Interview über Erfolge & Herausforderungen Nach 12 Jahren als Uni-Präsident: Prof. Dr. Michael Jäckel hört auf

Nach zwölf Jahren Amtszeit endet heute die Zeit als Präsident der Uni Trier. Von Erfolgen, Enttäuschungen und dem Kampf am Rande der Republik.

Prof. Dr. Michael Jäckel übergibt heute sein Amt an seine Nachfolgerin Prof. Dr. Eva Eckkrammer.

Prof. Dr. Michael Jäckel übergibt heute sein Amt an seine Nachfolgerin Prof. Dr. Eva Eckkrammer.

Foto: Sheila Dolman

Herr Jäckel. Sie sind 2011 das Amt als Uni-Präsident angetreten. Seit dem hat sich in der Hochschullandschaft viel getan. Lohnt es sich für einen jungen Menschen noch, an der Uni Trier ein Studium zu beginnen?

MICHAEL JÄCKEL Das geht ja gut los. Selbstverständlich, auf jeden Fall: Gute Studienbedingungen und gute Betreuungsrelationen nenne ich mal an erster Stelle. Wir kommen aus einer geisteswissenschaftlichen Tradition und haben uns  im vergangenen Jahrzehnt an vielen Stellen erneuert und neuen Bedarfen angepasst: Politikwissenschaft, Jura, das Querschnittsthema Interkulturelle Kommunikation. Wir haben also wichtige Weichen für die Zukunft gestellt. Auch der noch junge Studiengang „Klinische Pflege“, überhaupt die Gesundheitswissenschaften, werden ihren Beitrag leisten. Da hat sich bei der Vergütung der Studierenden etwas Wesentliches verändert. Die Praxisphase wird nun doch (wieder) vergütet. Ich glaube, dass wir im Bereich Gesundheits- und Pflegewissenschaften einen guten Standort aufbauen können. Im Bereich der Mint-Fächer und den Wirtschaftswissenschaften sind wir ebenfalls auf einem guten Weg und haben immer neue Angebote, vor allem englischsprachige Studiengänge, auf den Weg gebracht. Der Standort ist auch von seiner Qualität im Vergleich zu vielen anderen Universitäten gut. Dass es auf dem Campus viele Baustellen gibt, ist ein gutes Zeichen dafür, dass es vorangeht. Allerdings sind es derzeit mehrere kleine Baustellen und zu wenige große.

Dabei hatten Sie zum Beispiel die Idee des Neubaus einer Mensa.

JÄCKEL Ja, aber leider sind derzeit vom Land keine Signale für ein großes Bauvorhaben zu erkennen. Und in Sachen Mobilität tut sich leider auch kaum etwas. Die Erreichbarkeit der Universität Trier ist und bleibt leider ein Problem. Ich habe immer gegen das Randlagenargument gekämpft, aber man muss leider sagen, dass wir im Ankündigungsmodus verharren. Wir müssen heute sehr intensiv für bestimmte Projektstellen werben, damit Leute nach Trier kommen. Wir müssen mit Blick auf die Rekrutierung deutlich mehr tun als andere Universitäten. Überlagert wird das zudem durch die Debatte, dass der Wissenschaftsort ein interessanter Arbeitsort bleibt. Offenbar suchen viele junge Menschen, besonders in und nach der Masterphase, das urbane Umfeld.

Sie werden sich nachsagen lassen müssen, dass die Studierendenzahlen in Ihrer Amtszeit deutlich zurückgegangen sind? Von 15.000 auf unter 12.000. So wenige Menschen wie nie studieren an der Uni Trier.

JÄCKEL Wie nie? Bis 2014 ging es ja aufwärts. Dann haben wir die alten Studiengänge „abgewickelt“, also Diplom und Magister. Das hat zu einer statistischen Bereinigung geführt. Aber es gibt hier nichts zu beschönigen. Dieser Prozess hat in Trier früher begonnen als in anderen Teilen der Republik. Das Fächerspektrum ist eben insgesamt eine Herausforderung, die wir aktiv angehen. Aber inzwischen stellen sich ja alle die Frage: Wo sind die jungen Leute? Für die Rekrutierung von Studierenden ist der Umkreis von 50 bis 100 Kilometern wichtig. Hier in Trier ist es aber leider kein Kreis, sondern eher ein Halbkreis. Wir haben zwar guten Zuspruch aus Luxemburg. Aber aus Frankreich oder Belgien ist die Zahl eher überschaubar.

