Umbaut statt überbaut

Große Kalksteinsäulen schlucken das Licht, das durch die Fenster des Doms fällt. Hier liegt eine Sehenswürdigkeit, die Stadtführerin Marianne Doms besonders fasziniert: der römische Quadratbau.

Trier. Es ist dämmrig und kühl im Trierer Dom, leise Musik läuft im Hintergrund, Gläubige beten oder zünden Kerzen an, Touristen bestaunen Jahrhunderte alte Stein gewordene Geschichte. Seit 1600 Jahren wird an diesem Ort fast kontinuierlich Gottesdienst gefeiert. "Das ist etwas Besonderes", schwärmt die Stadtführerin Marianne Doms. In anderen Städten wurden alte Kirchen und Paläste zerstört und neue Bauten darüber gesetzt. Ganz anders der Trierer Dom. Er besitzt noch Elemente der mehr als 1700 Jahre alten Doppelkirche: Ein 40 mal 40 Meter großer Quadratbau lebt in seinem Inneren weiter. Er wurde umbaut statt überbaut. Gestützt wurde das Bauwerk zunächst durch Granitsäulen. Da sie während der Völkerwanderungen im 5. Jahrhundert beschädigt wurden, ersetzte man sie durch die heute noch stehenden Kalksteinsäulen. Diese stammen wiederum aus einem heidnischen Tempel.

"Unglaubliche Kontinuität der Geschichte"



"Am Quadratbau sieht man eine unglaubliche Kontinuität der Geschichte", erzählt Marianne Doms fasziniert. "Es wurde nicht einfach ein komplett neuer Bau konstruiert, man orientierte sich beim Umbauen immer am Quadratbau."

Im 11. Jahrhundert begann der Bau des gewaltigen Westbaus in gleicher Fluchtlinie mit dem sechshundert Jahre älteren Quadratbau. Im 12. Jahrhundert durchbrach man die Ostwand und fügte den Ostchor hinzu. Ein Feuerwerkskörper zerstörte im 18. Jahrhundert den Dachstuhl. Um wenigstens einen Teil der ursprünglichen Mauern zu retten, wurde die obere Fensterreihe weggenommen und ein neues Obergeschoss aufgebaut. Vorher war der Quadratbau etwa so hoch wie die Konstantin-Basilika.

Die Stadtführerin weitet die Arme und deutet auf die beiden äußeren Mauern. "Das sind 40 Meter. Denken Sie sich mal die Säulen weg und das obere Geschoss dazu - dann haben sie ein ganz anderes Raumerlebnis." Im 20. Jahrhundert musste der Quadratbau mit dicken Stahlseilen vor dem Einstürzen bewahrt werden. Außerdem wurde die Nordmauer wieder bis auf römisches Niveau frei gelegt. So bekommt man einen Eindruck von den Dimensionen, in denen die Römer bauten.

Der TV stellt in einer Serie Trierer Gästeführer und ihre Lieblings-Sehenswürdigkeiten, -Plätze und -Histörchen vor und zeigt, was es abseits der ausgetretenen Touristenpfade alles zu entdecken gibt. EXTRA Marianne Doms ist seit 1994 Dom- und Stadtführerin. Zuvor lehrte sie Deutsch und Geschichte. Stadtführerin wurde sie, weil sie auch in ihrem Ruhestand anderen Menschen etwas mitgeben wollte. Ihre Leidenschaft gilt der Geschichte und Kunstgeschichte, beides hat sie studiert. (wei)