"Verstehen, nicht vergessen"
Auch über 60 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ist der Holocaust in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland und der Welt präsent. Peter Singer, Mitglied im Schauspielensemble des Trierer Theaters, hat seine literarische Matinee im Trierer Karl-Marx-Haus anlässlich des Gedenktages am 27. Januar einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte gewidmet.
Trier. "Darüber zu sprechen ist unmöglich, darüber zu schweigen verboten", so lautet ein bekanntes Wort des Holocaust-Überlebenden und Publizisten Elie Wiesel, der 1986 den Friedensnobelpreis erhielt. Man könnte aus journalistischer Perspektive ergänzen: Darüber zu schreiben, ist nicht wirklich einfacher. Zahllose Autoren haben dem deutschen Holocaust viele Zeilen gewidmet, ihre Erfahrungen aufgeschrieben, nachfolgende Generationen gemahnt und immer wieder daran erinnert. Aus dieser Vielzahl an Quellen hat Peter Singer einzelne Werke ausgewählt und zu einer literarischen Matinee wider das Vergessen zusammengestellt. Da ist zum Beispiel Thomas Mann und seine satirische Beschreibung eines von Macht hybris getriebenen Adolf Hitler, die er 1939 im US-amerikanischen Exil unter dem Titel "Bruder Hitler" veröffentlichte. Da ist auch dieses kleine Buch, erschienen 1938, das unter dem irreführenden Titel "Der Führer" primär die Ideologie der Judenverfolgung propagierte. Auch der große Literat Martin Walser findet Platz in Singers Kollage: In einem Artikel in der Frankfurter Abendpost von 1965 wendet er sich gegen die Vorstellung, der Holocaust sei als eine Institution des Teufels zu verstehen und folglich der menschlichen Verantwortung fern. "Nicht der Teufel hat die Konzentrationslager gebaut, die Menschen waren es", schreibt Walser und stellt die Frage nach den kollektiven politisch-sozialen Rahmenbedingungen der Gesellschaft, welche die Judenverfolgung nicht zu unterbinden vermochte. Elie Wiesels "Plädoyer für die Toten"
Mit seinem "Plädoyer für die Toten" beschrieb Elie Wiesel seine Eindrücke des Konzentrationslagers Auschwitz, dazu kommen detaillierte Schilderungen aus den zahlreichen Prozessen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch das Stichwort der unmittelbaren Vergangenheitsbewältigung in den 1950er Jahren kommt in Singers Kompilation nicht zu kurz. So zitiert er beispielsweise einen Brief des großen Publizisten und Literaturwissenschaftlers Viktor Klemperer, der nach Kriegsende um einen "Persilschein" für seinen früheren Schüler und ehemaligen NS-Offizier gebeten wird - er lehnt ab und kritisiert gleichwohl das vorschnelle kollektive "reine Gewissen" im Nachkriegsdeutschland. Auch beleuchtet Singer vor den rund 100 Zuhörern im Museumscafé das Wirken Trierer Personen zur NS-Zeit. So zum Beispiel der umstrittene Jurist und Politiker Hans Globke, der maßgeblich an der Ausarbeitung der so- genannten "Rassengesetze" beteiligt gewesen sein soll und sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfolglos um das Amt des Trierer Oberbürgermeisters bewarb. Später wurde Globke Chef des Bundeskanzleramts unter Konrad Adenauer. Singers literarische Matinee gibt Anlass zum Nachdenken. Da mag es logisch konsequent, inhaltlich aber fast schon überflüssig sein, dass Singer sich am Ende nochmals vehement gegen jedwede Forderung nach einem "Ende der Vergangenheitsbewältigung", wie er es nannte, wendet - keine andere Botschaft hatten die unzähligen Dokumente, die er im Laufe der Lesung zitierte. So fand Singer gleichwohl ein passendes Schlusswort, das seine persönliche Intention auf den Punkt brachte: "Nichts ist wiedergutzumachen. Wir müssen versuchen, zu verstehen - nicht, zu vergessen."