Verhandlung am Landgericht Trier: Trümmerbilder eines Familienlebens

Justiz : Prozess am Landgericht Trier: Trümmerbilder eines Familienlebens

Zweiter Verhandlungstag am Landgericht Trier gegen einen 57-Jährigen, dem Missbrauch seiner Töchter vorgeworfen wird: Der Angeklagte bestreitet alles. Die Zeugenaussagen sind hingegen erdrückend.

Mit einem bewegenden Verhörvideo mit den Schilderungen einer heute 26-jährigen Frau und ihrer 15-jährigen Schwester endete vor einer Woche der erste Verhandlungstag vor der Großen Jugendkammer des Landgerichts Trier. Mit starrer Miene hatte der Angeklagte aus dem Kreis Trier-Saarburg die Aussagen seiner Töchter auf einer Leinwand verfolgt und sie am Ende als gegen ihn gerichtete Inszenierung abgetan (der TV berichtete). Zum Auftakt des zweiten Tages lehnt die Kammer  ein von Verteidiger Günter Buchmann beantragtes Glaubwürdigkeitsgutachten zu den Aussagen der Töchter ab. Sehr detailliert folgt die Begründung des Vorsitzenden Richters Günther Köhler, der dem Angeklagten dann nochmals eine Brücke zum strafmindernden Geständnis anbietet: „Wollen Sie an der Behauptung festhalten, alles sei inszeniert?“ Ja, er bleibe dabei, erklärt der Angeklagte nach Rücksprache mit seinem Verteidiger.

Die folgenden Zeugenaussagen jedoch sind erdrückend – das Eis, über das der 57-Jährige auf der Anklagebank schreiten will, scheint immer dünner zu werden. Als Erster war ein Polizeibeamter im August 2017 mit dem Fall konfrontiert worden. Nun erinnert er sich: „Die Frau erschien mit einer Tochter und einem Sohn gegen 3 Uhr in der Nacht, weil sie sich von ihrem Mann bedroht fühlte.“ Von Abstechen und Anzünden des Hauses sei die Rede gewesen, verbunden mit Vorwürfen wegen massiven sexuellen Missbrauchs. Der Zeuge führt weiter aus: „Das Gespräch war sehr emotional. Der Sohn erinnerte sich, dass er als kleines Kind seinen Vater und die älteste Schwester ungewollt beim Geschlechtsverkehr gesehen habe.“ Das sei normal, habe der Vater gesagt, und er dürfe der Mutter nichts erzählen.

Nächste Zeugin ist eine Kripobeamtin, die den Fall weiter bearbeitet hatte. Ihre Ermittlungen brachten Details zutage, die kaum der Fantasie entsprungen sein können. Etwa das Angebot des Vaters, später ihre Jungfräulichkeit in einer Fachklinik wiederherstellen zu lassen, damit sie bei einer Hochzeit den strengen Vorschriften ihrer Glaubensgemeinschaft entspreche. Auch die Aggressivität des Mannes gegen Frau und Kinder war Thema. Es habe Schläge mit dem Gürtel und Drohungen mit einem Messer gegeben, als es 2017 zur großen Aussprache über die Vorwürfe kommen sollte.

Die Zeugin sieht aber einen wesentlichen Unterschied zwischen den mutmaßlichen Opfern: Während die Ältere rund neun Jahre lang schweigend gelitten habe, sei die Jüngere schon nach zwei Übergriffen des Vaters im Frühjahr 2017 zur Mutter gegangen – und so sei der Stein ins Rollen gekommen.

Dann wird die Mutter selbst als Zeugin gehört. „Ich will nicht mehr zu Papa gehen – der Papa packt mich an“, habe ihr die damals 14-jährige Tochter eröffnet. Die Mutter sagt: „Das war für mich ein schwerer Schlag. In mir brach alles zusammen. Und dann offenbarte sich auch die Ältere.“ Auf Anraten ihrer Schwester habe sich die Familie danach mit den Brüdern des Mannes zur Aussprache getroffen, was aber im Desaster geendet habe, als der Mann ausgerastet sei und die Brüder ihm noch beigestanden hätten. So sei es damals zur nächtlichen Anzeige bei der Polizei gekommen.

Die Mutter spart auch nicht mit Selbstvorwürfen, sie sei über viele Jahre ihrem Mann gegenüber zu nachgiebig gewesen. „Ich ging arbeiten und habe das Geld herangeschafft, und der saß zu Hause und ließ es sich gut gehen. Mein Leben mit dem war grausig, und ich habe nie den Mund aufgemacht.“ Selten habe er gearbeitet, sei immer nur ein paar Wochen bei einer Firma geblieben.

2014 trennte sich das Paar – Anlass war Streit um die Ausgaben nach dem Kauf eines Hauses. Die Töchter sind nach Angaben der Mutter im vergangenen Jahr psychologisch betreut worden. Die Jüngere gehe noch zur Schule, ihre Noten hätten sich deutlich verbessert.

Letzte Zeugin ist die Schwester der Mutter. Zu möglichen sexuellen Übergriffen kann sie wie erwartet nichts sagen. Doch viel zum Martyrium ihrer Schwester, Nichten und Neffen unter dem Regime des Vaters. „Schläge gab es immer. Meine Schwester ist auch schon mal mit einem blauen Auge zur Arbeit gegangen.“

Der drahtige Angeklagte schweigt und starrt unbewegt vor sich hin. Am Montag, 5. März, ab 9 Uhr, soll plädiert werden. Dann erwartet ihn ein Urteil.

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