(Video) Bürgerversammlung in Trier-Pfalzel: Firma Eu-Rec kündigt Verbesserungen an

(Video) Bürgerversammlung in Trier-Pfalzel: Firma Eu-Rec kündigt Verbesserungen an

Wann hört es endlich auf zu stinken? Das war die zentrale Frage bei der Bürgerversammlung in Pfalzel am Dienstagabend. Mehr als 500 Besucher waren gekommen. Neben einigen emotionalen Ausbrüchen gab es viele Informationen und einen Ausblick, wie es weitergehen soll.



"Kotzen - das ist kein schönes Wort, aber es entspricht den Tatsachen", machte sich Mathilde Matthes am Dienstagabend in der Werkshalle des Dachdeckerbetriebs Feltes im Pfalzeler Industriegebiet Luft. Allein an mehreren Tagen im April hätten sich jeweils mehrere Bürger wegen des starken Gestanks, der vom Recyclingbetrieb Eu-Rec immer wieder in den Ort wabere, übergeben müssen, sagte Matthes. "Wir halten den Gestank jetzt seit drei Jahren regelmäßig aus - ich werde keine weiteren drei Jahre kotzen, das garantiere ich Ihnen", ging die Pfalzelerin Eu-Rec Inhaber Willi Streit an.

Anwalt spricht für Firmenchef

Streit war selbst in der Halle anwesend, ließ sich bei der Diskussionsrunde jedoch von seinem Anwalt Jochen Kerkmann vertreten - der dabei nicht immer eine gute Figur machte: "Das geht zu sehr in die Details, die ich Ihnen als Jurist hier nicht beantworten kann", entzog sich der Jurist so mancher konkreten Nachfrage - etwa, wie mit der Betriebsabluft während Wartungsarbeiten an der Filteranlage verfahren werde. Triers Umweltdezernent Andreas Ludwig ließ Kerkmann das nicht durchgehen: "Das nennen Sie also Offenheit und Transparenz", kritisierte der Dezernent die ausweichenden Antworten des Anwalts scharf.

Genauso wies Moderator Ludwig aber auch den einen oder anderen Bürger in seine Schranken, wenn deren Aussagen und Zwischenrufe allzu unsachlich wurden. Genug Gelegenheit, ihrer Wut Ausdruck zu geben, hatten die Bürger bei der gut zweieinhalbstündige Runde: Ortsvorsteherin Margret Pfeiffer-Erdel führte auf, dass alleine seit Oktober 2015 bei ihr Hunderte Beschwerden eingegangen seien. "Wir sind Opfer Ihres Gewinnstrebens, Herr Streit!", rief sie. Die Ruwerer Ortsvorsteherin Monika Thenot und Rainer Müller, Bürgermeister von Kenn, legten dar, dass der Gestank auch in ihre Ortschaften auf der anderen Seite der Mosel wabere.

Elternvertreter der Pfalzeler Kita und der Grundschule schilderten, welche Zumutung der Gestank für die Kinder sei. Jörg Elsen sprach für die Pfalzeler Vereine: "Jugendturnier, Jugendfreizeit, Apfelfest, Pfarrfest, Kelterfest - wer möchte diese noch organisieren, wer daran teilnehmen, wenn ständig das Damoklesschwert Gestank über einem hängt?", fragte er. Von Informationen und Sachlichkeit geprägt war der Vortrag von Joachim Gerke, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft, Abfallwirtschaft und Bodenschutz bei der zuständigen Aufsichtsbehörde, der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord (siehe Extra). "Wir können den Betrieb nicht einfach schließen - damit würden wir uns zwar erstmal bei den Bürgern beliebt machen, aber vor Gericht hätte eine Betriebsuntersagung keinen Bestand. Wir leben in einem Rechtsstaat und an dessen Vorgaben müssen wir uns halten - aber Sie können sich sicher sein, dass wir den gesamten Werkzeugkasten, den uns das Gesetz zur Verfügung stellt, nutzen, um die Sache in den Griff zu bekommen", sagte Gerke.

An drei Stellschrauben kann gedreht werden

Alle Untersuchungen und Gutachten hätten bislang ergeben, dass die Eu-Rec-Anlage grundsätzlich so betrieben werden könne, dass es nicht stinkt. "Jetzt sind wir auf die Mitarbeit des Betreibers angewiesen", sagte Gerke. Grundsätzlich gebe es drei Stellschrauben, an denen gedreht werden könne: das Material, mit dem die Anlage bestückt wird, die Filteranlage und die Abluft sowie das Waschwasser, mit dem die verdreckten Folien gereinigt werden. "Wir wollen als nächstes das Abwassersystem prüfen", erklärte Gerke. Willi Streit trat am Ende der Diskussion doch noch ans Mikrofon - in erster Linie aber, um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er manipuliere vor gutachterlichen Prüfungen seine Anlage.

