Verirrt: Großer Flieger landet versehentlich in Trier

Verirrt: Großer Flieger landet versehentlich in Trier

Die Nachricht geht um die Welt: Ein Großflugzeug sitzt in den USA auf einem Provinz-Flughafen fest (der TV berichtete). Aber so etwas ist auch schon in Trier passiert: Am 16. September 1967 ist eine DC-6 auf dem Flugplatz Trier-Euren gelandet - anstatt wie geplant in Luxemburg-Findel. Fotograf Wilhelm Bosl war damals Augenzeuge.

"Mir war sofort klar: Da stimmt etwas nicht." Wilhelm Bosl kann sich an den 16. September 1967 noch genau erinnern. Für die Trierische Landeszeitung ist der Fotograf an diesem Tag auf einem Termin in Konz. Plötzlich segelt ein großes Flugzeug über seinen Kopf: eine viermotorige Douglas DC-6 - damals eines der größten Passagierflugzeuge der Welt - im Anflug auf den Flugplatz in Trier-Euren. Bosl ist Mitglied im Fliegerclub Trier. Er weiß: Der Sport- und Militärflugplatz in Euren hat nur eine Freigabe für ein- bis zweimotorige Flugzeuge mit einem Gesamtgewicht bis maximal zwölf Tonnen. Für einen Flieger wie die 32 Meter lange und 45 Tonnen schwere DC-6 ist der Mini-Airport schlichtweg zu klein.

Der Fotograf überlegt nicht lange. Sofort steigt er in seinen Wagen und rast über die Römerbrücke (die Konrad-Adenauer-Brücke gab es noch nicht) nach Euren am anderen Moselufer.

Als er am Flugplatz ankommt, ist die DC-6 bereits gelandet und steht mit laufenden Motoren auf dem zur Startbahn führenden Taxiway. Durch ein Cockpitfenster diskutiert der Pilot mit einem Mann von der Flugsicherung. "Französische Soldaten von der Hubschrauberstaffel und einige deutsche Soldaten unter der Maschine lauschten gespannt dem Gespräch", erinnert sich Bosl.

Der Mann, der auf den Kapitän der DC-6 einredet, ist selbst nur ein Hobby-Pilot. Unter der Woche ist der Trierer Tower zwar mit einem hauptamtlichen Mitarbeiter besetzt. Am Wochenende aber wechseln sich die beiden Hobby-Flieger-Vereine Fliegerclub Trier und Aero-Club Trier mit der Flugsicherung ab. Die DC-6 ist eine französische Chartermaschine, die in Irland gestartet war, erfährt Bosl. 84 Passagiere sind an Bord.
Während er seine Fotos schießt, die später in beiden Trie rer Tageszeitungen gedruckt und sogar im dritten Fernsehprogramm des Südwestfunks ausgestrahlt werden, lässt der Pilot die Motoren aufheulen.

Der Flugsicherungsleiter versucht, gegen den Lärm der Maschinen anzuschreien: Die Passagiere müssen von Bord und mit Bussen nach Luxemburg gebracht werden. "Das Problem an dem Vorschlag war aber: Auf dem Eurener Flugplatz gab es keine Leiter, die lang genug war, um die Türen der DC-6 zu erreichen. Die einzige Möglichkeit wäre ein Ausstieg über Notrutschen gewesen." Das aber will der Pilot seinen Fluggästen, die durch die Fenster freundlich den Schaulustigen zuwinken, offenbar nicht zumuten. Mehr als 100 Menschen haben sich inzwischen auf dem Flugfeld versammelt.Vollgas!

Zeitzeuge Wilhelm Bosl war dabei, als sich die viermotorige Maschine nach Trier verirrte. TV-Foto: Rolf Lorig.

Dann passiert es: Der Pilot gibt Vollgas. Die Maschine setzt sich in Bewegung und rollt über die Startbahn. Langsam nimmt sie Fahrt auf. Die Schaulustigen schauen sich das Schauspiel entsetzt an. "Der Start war eigentlich untersagt worden", sollte der Trierische Volksfreund in seiner Montagsausgabe berichten. Bosl weiß, warum: "Die Bahn war mit 1200 Metern Länge für eine Maschine dieser Größe um mehrere Hundert Meter zu kurz." Doch glücklicherweise bleibt die Tragödie aus: Als das Flugzeug abhebt, fährt der Pilot sofort das Fahrwerk ein.
"Ansonsten wäre er am Zaun am Ende der Startbahn hängen geblieben", sagt Bosl. Im Tiefflug dreht die DC-6 eine Schleife über die Moselstadt. Dann dreht sie ab in Richtung Luxemburg, nur wenige Minuten später landet sie sicher auf dem Flugplatz in Findel, "wo man sich bereits Sorgen über den Verbleib des Flugzeuges gemacht hatte" (TV vom 18. September 1967).

Welche Konsequenzen der Pilot später tragen muss, ist heute nicht mehr bekannt. Dem Flugplatz Trier beschert der "Verflieger" aber eine Landegebühr in Höhe von 500 Mark. Denn: "Die Gebühr ist abhängig vom Gewicht - Sportflugzeuge mussten damals etwa acht Mark zahlen", schmunzelt Wilhelm Bosl.