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(Video) Verkehrsserie, Teil 9: Idylle am Rande der Hölle - Wer an der Bonner Straße lebt, braucht Ideen und Gelassenheit

(Video) Verkehrsserie, Teil 9: Idylle am Rande der Hölle - Wer an der Bonner Straße lebt, braucht Ideen und Gelassenheit

19 000 Autos rollen jeden Tag an seinem Wohnzimmerfenster vorbei, bis zu 150 Lastwagen in einer Stunde hat er gezählt. Hinzu kommen die Güterzüge auf der Westtrasse. Trotzdem hält es Hans Querbach und seine Frau in ihrer Wohnung an der Bonner Straße, bisher jedenfalls. Die Geschichte eines Lebens zwischen Anpassung und Resignation.

Am schlimmsten ist es, wenn sie ohne Ladung fahren. Dann hollern die Sattelzüge an Hans Querbachs Einfahrt in der Bonner Straße vorbei, an den Wohnzimmer- und Küchenfenstern mit den weißen Scheibengardinen, und im Bad hallt das krachende Hüpfen der Auflieger auf den Zugmaschinen noch nach, wenn sie die Kaiser-Wilhelm-Brücke erreicht haben. Nur dreifach verglaste Fenster, der schmale Gehweg und ein Parkstreifen trennen Querbachs Fernsehcouch und die Küchenzeile von der Straße. Fährt ein Stadtbus vorbei, verdunkeln sich die Wohnräume.

Querbach, 65, Elektromeister, verbringt viel Zeit draußen auf der Terrasse. Sie liegt auf einer Rasenfläche gleich unterhalb des teilweise barocken Palliener Kirchleins St. Simon und Juda. Eine Hecke und der weitläufige Innenhof verschaffen Abstand zur Bundesstraße, in einem auf die Loungemöbel abgestimmten Kübel blüht weißer Rhododen8dron. Querbachs Idylle. Er komme schon klar mit dem Lärm, und vor Feinstaub habe er keine Angst. "Doch die Bonner Straße ist für diesen Verkehr nicht geschaffen. Hier ist jeden Tag die Hölle." Querbachs weitere Worte saugt ein Güterzug mit sich.

Sie hatten sich mehr Lebensqualität versprochen. Kürzere Wege, interessantere Freizeitmöglichkeiten, die alten Freunde in der Nähe. Vor knapp vier Jahren verließ Hans Querbach mit seiner Frau Gudrun das Bauernhaus im Hochwaldort Greimerath, die Kinder waren erwachsen und die Immobilie zu groß. Die Wohnung in der Bonner Straße mit der idyllischen Terrasse gleich am Weisshauswald gefiel ihnen sofort. Natürlich wussten sie um den Verkehrslärm, aber der sei damals noch halb so wild gewesen.

19 000 Autos, Lastwagen und Busse am Tag verzeichnet das Trierer Mobilitätskonzept von 2013 für die Bonner Straße, neuere Zahlen gibt es nicht, doch wie fast überall in der Stadt dürfte der Straßenverkehr seither zugenommen haben. 150 Lastwagen in einer Stunde hat Hans Querbach schon gezählt. Und seit die Bahn 2014 begann, die zwischen Fahrbahn und Mosel verlaufende Westtrasse als Ausweichstrecke zu nutzen, sind auch noch die Güterzüge hinzugekommen.

In Greimerath hatten die Querbachs an 365 Tagen 24 Stunden lang mindestens ein Fenster geöffnet. Wenn sie heute nach dem Rauchen ihre Küche lüften wollen, schalten sie die Dunstabzugshaube ein.

"Dieser Lastwagen war deutlich schneller als 60!" Manchmal sinniert Hans Querbach auf seiner Terrasse, wie schön er dort säße, wenn sich all die Fahrer wenigstens an das vorgeschriebene Tempo 30 hielten. Doch gemächlich rollt der Verkehr nur in den Stauzeiten: vor acht Uhr, wenn die Pendler ins Büro müssen, gegen zehn, wenn die Geschäfte in Stadt öffnen, ab 17 Uhr, wenn es zurück nach Hause geht. Langsamere Fahrzeuge bedeuten keineswegs weniger Krach. "Im Stau stehen hier manchmal vier Autos vor der Einfahrt, die Fenster heruntergelassen, und jeder versucht, mit seiner Musik die anderen zu übertönen."

