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Und plötzlich kam das Wasser

Und plötzlich kam das Wasser

KORDEL. Land unter hieß es ziemlich plötzlich am gestrigen Mittag in Kordel. Als Folge eines Unwetters im Kreis Bitburg-Prüm wälzten sich braune Wassermassen von Welschbillig aus ins Kylltal und überfluteten den Kordeler Ortskern.

Der Versuch, gegen dreizehn Uhr von Welschbillig aus nach Kordel zu gelangen, wird von Warnungen begleitet: "Da gibt es kein Durchkommen mehr." Tatsächlich wälzen sich die Wassermassen, die zunächst einen Großeinsatz der Feuerwehren in Welschbillig ausgelöst hatten, ins Kylltal und überfluten dabei Teile der Straßen.

Zum Beispiel an der Albertsmühle unterhalb von Welschbillig, wo sich ein dramatischer Anblick bietet: Ein breiter Strom reißt mit ungeheurer Wucht alles mit, was sich ihm in den Weg stellt. "Wir vermuten, dass uns acht bis zehn Rinder weggeschwommen sind", sagt Matthias Albert, Bruder des Hofinhabers Thomas Albert, der fassungslos auf die überschwemmten Kuhweiden blickt. "Wir suchen auch noch ein Kälbchen", sagt er, auf eine verzweifelt brüllende Mutterkuh am Rand des Wassers deutend.

"Wir dachten erst, es brennt"

Während die Brüder Albert versuchen, zu retten, was zu retten ist, kämpfen weiter unten im Tal auch die Kordeler mit den Fluten. "Hier kam das ganz unerwartet, es hat ja auch nicht viel geregnet", erzählt Helga Thelen aus der Bahnhofstraße. "Die Sirenen gingen, und wir dachten erst, es brennt. Aber dann war plötzlich Hochwasser." Die Feuerwehr habe Autofahrer aufgefordert, ihre Fahrzeuge aus dem Ortskern zu entfernen. "Durch Unwetter im Kreis Bitburg-Prüm sind die Nebenflüsse der Kyll schlagartig angestiegen", sagt Kreisfeuerwehr-Inspekteur Ortwin Neuschwander. Regengüsse mit 120 Litern pro Quadratmeter hätten zu den Überflutungen mit Schwerpunkt Welschbillig und Kordel geführt. Man habe sofort begonnen, Gebäude mit Sandsäcken zu sichern, zu pumpen und Durchläufe freizuhalten.

"Schon um 12.15 Uhr habe ich von der Kyllbrücke aus gesehen, wie hinten das Wasser hochschäumt", sagt ein Kordeler, der "mittendrin wohnt" und mit Gummistiefeln den schnell errichteten Damm neben dem Stadtpark schützen hilft. Dort haben sich viele besorgte Bürger versammelt. Auch Landrat Günther Schartz ist da, um sich ein Bild von der Lage zu machen. "Vordringlich müssen wir jetzt Schaden von Menschen abwenden", sagt er.

Das ist, zumindest die Kinder betreffend, schon geschehen: "Mich hat mein zehnjähriger Sohn Fabian in der Arbeit angerufen und hat ganz aufgeregt in den Hörer gebrüllt, dass die Schule geräumt wird", erzählt Marion Lauterborn. Auch die Kindergartenkinder seien nach Hause geschickt worden. Gerade noch rechtzeitig, denn wenig später gleicht die Ortsmitte in Kordel einem See. Die Angestellten der Bank sitzen eingeschlossen auf den Stufen ihres Gebäudes, ein Schlauchboot der DLRG schwankt auf dem Wasser, Männer in Neopren-Anzügen tragen Sandsäcke in die völlig geflutete Straße "Im Städtchen".

Dort steht Holger Hartmann bis fast zu den Knien im Wasser - vor seinem neuen Haus. Er hatte einen Anruf seines Nachbarn bei seiner Arbeitsstelle in Luxemburg erhalten. "Ich bin direkt gekommen und habe es noch geschafft, alles zu sichern", sagt er. Er habe kein Wasser im Gebäude, auch weil er etwas höher gebaut habe. "Jetzt helfe ich, wo es geht." Zum Beispiel beim Nachbarn im liebevoll renovierten Bauernhaus, der braune Brühe in den ebenso braunen See vor seiner Haustür pumpt. Während Einsatzkräfte und freiwillige Helfer versuchen, den Schaden in Grenzen zu halten, beobachten andere den Pegelstand in den neuen Rückhalteschächten, ohne die es wahrscheinlich noch schlimmer gekommen wäre.

Dennoch gehen Sorgen um. Per Handy informieren sich die Verantwortlichen ständig über aktuelle Wetterprognosen, ein Anwohner beobachtet kritisch den Druck des Wassers auf die Eisenbahnbrücke. Doch gegen 14 Uhr ist eine erste Entspannung sichtbar. Immer noch tost die Flut durch Kordel, auch die Kyll gleicht einem reißenden Strom und führt jede Menge Treibgut mit, doch die Pegelstände sinken. "Wenn hier aufgeräumt ist, müssen wir drüber reden, was dann getan werden muss, damit es nicht wieder so weit kommt", sagt Landrat Schartz.

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