Das erfordert besondere Innovationen?

JÄCKEL Wir denken in jedem Semester darüber nach, welche Innovationen möglich sind. Tatsächlich erneuern wir uns ständig. Wir haben zum Beispiel mit dem Studiengang für das Lehramt Grundschule reagiert. Das ist eine Bank, die uns in jedem Jahr 100 bis 120 neue Studierende einbringt. Wichtig war auch die Einführung des Studiengangsmonitoring, mit dem wir auf Entwicklungen innerhalb der einzelnen Fachbereiche reagieren können.

Sie haben bereits vor vier Jahren in einem Positionspapier beschrieben, wie nach Ihrer Meinung die Uni Trier sich in Forschung und Lehre entwickeln muss. Wie sieht es in der Praxis aus?

JÄCKEL Bei der Qualitätssicherung in der Lehre sind die Entwicklungen enorm. Das trifft insgesamt bei den Fortschritten im Wissenschaftsmanagement in den vergangenen zwölf Jahren zu. Aber natürlich gibt es Baustellen, die noch nicht vollendet werden konnten.

Digitalisierung ist ein Thema, das über allem schwebt.

JÄCKEL Wir haben die Koordinationsstelle E-Learning umgewandelt in die Arbeitsstelle für gute und innovative Lehre. Es geht nicht um die Unterscheidung, sondern darum, das Analoge und das Digitale gut miteinander zu verknüpfen. In der Vergangenheit war bei einer Professur das wesentliche Aushängeschild vor allem, wie stark man in der Forschung ist. Die Anerkennung für die Lehre hat zugenommen.

Ein Thema bei der Digitalisierung ist auch die Infrastruktur.

JÄCKEL Die Umgestaltung des Lernorts war eine wichtige Sache. Da ist zum Beispiel in der Bibliothek viel passiert. Wir haben jetzt das Grundschulzentrum eingerichtet. Das Bio-Geo-Lab wurde reaktiviert. Und wir werden in den nächsten Jahren weitere Seminarräume umrüsten. Leider wird unser Wunsch nach einem größeren neuen Gebäude im Sinne eines Student Center wohl nicht schnell realisiert werden können. Ein Jahr nach Ende der Pandemie zeigt sich aber, dass sich die Erwartung mit Blick auf eine deutliche Verschiebung zur digitalen Gestaltung des Lehrprogramms nicht bewahrheitet hat. Wir sind wieder stark in die Präsenzlehre zurückgekehrt.

Trier ist zwar Universitätsstadt. In der Talstadt ist aber wenig davon zu spüren. Eines Ihrer Ziele war es, die Campus-Universität stärker in die Stadt zu bringen. Da ist nichts passiert.

JÄCKEL Nichts passiert? Wer legt denn hier die Messlatte fest? Also: City Campus, erstmals 2012, heute mit Illuminale, Gründung der Wissenschaftsallianz, Kooperationsabkommen mit der Stadt, intensive Zusammenarbeit in den Bereichen Kultur, Kunst, Theater, Sport, Soziales, Bildung usw. Wir gehen mit Veranstaltungen regelmäßig in die Innenstadt, pflegen das Universitätserbe. Im vergangenen Jahr haben wir den vorübergehend verwaisten Kiosk auf dem Hauptmarkt in „Triers kleinsten Hörsaal“ umgewandelt. Aber der Alltag findet eben oben auf dem Campus statt.

Ist die Zusammenarbeit mit der Stadt tatsächlich besser geworden?

JÄCKEL Das ist schon so, aber es gibt noch Verbesserungsbedarf. Wir sind zum Beispiel bei der Gestaltung der neuen Ortsschilder für die Hochschul- und Universitätsstadt Trier nicht gefragt worden. Da ist zum Beispiel ein Mikroskop zu sehen. Wir treffen uns so oft zu verschiedenen Anlässen, sitzen stundenlang zusammen und werden dann von solchen Dingen überrascht. Das könnte besser werden.

