Verein baut kulturelle Brücke über 2500 Kilometer

Trier · Wer im Alter seine Heimat verlässt, fasst nur schwer im neuen Land Fuß. Ein russisches Seniorenpaar, Rakhil Kazarnovskaja und Lev Korchemny, hat den Klub "Interessante Begegnungen" gegründet, der für ältere Migranten als kulturelle Brücke zwischen Russland und Trier dient. Er besteht seit 15 Jahren.

Trier. Moskau, Sommer 1994. Russland verändert sich rasant, die Stimmung im Land ist angespannt. Radikale Gruppierungen machen von sich reden, vor allem für Juden wird die Situation immer gefährlicher. Schweren Herzens entschließt sich das jüdische Ehepaar Rakhil Kazarnovskaja und Lev Korchemny, beide 68 Jahre alt, die Heimat zu verlassen.
"Wir waren erst in Dessau", berichtet Rakhil Kazarnovskaja. "Aber unsere Tochter Swetlana war schon in Trier und bat uns, auf ihre Kinder aufzupassen." Diese sind nun längst erwachsen und voll integriert: Samir ist Bauingenieur, Pamela Krankenschwester.
Für das Paar Kazarnovskaja- Korchemny war der Neuanfang in Trier nicht leicht: Fast 70 Jahre alt, kaum Kontakte, wenig deutsche Sprachkenntnisse. "Für einen kostenlosen Sprachkurs waren wir zu alt", erinnert sich Rakhil Kazarnovskaja. Zu Hilfe kam beiden ihr hohes Bildungsniveau - Rakhil promovierte in Chemie und Lev in Ingenieurswissenschaften - und viel Motivation, in Trier heimisch zu werden. Sie fingen an, auf eigene Faust Deutsch zu lernen und gründeten für ältere Menschen in ihrer Lage, darunter viele jüdische Emigranten und Russlanddeutsche, den Club Interessante Begegnungen.
Dieser hat nun sein 15-jähriges Bestehen gefeiert. Jede Woche treffen sich die rund 40 Mitglieder in der Katholischen Familienbildungsstätte. "Allein in den letzten drei Monaten sind sechs Mitglieder verstorben", bedauert Rakhil, die Vorstandsvorsitzende ist. Sie und ihr Mann sind mit mittlerweile 86 Jahren die ältesten Mitglieder, Vorstandsmitglied Lüdmilla Kislakovska mit 62 Jahren die Jüngste.
Hauptziel: Integration



Im Club werden Feste gefeiert und Vorträge veranstaltet - über deutsche Dichter und Komponisten oder über Frauenpersönlichkeiten wie Hildegard von Bingen, Jenny Marx und Lise Meitner. Auch die deutsche, russische und jüdische Geschichte ist ein Thema. Einmal im Monat wird ein aktueller Film gezeigt: Mit den Mitgliedsbeiträgen konnte der Club einen Fernseher, einen DVD-Player und eine Stereoanlage anschaffen. Fast so lange wie den Seniorenclub besteht sein Vokalensemble mit den Namen Shalom Kalinka. Die zehn Sängerinnen traten im Juni sogar auf dem Internationalen Fest auf dem Viehmarkt auf.
"Seit der Gründung des Clubs ist es unser Hauptziel, den Mitgliedern die Integration zu erleichtern", sagt Rakhil Kazarnovskaja. "Viele haben wenig Geld und wenig Kontakte."
Umso mehr freuten sie sich über einen Blumenstrauß zum Geburtstag und über die gemeinsamen Exkursionen, die zunächst in die nähere Umgebung führten, später auch zu Museen und Veranstaltungen unter anderem in Köln, Frankfurt, Metz, Nancy und Colmar. In Trier ist der Club regelmäßiger Gast etwa im Landesmuseum oder im Simeonstift. "Wir leben sehr gern in dieser Stadt", resümiert Rakhil Kazarnovskaja. "Es ist sehr gemütlich hier und wir treffen immer freundliche Leute!"

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