Auf die klare Nachfrage von Ludwig - "Was wird die Eu-Rec tun, damit es nicht mehr stinkt?" - erklärte er, dass er eine Verdampfungsanlage für das Waschwassersystem plane und einen zusätzlichen, sogenannten Polizeifilter in der Abluftanlage. Für beide Neuerungen will Streit binnen des nächsten Monats Anträge bei der SGD Nord stellen. "Ich verspreche, dass die SGD Nord die Anträge dann schnellstmöglich prüfen wird, um eine Verbesserung der Produktionsbedingungen möglichst schnell in die Wege zu leiten", versprach Gerke. Auch Ludwig machte zum Abschluss der Diskussion noch eine feste Zusage an die Pfalzeler Bürger: "Die Stadtverwaltung bleibt am Ball, in spätestens drei Monaten werde ich die Öffentlichkeit informieren, wie es mit den Anträgen weitergegangen und was konkret passiert ist."Extra Das sagt die Aufsichtsbehörde

Aus dem Vortrag von SGD-Nord-Abteilungsleiter Gerke: 1028 Bürgerbeschwerden von 110 unterschiedlichen Bürgern sind bei der SGD Nord seit Oktober über den Gestank der Eu-Rec eingegangen.

Davon kamen 552 aus Pfalzel, 103 aus Kenn, 42 aus Ruwer und 30 aus dem Industriegebiet Pfalzeler Hafen. Seit Juni 2015 läuft eine Immissionsmessung der SGD Nord. In zum Industriegebiet liegenden Wohnstraßen Pfalzels schnuppern dabei Probanden regelmäßig, ob es stinkt. Die Messung läuft über ein Jahr. Hintergrund: Laut Geruchsimmissionsgesetz dürfen Betriebe wie Eu-Rec an zehn Prozent der Stunden eines Jahres (rund 8000) riechen. Bisheriges Zwischenergebnis der Immissionsmessung: In der Rothildis- und der Karolingerstraße könnten diese zehn Prozent - sofern die Messungen bis Juni 2016 im Durchschnitt wie die zurückliegenden Monate verlaufen - knapp erreicht werden. "Aber das wissen wir erst im Juni genau", betonte Gerke. Würde der Zehn-Prozent-Wert überschritten, hätte man eine juristisch verwertbare Grundlage, um den Betrieb der Eu-Rec einzuschränken - etwa durch die Vorgabe, dass nur noch vorgewaschene Folien verwendet werden dürfen.
Die Demonstration: Pfalzeler protestieren gegen den Gestank

Von allen Seiten strömen die Menschen zum Pfalzeler Sportplatz. Viele nehmen Regenschirme mit, denn in Teilen der Stadt hat es am Nachmittag geregnet. Doch das Wetter spielt mit - die Sonne kommt sogar raus. An der Kindertagesstätte sammeln sich die Teilnehmer des angekündigten Demonstrationszugs gegen den Gestank, der seit eineinhalb Jahren auftritt und der Recyclingfirma Eu-Rec zugeschrieben wird.

Eine klassische Kundgebung in Form von Reden gibt es nicht. Stattdessen ruft Thomas Neises, SPD-Stadtratsmitglied und einer der Organisatoren der Demo, um kurz nach 17.30 Uhr: "Wir wollen jetzt losgehen. Wir brauchen vorne und hinten Leute mit Warnwesten." Ortsvorsteherin Margret Pfeiffer-Erdel (FWG), die immer wieder auf das Gestanksproblem im Stadtteil hingewiesen hat, ist mit dabei.

Geordnet, in ruhiger Atmosphäre machen sich die Demonstranten auf den Weg durch die Hans-Adamy-Straße, Ringstraße und Eltzstraße zur Firma Feltes. Viele der mitgebrachten Schilder zeigen den Aufruf zur Teilnahme an der Bürgerversammlung: "Uns stinkt's! Und Ihnen? Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht wir, wer sonst?" Auf einem anderen Schild heißt es: "Schluss mit dem Gestank - er macht uns alle krank!" Zwei ältere Damen gehen mit ihrem Rollator im Pulk mit. Im Rollator-Korb steckt ein Schild mit der Aufschrift: "Auch uns Senioren stinkt es!"

Vereinzelt sind Trillerpfeifen zu hören. Manche Teilnehmer tragen symbolisch einen Mundschutz, andere haben sich Klammern auf die Nase gesteckt.
Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamts beobachten die Zug, müssen aber nicht eingreifen. Der Menschenstrom beschränkt sich auf eine Seite der Fahrbahn, sodass der entgegenkommende Autoverkehr langsam vorbeifließen kann.

Ohne Zwischenfälle erreicht die Demonstration das Gelände der Firma Feltes, die ihre Halle für die Bürgerversammlung der Stadt zur Verfügung stellt. Zeitgleich trifft Baudezernent Andreas Ludwig (CDU) mit dem Auto ein, der vor Wochen zu der Versammlung eingeladen hat. Geduldig betreten die Protestler nach und nach die Halle. Drinnen sind die etwa 250 Sitzplätze schnell gefüllt. Dahinter die Stehplätze. Und sogar hinter dem geöffneten Hallentor auf dem Hof stehen Zuhörer. Insgesamt sind 500 Menschen gekommen, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen.

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