trierisch balaawern

Neulich unterhielt ich mich mit meinem Freund Hänns über den Trierer Heimatdichter Addi Merten (1920-1995), und Hänns sagte: "Dän Addi, dän haonn eisch schon als klaane Biwagg kannt." (Den Addi habe ich schon als kleinen Jungen gekannt.

) Worauf ich kopfschüttelnd sagte: "Datt ka jao iewerhaaft nött sönn, suu alt böss dau doch gaornött!" (Das kann überhaupt nicht sein, so alt bis du doch noch gar nicht!) Darauf Hänns: "Heer doch rischdisch zu, dän Addi haonn eisch kannt, wie eisch e klaane Jong waor, nött, wie hän e klaane Jong waor." (Hör doch richtig zu, den Addi kannte ich, als ich ein kleiner Junge war, nicht, als er ein kleiner Junge war.) Hier muss etwas geklärt werden: Hat Hänns den Heimatdichter als kleiner Junge gekannt, also als er selbst ein kleiner Junge war, oder hat er ihn als kleinen Jungen gekannt, also als Addi ein kleiner Junge war? Unser Missverständnis hängt damit zusammen, dass im Trierischen bei männlichen Hauptwörtern/ Substantiven der erste Fall/Nominativ mit der gleichen Endung gebildet wird wie der vierte Fall/ Akkusativ. Die folgende Beispiele belegen das. Hochdeutsch: Das ist ein kalter Abend (Nominativ), wir erleben einen kalten Abend (Akkusativ), Trierisch beide gleich: Datt öss e kaalen Aomend, mir hann e kaalen Aomend. Hochdeutsch: Hier steht ein leerer Eimer, wir brauchen einen leeren Eimer, Trierisch beide gleich: Datt öss e leeren Aaamer, mir brauchen e leeren Aaamer. Hochdeutsch: Wo ist unser Hund, wir suchen unsern Hund, Trierisch beide gleich: Wu öss onsern Honnd, mir suchen onsern Honnd. Und am Nikolausabend singen alle Trier laut und kräftig die zweite Strophe des Nikolausliedes: Ei was steht da in der Eck? Einen großen Mann von Weck! Diese sprachliche Besonderheit gilt aber nur für männliche Substantive, denn bei weiblichen und sächlichen Substantiven enden auch im Hochdeutschen Nominativ und Akkusativ gleich. Wenn meine Frau etwa sagen würde: "Cläre Prem habe ich schon als kleines Mädchen gekannt", dann muss man eben einfach nachdenken, wer von beiden wohl die Ältere ist. Manchmal kommt es vor, dass Trierer, wenn sie vornehmes Hochdeutsch sprechen müssen, keinen Fehler machen wollen, und Nominativ und Akkusativ auf den Kopf stellen. Thanischs Pitt, einst der Vorsitzende des Palliener Männergesangvereins, war da Spezialist: "Ich wünsche euch allen ein schöner Abend!" Horst Schmitt ist gemeinsam mit Josef Marx Autor des Trierer Wörterbuchs. Die beiden Autoren erläutern in "Trierisch balaawern" wöchentlich Besonderheiten der Trierer Mundart. Die besten Kolumnen sind auch gesammelt in einem neuen Buch zu lesen, das im Verlag Michael Weyand erschienen ist. "Milljunen Leit - mindestens drei" beleuchtet auf amüsante Weise die Eigenarten des Trierischen. Das Buch ist für 11,95 Euro im Trierer Handel erhältlich, unter 0651/7199-997 sowie im Internet unter <%LINK auto="true" href="http://www.volksfreund-shop.de" text="www.volksfreund-shop.de" class="more"%>

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