Triers Bauwerke strahlen Leben aus

Bildhauer Franz Schönberger lebt in Mehring, doch täglich fährt er in sein Atelier nach Trier-Olewig. Es gibt noch mehr Orte, die den 65-Jährigen in die Moselstadt locken. Davon berichtet der Künstler in unserer Serie.

 Franz Schönberger am Georgsbrunnen auf dem Kornmarkt. TV-Foto: Friedemann Vetter

Franz Schönberger am Georgsbrunnen auf dem Kornmarkt. TV-Foto: Friedemann Vetter

Trier. Das Interesse für Geschichte wurde mir in die Wiege gelegt. Mein Vater war Professor für Geschichte und Politik an der Pädagogischen Hochschule in Trier. Was er erfahren hat, ist beeindruckend: Mein Vater wurde im Kaiserreich geboren, er hat die Weimarer Republik erlebt, das Naziregime und die Bundesrepublik Deutschland. Wie viele Menschen seines Jahrgangs hat er in vier verschiedenen politischen Systemen gelebt und mehrere Währungswechsel mitbekommen. Ich frage mich oft: "In welcher unheimlichen Spannung muss er gelebt haben?"

Auch die vielen Bauwerke in dem geschichtsträchtigen Trier haben so viel zu erzählen. Wunderbar! Es begeistert mich immer wieder von neuem, dass Trier eine zentrale Bedeutung bei der Entwicklung des Christentums gespielt hat und einst der Nabel der Welt war.

Lebensfreude und Leichtigkeit



Mein Lieblingsplatz ist am Georgsbrunnen auf dem Kornmarkt.

Ich bin ein Barock- und Rokokofan. An dem Brunnen, der als schönster Rokokobrunnen Deutschlands gilt, beeindruckt mich am meisten die für diese Zeit typische ausladende und übertriebene Gestaltung. Das Bauwerk strahlt eine unglaubliche Lebensfreude aus, die Leichtigkeit des Seins! Zudem empfinde ich den Kornmarkt als sehr lebendig: spielende Kinder, vorbeieilende Menschen, Leute, die gemütlich einen Kaffee trinken und das Treiben beobachten.

Als Bildhauer kam ich schon häufig hautnah mit der Historie Triers in Berührung. So etwa habe ich das Groß-Kapitell aus der ersten Trierer Bischofskirche restauriert. Es ist im bischöflichen Museum, in dem "Glaskasten", der von der Deworastraße aus zu sehen ist, ausgestellt. Apropos Platz: Als ich acht Jahre alt war, sind wir nach Trier-Pallien gezogen. Bald hatte ich auch dort einen ganz besonderen Flecken ausfindig gemacht: im Atelier unserer Nachbarin, einer Bildhauerin. Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich mit einem Taschenmesser, das ich meinem Vater zuvor stibitzt hatte, eine Gipsfigur aus dem Abfall der Künstlerin gestaltete und sie später mit Wasserfarben anmalte. Mein Erstlingswerk steht heute noch in meinem Atelier in Trier-Olewig. Damals wurde der Wunsch in mir wach, auch Bildhauer zu werden. Denn die dreidimensionale Kunst ist eine andere Welt. Ich mag die Auseinandersetzung mit ihr. Skulpturen muss man ins Leben integrieren und ich liebe es, bei der Betrachtung die vielen verschiedenen Facetten eines Werkes zu entdecken. Je nach Anblick entwickelt sie immer eine völlig andere Energie!

Als Künstler, Vater von vier Kindern und Großvater habe ich schon einiges in Trier erlebt. Ich habe mir einen Spruch zurechtgezimmert, der meiner Meinung nach viel Wahrheit enthält: Die Gegenwart ist unsere Verantwortung, aus der Vergangenheit können wir schöpfen und mit dem Wissen und der Erinnerung, die auch Mahnung sein kann, müssen wir in die Zukunft agieren. Zur Zukunft fällt mir etwas Wichtiges ein: Nicht nur alte Zeitzeugen interessieren mich, auch viele neue Bauwerke finde ich grandios. Das "Weinhaus Becker", es steht gegenüber von meinem Atelier, ist ein fantastischer moderner Bau aus dem Jahr 2009. Die Ästhetik seiner Schlichtheit ist umwerfend! So wie vieles in Trier.

Aufgezeichnet von Katja Bernardy

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort