TV-Serie Stadtteiltour: Das alte Dorf Feyen schwindet, das neue Viertel boomt

TV-Serie Stadtteiltour: Das alte Dorf Feyen schwindet, das neue Viertel boomt

Trier-Feyen boomt: Mehr als hundert Wohnungen entstehen im Konversionsgebiet Castelnau, Castelnau II ist schon in der Planung. Neben den topmodernen Neubauten wirkt der teils morbide Charme der alten Ecken und Winkel des Doppel-Stadtteils besonders intensiv.

Foto: christiane wolff (woc) ("TV-Upload wolff"
Foto: Christiane Wolff (woc) ("TV-Upload Wolff"
Bego Bergfelder kickte als Profi für Eintracht Trier. Die Feyener Grafschaft hat sich der gebürtige Kölner zur Wahlheimat erkoren. Foto: christiane wolff (woc) ("TV-Upload wolff"

In Alt-Feyen und auf der Weismark sind die alten Dorf- und Siedlungsstrukturen zwar noch erlebbar, die Umwandlung der riesigen Ex-Militärfläche in neue Wohnviertel hat den Stadtteil in den vergangenen Jahrzehnten allerdings stark verändert. In den nächsten Jahren dürfte sich Feyen-Weismark mit den Neubaugebieten Castelnau und dem geplanten Castelnau II weiter zu einem der begehrtesten Wohnviertel der Stadt entwickeln. Ein Stadtrundgang mit Ortsvorsteher Rainer Lehnart öffnet die Augen für die kleinen Dinge, die neben der alles überstrahlenden Entwicklung den Stadtteil ausmachen.

I.
Einkaufswagen rasseln über den Asphalt, Kofferräume werden vollgepackt, Autos rollen im Schritttempo über den Parkplatz. Eingerahmt wird die Szenerie von den üblichen großen Schriftzügen: Edeka, Aldi, dm. Dazu Apotheke, Bäckerei, ein Reisebüro. Demnächst eröffnet ein Döner-Grill. Dazwischen ein gelber Briefkasten: "Der hat mich viel Schweiß und Blut gekostet", sagt Ortsvorsteher Rainer Lehnart. "Das war ein ewiges Hin und Her mit der Post, bis der Briefkasten installiert wurde." Sein nächstes Rundenziel im Kampf mit dem gelben Riesen: eine Packstation, an der rund um die Uhr vollautomatisch Pakete abgeholt und aufgegeben werden können.
Sehr viel hübscher wird die gelbe Automatenwand das Feyener Einkaufszentrum auch nicht machen. Trotzdem: Das Center ist seit seiner Eröffnung im Oktober 2014 zu einem wichtigen Treffpunkt geworden. "Hier laufen sich alle über den Weg", sagt Lehnart. An diesem Nachmittag auch Bego Bergfelder. Der Kölner ist 1972 nach Trier gekommen, um für die Eintracht - damals gerade in die zweite Liga aufgestiegen - zu kicken. 1982 war Schluss mit der Profikarriere. Bergfelder blieb, als Trainer und als Mitarbeiter im städtischen Sportamt. "Klar haben meine Frau und ich überlegt, zurück nach Köln zu gehen. Aber wir haben uns in Trier immer wohlgefühlt und sind hier heimisch geworden", sagt der heute 69-Jährige. 1992 sind die Bergfelders von Mariahof auf die Grafschaft in Feyen ins eigene Haus umgezogen. Nicht nur die Geschicke der Eintracht verfolgt der Ex-Fußballprofi immer noch, auch die Trierer Basketballer und die Miezen interessieren ihn. "Alle nagen am Hungertuch und haben es deswegen schwer - heute ist Sport noch viel mehr ein Geschäft, als er es zu meinen Zeiten schon war", sagt Bergfelder.

II.
Weiter geht's die alte Pellinger Straße hinunter. Die alte Kneipe Bit in Feyen hat geschlossen, auch das Möbelhaus Müller und Schmidt - seit 1939 in Feyen ansässig - hat schon bessere Zeiten gesehen. In der Schreinerei wird längst nicht mehr gearbeitet, im großen Geschäftsraum läuft der Abverkauf der letzten Möbel. Was in der Zukunft mit dem großen Firmengelände geschehen soll, ist noch offen.

III.
Die Straße Am Knie und der Feyener Weg lassen erahnen, wie das alte Dorf bei seiner Eingemeindung vor 102 Jahren ausgesehen hat. Aber auch hier nagt der Zahn der Zeit: Der Straßenbelag ist an vielen Stellen aufgebrochen, die alten Pflastersteine lugen durch die Asphaltlöcher. Die Bürgersteige sind schief und buckelig. An- und Umbauten durchbrechen die alten Häuserzeilen und lassen den Straßenzug wirken wie zusammengewürfelt. "Eine Straßensanierung wäre hier dringend nötig", sagt Ortsvorsteher Lehnart. In einer reinen Anliegerstraße müssen diese zum größten Teil die Anwohner zahlen. Viele Bauten machen allerdings nicht den Eindruck, als würden ihre Bewohner das mal eben aus der Portokasse zahlen.
Dazwischen liebevoll renovierte Häuschen in Rot, Blau und Gelb und vor Blumen überquellende Vorgärten. In einem der schmucken Häuschen wohnt Sylvia Schmitt. Die 51-Jährige stammt von der Weismark, ihr Mann ist gebürtiger Feyener. Anders, als es bei Nachbarorten häufig zum schlechten Ton gehört, gibt es zwischen Feyenern und Weismarkern keine Ressentiments. "Und hat es auch früher nie gegeben", sagt Sylvia Schmitt. Von der alten Dorf- und Siedlungsgemeinschaft sei durch Zu- und Wegzug und die vielen neuen Wohngebiete allerdings ohnehin nicht mehr viel übrig. "Aber einige sind geblieben. Unser Freundeskreis stammt noch aus unserer Grundschulzeit, das ist trotz aller Veränderung immer noch unsere Heimat hier", sagt Sylvia Schmitt. Wie ihr Mann und ihre Tochter engagiert sie sich im Musikverein Feyen. Während der Ehemann Trompete spielt und die Tochter Klarinette, ist Sylvia allerdings keine Musikerin und kümmert sich stattdessen um Organisatorisches.

IV.
An der Feyener Bezirkssportanlage vorbei reicht der Blick über die Mosel bis nach Euren. An diesem Nachmittag liegt der neue Kunstrasenplatz still da. Die große Sporthalle ist kürzlich nach halbjähriger Sperrung wieder eröffnet worden. Die baufällige Deckenkonstruktion musste abgesichert werden. An der gegenüberliegenden Seite der Clara-Viebig-Straße erstrecken sich die ehemaligen französischen Kasernengebäude, die um die Jahrtausendwende in Wohnhäuser umgebaut wurden. "Aus den Plänen, das ehemalige Militärgebiet in so etwas wie eine Parkanlage zu verwandeln, ist leider nichts geworden", sagt Ortsvorsteher Lehnart. Vor jeder Erdgeschosswohnung sind Gärten abgezäunt. Wege, die durch die Wohnanlage führen, gibt es kaum.

V.
Wenige Meter weiter wurden die alten Wohnhäuser der Franzosen abgerissen und neue Ein- und Doppelfamilienhäuser gebaut. Die Straße, in der ehemals die Grundschule für die französischen Kinder stand, hätte Lehnart gerne nach dieser benannt. Sie trug den Namen des französischen Schriftstellers Alphonse de Lamartine. "Damals hatten wir allerdings noch eine CDU-Mehrheit im Ortsbeirat - und die stimmte aus rein politischen Gründen gegen meinen Vorschlag", sagt Lehnart. Statt dessen votierte die CDU für Valentinian - einer der letzten Kaiser von Trier - als Namensgeber. Lehnarts späte Genugtuung: Als Jahre später das Neubauviertel nordöstlich des Pfahlweihers entstand, brachte Lehnart für eine der neuen Straßen Lamartine erneut ins Spiel - und setzte den Namen im mittlerweile SPD-dominierten Ortsbeirat durch.

