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(Video) Wenn Sternsinger nur auf Bestellung kommen

(Video) Wenn Sternsinger nur auf Bestellung kommen

Die meisten Menschen freuen sich über einen Besuch der Heiligen Drei Könige, aber immer weniger Kinder wollen selbst Sternsinger werden. Wer den Segen an der Haustür bekommen will, muss ihn mancherorts vorab bestellen.

Vor Gott sind alle gleich, aber den Segen der Sternsinger bekommen dieses Jahr nur Menschen wie Christine Reichertz-Mayer. Menschen, die etwas Glück haben. Reichertz-Mayer wohnt in Trier-Feyen, durch dessen verregnete Straßen der achtjährige Maximilian Eckardt mit seinen drei Mitsängern und der Betreuerin Kerstin Knopp zieht. "Das war wunderschön", sagt Christine Reichertz-Mayer, als die Jungs fertig gesungen haben.

Das Lächeln der blonden Frau verrät, dass das keine höfliche Floskel war. Sie tritt hinaus in den Regen, um einen Geldschein in die kleine goldene Spendendose zu stecken, die sich Maximilians kleiner Bruder Leonard um den Hals gehängt hat. Reichertz-Mayer hatte sich auf den Besuch der Sternsinger gefreut, und sie hat Glück, in Feyen zu wohnen. Denn dort ziehen dieser Tage 73 Kinder wie Maximilian für die Kirchengemeinde St. Matthias an vier Tagen jeweils drei Stunden am Stück von Haus zu Haus, um als Kaspar, Melchior und Balthasar den Segen Gottes in alle Haushalte zu tragen. Und um Geld für Kinder in Kenia zu sammeln. Jeder, der in Feyen zu Hause ist, bekommt den Segen.

Zwei heilige Könige

Das ist nicht überall so in der Region: Viele Menschen in Saarburg, Igel und in anderen Gemeinden warten dieser Tage vergeblich darauf, dass die Sternsinger klingeln. Immer weniger Kinder opfern einen Nachmittag oder gar eine halbe Woche, um im Auftrag der Pfarrgemeinde von Haus zu Haus zu ziehen. Ricarda Löbke ist verantwortlich für die Sternsinger in Igel.

Die Gemeinde hatte in Erwägung gezogen, die Sternsingeraktion in diesem Jahr ganz abzublasen. Vier Tage, bevor es losging, hatten sich gerade einmal zwölf Kinder gemeldet - im Vorjahr waren es noch 20 gewesen, in den drei Jahren davor jeweils ungefähr 30. Um möglichst viele Haushalte zu erreichen, verkleinerten die Igeler 2016 ihre Gruppen - so klingelten dort nur noch zwei Könige an den Türen.

Dieses Jahr sind wieder drei Könige unterwegs - aber die Gruppen können voraussichtlich nur Straßen im Ortskern abdecken. Dank eines Aufrufs im TV hat sich die Zahl immerhin auf 17 Kinder erhöht. Im kommenden Jahr will Löbke die Bewohner bitten, sich in eine Liste einzutragen, wenn sie von den Sternsingern besucht werden wollen. Eine solche Liste haben Fritz Wiedemann und Gabi Herber in ihrer Kirchengemeinde St. Laurentius Saarburg bereits eingeführt, weil die teilnehmenden Kinder schon längst nicht mehr alle Häuser erreichen können. Wiedemann: "Früher war es für die Eltern eine Selbstverständlichkeit, ihre Kinder zu den Sternsingern schicken - heute müssen wir die Kinder direkt ansprechen und einzeln überzeugen."

Neben den Sorgen um die Abdeckung aller Haushalte in den einzelnen Pfarreien gibt es auch Gerüchte über Sternsinger, die sich ohne kirchlichen Auftrag auf den Weg machen und die Spenden für sich behalten. So ein Fall sei ihm noch nicht begegnet, sagt Wiedemann. "Außerdem lohnt sich das kaum, denn das wäre sehr hart erarbeitetes Diebesgut." Insgesamt gibt es deutlich weniger Sternsingergruppen im Bistum Trier: Vor zehn Jahren waren noch 916 Gruppen unterwegs, 2016 nur noch 722. Hinzu kommt, dass die Sternsinger - wie in Igel - zum Teil nur zu zweit unterwegs sind. Das Bistum führt diesen Trend auf andere Hobbys der Kinder zurück.

Zu wenige Achtjährige

Der demografische Wandel trage ebenfalls zu diesem Rückgang bei. Und tatsächlich: In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Achtjährigen in Trier laut Stadtverwaltung um rund zehn Prozent gesunken, wenn man die neu angekommenen Flüchtlinge nicht mitzählt. Doch während einige Kirchengemeinden mühsam um jedes einzelne Kind werben müssen, schwärmt zum Beispiel Gemeindereferent Rüdiger Glaub-Engelskirchen von der "sehr lebendigen Tradition" in seiner Großpfarrei Hermeskeil. Auch Maria Borens vom Pfarrbüro St. Nikolaus Konz kann sich nicht über einen dramatischen Rückgang beschweren.

Wer Max und seine drei Freunde in ihren bunten Gewändern durch den Trierer Regen von Tür zu Tür ziehen sieht, versteht, warum sich viele Kinder gut überlegen, Sternsinger zu werden. Doch es gibt etwas, das ihn antreibt. Zum dritten Mal habe er sich nun den Sternsingern angeschlossen, sagt Max: "Im ersten Jahr musste ich noch meinen ganzen Mut zusammennehmen, wenn ich geklingelt habe", sagt er. "Wenn ich sehe, wie sich die Leute über uns freuen, macht das Mut, weiterzumachen."

Liebe Leserinnen und Leser, was halten Sie vom Personalmangel bei Sternsingern? Welche Lösungen schlagen Sie vor? Schicken Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an echo@volksfreund.de. Bitte Name und Anschrift nicht vergessen. Video zum Thema im Internet: www.volksfreund.de/videos

Extra Die Sternsinger sind die größte Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder — und seit einem Jahr auch Unesco-Weltkulturerbe. Das Sternsingen ist ein ursprünglich alpenländischer Brauch und wird meist von katholischen Gemeinden um den Dreikönigstag 6. Januar organisiert. 2016 sammeln die Kinder Geld für Projekte in Kenia, wo Menschen besonders unter den Folgen des Klimawandels leiden. Am 29. Dezember 2017 ist die bundesweite Aussendungsfeier der Sternsinger im Trierer Dom.

Meinung

Wollen die Kirchengemeinden die Tradition des Sternsingens langfristig am Leben erhalten, müssen sie umdenken. Früher war es für viele katholische Eltern eine Selbstverständlichkeit, ihre Kinder zu den Sternsingern zu schicken. Heute konkurriert das Angebot der Kirche mit vielen Freizeitangeboten.

Die Kirche muss ihre bequeme Position verlassen und die Kinder aktiv vom Sternsingen überzeugen. In vielen Gemeinden hat man das bereits verstanden und wirbt etwa in Schulen und Kindergärten. Die neue unbequeme Position der Kirche hat aber auch Vorteile. Während früher einige Kinder mitschlurften, weil sie von ihren Eltern zum Singen verdonnert wurden, kann die Kirche heute gewiss sein: Viele Kinder laufen von sich aus mit und sind mit vollem Elan dabei. b.laubert@volksfreund.de