Früher, im Hochwald, hat Hans Querbach viel gemalt, kalligrafiert, geschrieben. In seinem Keller in der Bonner Straße steht ein Amboss, auf dem er Skulpturen dengeln kann. Doch seit der Rückkehr nach Trier ist er kaum noch künstlerisch aktiv. "Ich bin immer ein bisschen angespannt." Und seine Frau gesteht: "Mich macht der Lärm manchmal nervös und gereizt.""BARRIKADEN BAUEN MÜSSTE MAN. DIE STRAßE EINFACH MAL BLOCKIEREN."
HANS QUERBACH


Nachts reißen Martinshörner die Querbachs aus dem Schlaf. "Notarzt und Rettungswagen fahren gleich hintereinander über die leere Straße, und jeder hat das Ding an", schimpft Hans Querbach. Seit der Abriss der alten Kabinenbahn begonnen hat, dröhnen auch die Signale vom gegenüberliegenden Moselufer durch die Baulücke bis ins Querbachsche Schlafzimmer. Selbst Hündin Chayenne schläft bisweilen unruhig. Dann legen die Querbachs eine Decke über die Ohren des Staffordshire-Bullterriers.

"Sie gilt offiziell als Kampfhund", bemerkt Hans Querbach und lacht. "Dabei kämpft sie allenfalls mit Müdigkeit." Auch Querbach kämpft nicht. Dabei steht ihm die Lösung klar vor Augen: Der Schwerlastverkehr, "die Mautpreller", wie er sagt, müssen aus der Bonner Straße verbannt und feste Geschwindigkeitskontrollen installiert werden. "Wenn die Stadt täglich beidseitig kontrollieren würde, könnte sie bald all ihre Liegenschaften sanieren." Doch die Nachbarn hätten resigniert, und was könne er allein schon ausrichten? "Barrikaden bauen müsste man." Seine Augen blitzen. "Die Straße einfach mal blockieren."

Dem Lärm davonziehen, eine andere Wohnung mieten? "Man denkt schon darüber nach." Doch die idyllische Ecke, die netten Nachbarn, die schöne Wohnung, die sie ganz nach ihren Vorstellungen eingerichtet haben, lassen die Waagschale bisher auf der anderen Seite sinken.

Einstweilen laufen sie durch den Weisshauswald, um Ruhe zu finden, Hans Querbach und Chayenne, die beiden verhinderten Kämpfer. Und mit seiner Frau gönnt sich Querbach erholsame Reisen, sogar auf den Seychellen waren sie. "Wir werden nicht depressiv durch den Lärm. Wir gleichen das mit schönen Momenten aus!" Manchmal, in der Ferne, in der Stille, beschleicht ihn ein seltsames Gefühl - es ist, als fehlten ihm Geräusche. "Einmal bin ich nachts aufgewacht, und es war so still wie im Grab. Da konnte ich nicht mehr einschlafen."

Im zehnten Teil unserer Verkehrsserie lesen Sie am Mittwoch: Der große Blitzerreport - wo wird am häufigsten kontrolliert? Und stimmt das mit den Unfallschwerpunkten überein?Extra

Erstes konkretes Ergebnis des Lärmaktionsplans der Stadt Trier aus dem Jahr 2010 ist die nachts auf Tempo 30 reduzierte Höchstgeschwindigkeit in der Saarstraße. Der Lärmaktionsplan muss bei Entscheidungen der Behörden berücksichtigt werden. Er wird alle fünf Jahre überprüft und überarbeitet. Den Anstoß gab eine EU-Richtlinie zum Umgebungslärm von 2002. Ziel ist, Schäden durch Lärm vorzubeugen und dessen Entstehung am besten gleich zu verhindern.
Quelle: Stadt Trier

"Wir können die Ohren nicht zuklappen" - Lärm stresst Menschen selbst, wenn sie schlafen
Mainzer Psychosomatik-Professor Manfred E. Beutel im TV-Interview