Verschämte, versteckte, verschwiegene Armut

Verschämte, versteckte, verschwiegene Armut

Was genau ist eigentlich Armut? Und wie zeigt sie sich in der Stadt und im Kreis? Mit diesen Fragen hat sich eine Podiumsdiskussion des Aktionsbündnisses "Aktiv gegen Armut" befasst.

Trier. Schon der Begriff Armut lässt sich nur unscharf erfassen. Das hat der Soziologe Dr. Rüdiger Jacob in der Volkshochschule am Domfreihof festgestellt, wo unter der Leitung von TV-Redakteur Rainer Neubert über das Thema diskutiert wurde.
Rüdiger Jacobs, Professor für Empirische Sozialforschung an der Universität Trier, nennt ein Beispiel für unterschiedliche Maßstäbe: "In der Stadt Trier gilt man bei einem verfügbaren Einkommen von 1000 Euro als armutsgefährdet, in Luxemburg schon bei 1400 Euro."
Schwer erreichbar für Hilfe


Doch gleich, wie man sie definiert - auch Trier hat ein Problem mit Armut, weiß Bürgermeisterin Angelika Birk: Es gebe eine "zunehmende Altersarmut, auch wenn die oft "nicht so laut schreiend" daherkomme.
Auch der Beginn eines neuen Lebens bedeute oft ein hohes Risiko - vor allem für Mütter. Das stellte Angelika Winter als Frauenbeauftragte der Stadt fest: "Wir haben 620 Alleinerziehende im Hartz-IV-Bezug, der kaum echte soziale Teilhabe erlaubt."
Jede dritte Familie bilde mittlerweile eine Bedarfsgemeinschaft. Bürgermeisterin Birk findet aber auch, dass es in der Stadt "auch viel Zusammenhalt und einen Vielfalt an Ressourcen und Projekten" gebe, um der Armut zu begegnen.
Joachim Christmann, Sozialdezernent der Kreisverwaltung, betrachtete die Situation im Kreis Trier-Saarburg: Hier gebe es "eher das Problem der versteckten Armut", weil viele Betroffene ihre Situation aus Scham kaschierten. Damit seien sie noch schwerer erreichbar für Hilfsangebote, die zudem aufgrund der vielen in der Fläche verteilten eher kleinen Gemeinden ganz anders strukturiert werden müssten "als in einem Dorf wie Ehrang mit 16 000 Einwohnern". Vielen Ortsbürgermeistern fehle leider aber noch das nötige Bewusstsein für die Problematik - trotz einiger guter Ansätze wie etwa dem Dorfladen in Mandern.
In der Trierer Sozialküche St. Vinzenz bieten die Barmherzigen Brüder um Elias Brück Bedürftigen nicht nur das an, was in der Küche des Brüderkrankenhauses übrig geblieben ist, sondern auch frische Kleidung oder eine Dusche. Brück kennt ein konkretes Gesicht der Armut: "Es hat schlechte Zähne, keine Brille, die Menschen haben oft keinen Zugang zu medizinischer Versorgung."
Soziologe Professor Jacob bestätigt: "Armut bedeutet oft krankmachende Verhältnisse!" Die Lebenserwartung armer Menschen sinke teils um bis zu zehn Jahre.
Ein Entkommen aus der Armutsspirale wird unendlich schwer, wenn es erst zur Obdachlosigkeit kommt. Das hat die Kölnerin Linda Rennings am eigenen Leib erfahren. Sie hat es allerdings geschafft und hilft heute mit ihrem Verein Heimatlos in Köln wohnungslosen Frauen, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Sie berichtet, dass in Köln mangelnder sozialer Wohnungsbau und schlechte Versorgung mit Notunterkünften immer öfter dazu führten, dass Frauen sich prostituierten, um darüber Unterschlupf zu finden.
Die Frage von Moderator Neubert, ob es das auch in Trier gibt, bejaht die Frauenbeauftragte Winter: "Ganz viele Frauen aus Bulgarien und Rumänien wenden so die Obdachlosigkeit ab, weil sie in den Bordellen auch wohnen können."
"Asozialer Wohnungsbau"

Foto: Frank Goebel (fgg) ("TV-Upload Goebel"
Foto: Frank Goebel (fgg) ("TV-Upload Goebel"
Foto: Frank Goebel (fgg) ("TV-Upload Goebel"
Foto: Frank Goebel (fgg) ("TV-Upload Goebel"
Foto: Frank Goebel (fgg) ("TV-Upload Goebel"
Foto: Frank Goebel (fgg) ("TV-Upload Goebel"


Zum Stichwort Sozialer Wohnungsbau nannte Bürgermeisterin Birk den Widerstand von Alteingesessenen gegen Neubauvorhaben "erschreckend". Immerhin zeige allmählich die vor zwei Jahren beschlossene Vorschrift Wirkung, nach der bei neuen Bebauungsplänen mit Geschosswohnungsbau mindestens ein Viertel als sozial geförderte und barrierefreie Mietwohnungen zu realisieren ist. Problematisch sei aber, dass bestehende Sozialwohnungen aus der Bindung fallen. Eine solche Umwidmung von Sozialwohnungen zur reinen Gewinnmaximierung nannte der Soziologe Jacob "asozialer Wohnungsbau".
Kräftigen Applaus von den gut 60 Zuhörern gab es für die Aufforderung von Aktivistin Linda Rennings zu mehr Verständnis und Solidarität gerade bei den Menschen an den Schaltstellen. Auch die sollten sich immer bewusst sein, "wie schnell das gehen kann, dass man selbst betroffen ist".

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