Baulich ist in den vergangenen Jahren einiges auf dem Campus passiert. Dennoch sind die meisten Gebäude in die Jahre gekommen. Ein energetische Sanierung würde aber enorm teuer?

JÄCKEL Das ist ein Riesenprojekt, aber nicht nur für die Universität Trier, sondern in ganz Deutschland. Der Wissenschaftsrat hat den Sanierungsstau in Deutschland auf mindestens 60 Milliarden Euro geschätzt, ohne die Universitätskliniken. Gemessen daran ist die Situation hier noch relativ gut. Wir haben mit Blick auf die energetische Sanierung eine lange Vorschlagsliste an das Land gegeben. Definitiv muss das größte und älteste Gebäude, das A/B-Gebäude, in den kommenden fünf bis zehn Jahren generalsaniert werden. Dort wird es schon bald Einbauten aus Brandschutzgründen geben müssen, die die räumlichen Möglichkeiten verkleinern.

Bei allen Bauvorhaben ist die Universität Trier vom Land abhängig?

JÄCKEL Wir sind Mieter der Gebäude und können nur kleinere Projekte, z. B. den Umbau des Senatsbereichs, die Neugestaltung des Audimax oder das Learning Garden-Konzept selbst steuern. Diese Projekte sind aber sehr motivierend für unsere Leute hier.

Auf der anderen Seite stehen Großprojekte wie die Sanierung von Campus II, was als längste Baustelle Triers Schlagzeilen geschrieben hat.

JÄCKEL Aber den Druck gegenüber den Verantwortlichen habe ich hochgehalten. Und ich habe wiederholt auf das umfängliche Baukapitel in unserem Hochschulentwicklungsplan hingewiesen. Auch für Photovoltaik hätten wir eine große Freifläche. Aber das dauert alles viel zu lang. Auf dem Westparkplatz sollte zum Beispiel schon lange eine E-Ladestation entstehen. Wenn man Campus II außen vorlässt, passiert derzeit eine ganze Menge. Jeder registriert das sofort. Aber was Neubauten angeht, passiert im ganzen Land derzeit wenig. Mit dem aktuellen Haushalt sind einfach auch keine großen Sprünge möglich.

Es ist also noch viel zu tun. Warum haben Sie dann nicht mehr kandidiert?

JÄCKEL Ich habe dieses Amt sehr gerne ausgeübt und gestaltet. Aber ich zitiere gerne Arnd Morkel, den ersten Präsidenten: „Eine Universität ist nie fertig.“ Ich habe in den zwölf Jahren meiner Amtszeit gelernt, dass fast alles (sehr) viel Zeit benötigt. Es gab nur wenige Dinge, die leicht zu realisieren waren. Eine erneute erfolgreiche Kandidatur hätte zwei weitere Jahre bedeutet. Dann hätte die Pensionierung angestanden. Eine Verlängerung darüber hinaus kam für mich nie infrage. Das ist als Zeitraum einfach zu kurz, um noch etwas Großes zu bewegen. Zwölf klingt auch besser als 14. Aber ich will nicht verhehlen, dass es in den vergangenen Jahren auch schwierige Debatten gab, die vor allem mein Verhältnis zum Hochschulrat etwas komplexer gestaltet haben. Die Debatte, wie sich die Universität mittel- und langfristig aufstellen soll, war einfach anstrengend.

Sie wenden sich regelmäßig in Rundmails an die Studierenden. Dennoch scheint der Unipräsident vielen eher eine wenig greifbare Person zu sein. Manche sprechen von einem „Phantom“.

JÄCKEL Upps! You`re kidding. Wir können gerne mal gemeinsam durch die Stadt oder auf ein Fest gehen. Das wundert mich jetzt wirklich.

Was waren im Rückblick die größten Erfolge?

