Baubsen

Ein Fremder hält mit seinem Auto am Straßenrand an, lässt die Seitenscheibe herunter und spricht einen Trierer, der dort steht, fragend an: „Ich will nach Hermeskeil.“ Darauf knurrt der Trierer zurück: „Da faor doch!

“ oder: Ein Tourist bittet in der Innenstadt einen Trierer um eine Auskunft: „Wenn ich diese Straße weiter gehe, steht dann da die Porta Nigra?“ Die Antwort: „Die stiet och dao, wenn der nött weider giet!“

     Wenn sie auch wahnsinnig übertrieben sind, sagen beiden Szenen schon etwas Wahres aus über die Kommunikationsfähigkeit, die uns Trierern eigen ist. Unbestritten ist nämlich, dass es Trierern etwas schwerfällt, so einfach auf Menschen zuzugehen, charmant und verbindlich zu sein oder verständnisvoll zu plaudern. Rheinländer oder Saarländer(!) sind da aus ganz anderem Holz geschnitzt.

Dabei hat diese Reserviertheit, die Trierer besonders Fremden gegenüber schon mal zeigen, nichts mit Überheblichkeit zu tun. Eher mit Misstrauen. Das hat historische Gründe.

Trierer haben seit Jahrhunderten verinnerlicht, dass Fremde gefährlich sind. Fremde sind in Trier nie als Freunde aufgetaucht: Römer, Markomannen, Normannen, Kurfürsten, Franzosen oder Preußen. Alle haben nur Macht ausgeübt und nicht lange gefragt und immer auch alles besser gewusst.

Da gab es für die Trierer als logische Konsequenz nur eines: Vorsicht, Distanz und Widerstand. Vor allem aber: schön unter sich bleiben. Und das sicherheitshalber allen Fremden gegenüber, auch wenn sie ohne böse Absicht kamen. Diese Einstellung äußerte sich auch im Sprachverhalten: Räsonieren, schimpfen, mürrisch sprechen, maulen sind wesentliche Ausdrucksweisen. Es gibt für diese hochdeutschen Begriffe im Trierer Platt einen Sammelbegriff, und der heißt baubsen. Baubsen ist die Sprache der Verärgerten und Beleidigten. Wie die beiden Trierer in den zwei Szenen oben auf die Fragen der Fremden antworten, das ist Baubsen in reinster Form. Wenn jemand baubst, hört sich das an, als ob ein mittelgroßer Hund bellt. Trierer baubsten und baubsen bis heute gerne und oft. Auch wenn sie gar keinen Grund dazu haben und weder verärgert noch beleidigt sind. Baubsen ist einfach praktisch, denn da braucht man nicht viele Worte. Lange Sätze sind dem Trierer Platt fremd. Baubsen geht kurz und knapp. Und man kann sich damit die Leute vom Leib halten.

Die Fremden sind befremdet. Sie finden Baubsen überhaupt nicht originell. Freundliches Entgegenkommen und Höflichkeit ist etwas anderes.

     Dass heute die Fremden überhaupt nicht mehr mit bösen Absichten kommen, haben in Trier die Leute, die vom Tourismus leben, inzwischen sehr gut begriffen. Da gibt es an der Gastfreundlichkeit nichts auszusetzen. Jetzt wären dann aber auch die restlichen Trierer dran, ihre Willkommenskultur einmal zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Da gibt es wirklich noch was zu tun. (Meine ich ernst.) Baubsen ist out!

Hosrt Schmitt

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