(Videos) Und noch ein Klavier ... - Gebrüder Hansjosten lieben alte Tasteninstrumente

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Manche Menschen sammeln Schmetterlinge, andere Teddybären oder Briefmarken. Die Brüder Heiko und Ralf Hansjosten sind vernarrt in Tasteninstrumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Deshalb kauften sie das marode Küsterhaus in Föhren, renovierten es, richteten ein Atelier ein und gehen dort seitdem den Spuren der alten Klavierbauer nach.

Föhren 1762: Die Familie des Reichsgrafen von Kesselstatt residiert in ihrem Stammschloss. In den hochherrschaftlichen Räumen erklingt Clavichord-Musik. Einige Hundert Meter entfernt, bauen Maurer das sogenannte Küsterhaus, in dem lange Zeit der jeweilige Küster und Organist der Gemeinde lebt.

Föhren 2011: Die Glanzzeiten der Adelsfamilie sind Vergangenheit, das ehemalige Küsterhaus eine Ruine. Die Brüder Heiko und Ralf Hansjosten kaufen das Gebäude, sanieren es mit Herzblut und räumen ihre umfangreiche Sammlung von Tasteninstrumenten aus dem 18. und 19. Jahrhundert in die kleinen Zimmer ein. Der Kreis schließt sich, Musik spielt dort wieder eine Rolle. Ihr Atelier nennen die gebürtigen Trierer das Haus. Hier wohnen sie zeitweise, spielen auf den historischen Instrumenten, erforschen diese und zeigen interessierten Menschen ihre Kollektion, die zu einer der bedeutendsten in Deutschland zählt. Zusammengetragen haben sie die Schmuckstücke aus Österreich, England, Frankreich und Deutschland. Stück für Stück.Ausgleich zum Lehrberuf

Aktuell zeigen die Hansjostens einen Querschnitt ihrer 73 Clavichorde, Hammerflügel, Orgeln, Tafelklaviere und anderer Raritäten in Föhren. Deren Anzahl ändert sich allerdings ständig. "Erst heute Nacht bin ich aus München gekommen und habe ein neues Instrument mitgebracht", erzählt Heiko Hansjosten. Um das will er sich gleich im Anschluss kümmern. Denn der Professor für Management und Personalwesen an der Hochschule Heilbronn und sein Bruder, ein Gymnasiallehrer, restaurieren fast alles selbst, "mit Hilfe meines Freundes, eines Restaurators".

Zwischen 100 und 250 Stunden Arbeit stecken sie in ein Instrument, je nachdem, in welchem Zustand es ist. Sie lieben das. Diesen Ausgleich zum Job. Das Handwerk. Das Gestalten. Etwas wieder zum Klingen bringen, das stumm war. "Wie dieses Klavier von 1781 zum Beispiel. Es ist ganz aus Holz. Filigran gebaut, dünne Saiten, kleine Hämmerchen. Es war in einem desolaten Zustand, als ich es in Frankreich gekauft habe. In einem Schuppen stand es. Durch das Dach hat es geregnet", erinnert sich der Vizepräsident der Deutschen Clavichord Societät. "Und solche Instrumente gibt es viele. Viel mehr als Sammler. Und ihr monitärer Wert ist sehr gering."

Dabei begann Heiko Hansjostens Leidenschaft mit einer Abneigung. Die Abneigung vor schwarzen, lackierten Klavieren. Er suchte nach einem Holzflügel aus dem 19. Jahrhundert und wurde in der Garage eines Trierer Klavierbauers fündig. Der Flügel von 1867 gehörte einst dem Komponisten Joseph Gabriel Rheinberger und seiner Frau Fanny von Hoffnaaß. "Ich war begeistert von dem Instrument. Und dann kaufte ich immer noch eins dazu."

Allerdings limitiert sich die geschwisterliche Liebhaberei auf die Zeit zwischen 1760 und 1890. Eine spannende Zeit, denn "damals kam alle paar Jahre etwas Neues heraus". 1870 war die Entwicklung des Klavierbaus abgeschlossen und der moderne Flügel wie man ihn heute kennt, auf dem Markt. Besondere Exponate finden die beiden Brüder auch an ungewöhnliche Orten. So ersteigerten sie auf einer Auktionsplattform im Internet ein kleines Harmonium. Abholort: Saarbrücken. Als sie zu besagter Adresse kamen, öffnete sich ihnen die Tür zu einem Stundenhotel.

Ein Aha-Effekt, der seinesgleichen sucht. Zu übertreffen vielleicht nur von dem Angebot eines schottischen Sammlers, der ihnen die Hausorgel des englischen Schriftstellers Charles Dickens verkaufte. Doch berühmte Vorbesitzer interessieren Hansjosten nicht wirklich. Ihn faszinieren Klangvarianten, Akustik und Hörgewohnheiten, die sich radikal verändert haben. An einem Hammerflügel von 1810 schlägt er eine Melodie an. "Wenn man Beethoven authentisch hören will … Auf so einem Flügel hat er gespielt, und man entdeckt Musik, wie sie früher geklungen hat."

Heiko und Ralf Hansjosten öffnen ihr Atelier mehrmals im Jahr für die Öffentlichkeit. Termine werden im TV bekanntgegeben. Weitere Informationen unter www.clavieratelier.de
Extra

Das Clavichord ist eines der ältesten besaiteten Tasteninstrumente. Schon 1396 wurde der Begriff erstmals verwendet. Der Italiener Domenicus Pisaurensis baute das älteste erhaltene Clavichord im Jahr 1543. Eine große Rolle spielte das Instrument im 17. und 18. Jahrhundert in der Hausmusik. Die Komponisten Joseph Haydn (1732-1809) und Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) nutzten es noch zum Komponieren. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde das Clavichord oft auch als "Clavier" bezeichnet. Dann kam es langsam aus der Mode, denn es ist wesentlich leiser als das moderne Klavier. vkExtra

Registerzüge der Orgel von T. C. Bates, England um 1840. Foto: Friedemann vetter (Ve._), Friedemann Vetter ("TV-Upload vetter"
Kleiner Ausschnitt: (vorne links) ein Hammerflügel, Prag um 1800, dahinter ein Cembalo aus dem 18. Jahrhundert. Foto: Friedemann vetter (Ve._), Friedemann Vetter ("TV-Upload vetter"
Foto: Friedemann vetter (Ve._), Friedemann Vetter ("TV-Upload vetter"
Tafelklavier von Claude Aubert, Troyes en Champagne 1781. Foto: Friedemann vetter (Ve._), Friedemann Vetter ("TV-Upload vetter"

Die Deutsche Clavichord Societät ist ein Verein mit europaweit 170 Mitgliedern. Sie möchte die Kultur des Clavichordspiels wiederbeleben und gleichzeitig die Welt der historischen Tasteninstrumente Menschen näherbringen. Dazu lädt die Societät jedes Jahr zu einer Tagung ein. 2016 sind die Clavichordtage vom 22. bis 25. September in der Welsch nonnenkirche in Trier zu Gast mit Workshops, Vorträgen und Konzerten. Nähere Informationen: www.clavichord.info vk