JÄCKEL Da fällt die Auswahl schwer. Für einen Standort wie Trier ist wichtig, ihn im Gespräch zu halten. Das ist gelungen. Für mich war sicher die Tagung der Hochschulrektorenkonferenz in diesem Jahr der Höhepunkt. Der Campus machte auf viele Besucher einen guten Eindruck. Es gibt einige große Tagungen, die für die Repräsentation der Universität wichtig waren und bleiben. Die Zusammenarbeit mit den außeruniversitären Institutionen ist deutlich verbessert worden. Zum Beispiel hat sich das Leibniz-Institut für Psychologie, das ZPID, erheblich vergrößert. Wir haben die Außenstelle des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, ein wichtiger Erfolg für die Trierer Informatik, ebenso wie die enge Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für Informatik. Wir pflegen zusammen die weltweit führende Informationsdatenbank für Informatik. Die Altertumswissenschaften haben sich in den vergangenen zwölf Jahren neu aufgestellt. Bei der Forschung und Lehre im Bereich maritime Antike sind wir führend. Aber auch der Leibniz-Preis für Lutz Raphael war ein riesiger Erfolg.
Enttäuschend war, dass wir den Sonderforschungsbereich im Bereich Resilienz nicht bekommen haben. Aber im Ausgleich konnten andere Langfristvorhaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeworben werden. Insgesamt konnten wir die Drittmittel-Einwerbung steigern. Ich hoffe, dass dieser Weg weiter beschritten werden kann.

Eine der schlimmsten Enttäuschungen war sicher das wegen der Corona-Pandemie nahezu ausgefallene Jubiläum 50 Jahre Uni Trier.

JÄCKEL Das ist so. Denn darauf hatten wir seit Ende 2018 hingearbeitet und ein großes Programm vorbereitet, inklusive Festakt in der Konstantin-Basilika. 2023 haben wir das zumindest ein wenig nachgeholt. Aber trotz aller Enttäuschung ist dadurch über die Geschichte der Trierer Universität mehr bekannt geworden. Das Bewusstsein für die historische Stellung Triers ist in jedem Fall gewachsen.

Sie sind seit 2021 auch Präsident der Universität der Großregion. Ist die Internationalität ein wichtiger Aspekt mit Blick auf die Zukunft?

JÄCKEL Definitiv. Gerade haben wir das Jubiläum des Internationalen Ferienkurses gefeiert. Und natürlich sind die englischsprachigen Studiengänge wichtig, die überwiegend auch gut nachgefragt werden. Der Betreuungs- und Prüfungsaufwand ist da zum Teil enorm. Aber wir müssen auf drei Schienen fahren: regional, national, international. Und Standortmarketing für Rheinland-Pfalz tut not.

Ihre Nachfolgerin wird Frau Eckkrammer. Die erste Frau an der Spitze der Universität.

JÄCKEL Bisher gab es tatsächlich nur Männer an der Spitze der Universität. Dass es keine internen Bewerber gegeben hat, war sicher eine Überraschung. Am Ende hat Frau Eckkrammer klar unter den externen Bewerbungen das Rennen gemacht. Sie hat sich gut präsentiert. Jetzt sind alle gespannt. Ich wünsche ihr alles Gute und viel Erfolg.

Welche Themen legen sie Ihr besonders ans Herz?

JÄCKEL Für mich ist der Amtswechsel ein Schnitt. Ich habe ihr natürlich eine Übersicht über die laufenden Dinge gegeben, aber in den vergangenen Wochen bewusst nichts Neues initiiert. Es gibt Dinge, die Sie als Hochschulpräsident machen müssen, es gibt Dinge, die werden von Ihnen erwartet, es gibt Dinge, die können Sie machen, es gibt Dinge, die kann man lassen. Aber am Ende ist jeder selbst dafür verantwortlich, wie man das Amt ausgestaltet.

Und was macht Michael Jäckel nach dem 1. September?

JÄCKEL Ich werde mein Sabbatical nutzen und weiterhin Dinge tun, die mir Spaß machen und von denen die Universität auch etwas hat. Ich habe mir vorgenommen, an frühere Themen, die ich als Soziologe bearbeitet habe, anzuknüpfen. Auch das Thema Historie der Universität hat mich gepackt. Da will ich einen eigenen Podcast produzieren.

Und was passiert privat?

JÄCKEL Privat wird Trier Lebensmittelpunkt bleiben. Ich bin bereits in verschiedenen Vereinen und Einrichtungen aktiv. Meine Hobbys, das Laufen, die Musik und der A-cappella-Gesang, das Schreiben – das werde ich weiter pflegen. Mit meiner Frau war ich schon immer viel unterwegs – ab und zu auch mit meinen Töchtern, das Wandern in der Region, aber auch an anderen Orten. Immer schön bei Laune bleiben.