Verschlossene Apokalypse

Fremdenführerin Annette Köhler entführt ihre Gäste in die mittelalterliche Welt des Philipp von Savigny. Seine Grabkapelle gehört zu den "Verborgenen Räumen im Domkreuzgang".

Annette Köhler öffnet Türen zu „Verborgenen Räumen um den Domkreuzgang“.TV-Foto: Claudia Neumann

Trier. Zwei "Wilde Leute" wachen seit 500 Jahren im Kreuzgang des Trierer Doms. Ein kleiner Mann und ein kleine Frau, haarig und nackt. Als Sinnbilder paradiesischen Lebens flankieren sie den Zugang zur Savigny-Kapelle. Doch umgeben vom Detailreichtum der Bischofskirche erregt das Portal kaum Aufsehen. Die "Verborgenen Räume um den Domkreuzgang" - neben der Savigny-Kapelle gehören dazu das Vikarsparadies und der Romanische sowie der Gotische Saal - öffnen sich denen, die über die Dom-Information einen Rundgang mit Annette Köhler buchen.

"Für mich ist das jedesmal wie ein Abtauchen in eine andere Zeit. In eine Gedankenwelt, die uns ganz fremd geworden ist," sagt die Gästeführerin. Aus ihrer Tasche zieht sie einen schweren Schlüssel. Unter den stummen Blicken des "Wilden Paares" schwingt die Pforte auf.

Drinnen sickert fahles Licht durch Butzenscheiben. Die Luft ist kühl und riecht nach altem Gemäuer. Köhler schließt sorgfältig die Tür hinter sich und knipst das Licht an. Schlagartig erwacht eine monströse Szene zum Leben: Vielgestaltige Teufel huschen durch verblasste Wandmalereien, quälen arme Sünder und zerren sie in einen Höllenschlund. Ein Alptraum wie bei Hieronymus Bosch.

Ursprünge im 15. Jahrhundert

"Hier ist die Apokalypse des Johannes dargestellt", erklärt die Gästeführerin und deutet auf Engel mit Posaunen. Auf Tote, die aus ihren Gräbern steigen. "Ein Verweis darauf, dass der Altardienst für Savigny bis zum jüngsten Tag zu leisten ist."

Der Archidiakon Philipp von Savigny ließ seine Grabkapelle um 1480 in den "Badischen Bau" des Doms einfügen und kostbar ausstatten. Er stiftete Geld, damit hier täglich eine Messe für ihn gelesen werde. "In ihrer Vollständigkeit ist die Kapelle für die spätgotische Zeit so gut wie einzigartig", sagt Köhler. "Es gibt im gesamten Südwesten nichts Vergleichbares." Sie legt den Kopf in den Nacken und weist hoch zum Schlussstein des gotischen Gewölbes. "Dort oben ist die heilige Helena abgebildet", erklärt die Fremdenführerin, "und genau darunter", ihr Finger zeigt hinab zur Steinplatte unter ihren Füßen, "hat Philipp von Savigny sich bestatten lassen. Mit direktem ‚Blick‘ auf den Altar."

Die Kapelle verdanke ihr Bestehen bis in die heutige Zeit ihrer äußerlichen Unscheinbarkeit, berichtet Köhler. Seit 1951 dient Savignys letzte Ruhestätte als Grabkapelle des Trierer Doms. Zuletzt war Altbischof Hermann-Josef Spital hier aufgebahrt. "Es ist eben ein besonderer kleiner Raum", sagt Köhler, knipst das Licht aus und tritt zurück in den Kreuzgang. "In seiner Intimität ist er gut geeignet, um Abschied zu nehmen." Ihr Schlüssel klappert im Schloss. Savignys mittelalterliche Glaubenswelt sinkt wieder in ihren Dornröschenschlaf. Das "Wilde Paar" wird sie weiter bewachen.

Der TV stellt in einer Serie Trierer Gästeführer und ihre Lieblings-Sehenswürdigkeiten, -Plätze und -Histörchen vor und zeigt, was es abseits der ausgetretenen Touristenpfade alles zu entdecken gibt.

Extra

Kunsthistorikerin Annette Köhler vermittelt seit 14 Jahren Wissenswertes zu den Trierer Sehenswürdigkeiten. Ihre Führung "Verborgene Räume um den Domkreuzgang" wird zu 70 Prozent von Trierern gebucht. Die 40-Jährige studierte in Trier Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik und war schon während ihrer Universitätszeit als Stadtführerin tätig. Aktuell hat sie eine Führung zu Balduin von Luxemburg konzipiert. (cnn)