VI.
An der Ecke Im Hofacker/Am Bildstock ragt hinter Bäumen und Büschen ein Gebäude in die Höhe, das nicht ins Bild der kleinen Siedlungshäuser passt. Davor Glascontainer und eine Litfaßsäule. Irgendjemand hat sich in den vergangenen Tagen erbarmt und die vertrocknete Grasfläche gemäht.
Den Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg hatte bis vor einiger Zeit eine Jugendgruppe genutzt. Mittlerweile ist das aus Brandschutzgründen nicht mehr möglich. Seitdem steht das große Gebäude an der markanten Straßenecke leer. Es abzureißen ist nicht möglich, Denkmalschutz. Vor einigen Jahren standen 15 000 Euro aus dem Stadtteilbudget bereit, um dem Bunker zumindest einen frischen Anstrich zu verpassen und den kleinen Vorplatz ansehnlich herzurichten. "Bei einer Bürgerversammlung, bei der es darum ging, wie die Pflege des künftigen Platzes unter den Anliegern aufgeteilt werden sollte, stellten sich die meisten Anwohner allerdings quer", berichtet Lehnart. Das Vorhaben wurde aufgegeben. Der Platz verwildert weiter.

VII.
Seit 60 Jahren wohnt Rosa Lenz in ihrem Haus am Bildstock. "Und das gerne", sagt die 91-Jährige mit dem feinen grauen Haar, den wasserblauen Augen und dem verschmitzten Lächeln. Ihre Kindheit und Jugend im 100-Seelen-Dorf Lonzenburg im Hochwald hat sie trotzdem nie vergessen - und in Dutzenden Geschichten und Gedichten festgehalten. "Als Schulmädchen war mir Schreiben ein Graus", sagt die zarte Frau. "Aber als meine Enkelin mich immer wieder nach Geschichten von früher fragte, hab ich angefangen, alles aufzuschreiben." Und so startete Rosa Lenz mit 69 Jahren eine späte Autorenkarriere. Ein gedrucktes Buch - "Erinnerungen an die (gute) alte Zeit" - ist dabei herausgekommen und mehrere Hefte und Ordner voll mit feiner Handschrift beschriebener Seiten mit Erinnerungen, Erlebnissen, Gedanken über den Kreislauf der Natur und das Leben. In den Grundschulen Feyen und Heiligkreuz war sie zum Vorlesen. "Ich hab den Kindern immer gesagt, dass sie mir jederzeit Fragen stellen sollen, wenn sie etwas näher wissen wollen - und war ganz überrascht, wie groß das Interesse der Kleinen an der alten Zeit ist."

VIII.
Rosensträucher und Oleanderbüsche säumen am unteren Ende der alten Pellinger Straße die Zufahrt zum Weingut Wahlen. Die warme Abendsonne lässt das Anwesen und seine im Hang dahinter liegenden Weinberge leuchten. Trotzdem fällt das Kleinod bei einem flüchtigen Besuch von Feyen-Weismark nicht ins Auge: Die in den 1960er Jahren gebaute Brücke, über die die neue Pellinger Straße an dieser Stelle führt, verwehrt den Blick auf das alteingesessene Familienweingut des Stadtteils.
Dabei handelt es sich um einen historisch bedeutenden Flecken - nämlich den wohl ältesten im Ortsbezirk. Schon häufiger hat die Winzerfamilie das Landesmuseum herbeigerufen, wenn bei Bodenarbeiten antike Fundstücke ans Tageslicht kamen, zum Beispiel Teile eines römischen Altars oder Mosaikböden aus Römerzeiten. "Hinter der alten Germanus-Kapelle, die zum Hof gehört, wurden in Sarkophagen Weintraubenkerne gefunden", erzählt Winzerin Maria Wahlen.
Nach den Römern kamen die Nonnen, bis ins 13. Jahrhundert stand auf dem Gelände ein Kloster. Seit 1843 gehört das Anwesen der Winzerfamilie Müller-Wahlen. Davon, dass das Gut laut Grundbuch zur Pfarrgemeinde St. Mattheis gehört, zeugt der Name der Weinbergslage: Trierer St. Mattheiser. "Aber unser Hof gehört zu Feyen!", sagt Maria Wahlen, selbst gebürtige Feyenerin.
Und so endet die Stadtteiltour an diesem nordwestlichen und ältesten Zipfel von Feyen-Weismark bei echtem Moselwein - schließlich sind die St. Mattheiser Weinberge die einzigen der Stadt, die diesseitig der Mosel zumindest in Sichtweite des Flusses stehen.

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