1. Region
  2. Trier & Trierer Land

Vision und Mission: Die historische Stadt retten

Vision und Mission: Die historische Stadt retten

Deutschlands älteste Stadt ohne ihre bedeutenden Mittelalter-Gemäuer Simeonstift, Steipe oder Frankenturm? Undenkbar! Und dennoch wäre es beinahe so weit gekommen. Dass das Simeonstift in den 1920er Jahren nicht abgerissen wurde, dass die 1944 zerbombte Steipe nach detailgetreuen Zeichnungen wiedererrichtet werden konnte und der Frankenturm sich seit 1938 wieder in seiner ursprünglichen Höhe präsentiert - das alles ist in erster Linie Friedrich Kutzbach zu verdanken.

Trier. Er sei einer "der größten Wohltäter seiner Heimatstadt", würdigte der bedeutende Trierer Kunsthistoriker Professor Dr. Nikolaus Irsch Kutzbach 1952, zehn Jahre nach dessen Tod. Diese Einschätzung hat bis heute ebensowenig an Gültigkeit eingebüßt wie die Ergebnisse seiner Arbeit. Für den am 19. September 1873 im Haus "Zum weißen Kreuz" (Neustraße 91) geborenen Spross einer Kaufmannsfamilie und sensiblen Schöngeist war schon in Pennäler-Zeiten am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium (Abi-Jahrgang 1891) klar, die Erhaltung seiner Heimatstadt zum beruflichen Lebensinhalt zu machen. Denn bereits damals mussten reihenweise alte Häuser Platz machen für eine "moderne" Stadt. Kutzbachs Vision wurde zur Mission: Trier retten!
Erst mal ehrenamtlich


Bis er wirkungsvoll zur Tat schreiten konnte, floss noch viel Wasser die Mosel hinunter. Dem Architektur-Studium an den Technischen Hochschulen Aachen und Berlin folgte die Anstellung als Regierungsbaumeister in Ostpreußen. Dort muss ihn das Heimweh mächtig geplagt haben. So oft es ihm möglich war, reiste er nach Hause. Ironie des Schicksals: 1914 kehrte Kutzbach endgültig zurück und wurde 1915 - mit 42 - wegen seiner labilen Gesundheit als "Königlicher Baurat" aus dem preußischen Staatsdienst entlassen. Damit war der Weg frei für die zunächst auf eigene Kappe und ehrenamtlich betriebene intensive Forschungsarbeit.
Im Juli 1921 betraute die Stadtverwaltung ihn mit dem neu geschaffenen Posten des Konservators. Über seine zuvor reine Bauforschungstätigkeit hinaus konnte Kutzbach nun beraten, helfen und retten, aber auch verhindern. Er konnte gefährdete historische Gemäuer untersuchen und Vorschläge zur Nutzung machen. Paradebeispiel: das Simeonstift. Der Stadtrat hatte den nach Napoleons Säkularisation (1802) völlig verwahrlosten und verschandelten Komplex bereits abgeschrieben. Noch 1930 forderte die Trierische Landeszeitung, den längst beschlossenen Abriss endlich anzugehen und die Porta Nigra nach dem Vorbild des Pariser Arc de Triomphe freizustellen. Unterstützt von seinem unermüdlichen Helfer Carl Delhougne (1895-1972) überzeugte Kutzbach die Stadtväter mit den Ergebnissen ihrer systematischen Forschung. Das Mitte des 11. Jahrhunderts errichtete Simeonstift ist auf deutschem Boden das älteste Stiftsgebäude mit zweigeschossigem Kreuzgang - ein romanisches Baudenkmal ersten Ranges. Der Erfolg: 1936 begannen die Instandsetzungsarbeiten.
Kutzbach liebte Trier, erntete aber zu Lebzeiten längst nicht immer Gegenliebe. "Maach zu! De Kutzbach kömmt!" war ein geflügeltes Wort unter Bauarbeitern, wenn bei Ausschachtungen uralte Mauerwerksstrukturen zutage traten und ein Baustopp drohte. Unsensible und auf Profit bedachte Bauherren hassten den Mann, dem der legendäre Ruf vorauseilte, er könne an Mörtelresten schmecken, aus welcher Epoche ein Gemäuer stamme.
Theorie trifft Praxis


Kutzbach war kein rechthaberischer Verhinderer oder eitler Selbstdarsteller, stellt Helmut Lutz (83), von 1959 bis 1995 Triers Denkmalpflegechef, klar und zollt seinem großen Vorgänger höchste Anerkennung: "Er sah die Bauforschung untrennbar mit der praktischen Denkmalpflege. Sein Augenmerk galt in besonderem Maße der Wiederherstellung von Baudenkmälern, die ab dem Mittelalter entstanden waren und die er in ihrer Bedeutung vom gewaltigen Schatten der Römerbauten zu befreien suchte. Von Haus aus Architekt, in technischem Denken geschult und als Kenner baugeschichtlicher Praxis vermochte er Aufdeckung, Konservierung und Wiederherstellung in einer Weise zu bewerkstelligen, wie es einem Kunsthistoriker als Denkmalpfleger kaum möglich gewesen wäre."
Neben der Erhaltung und Konservierung des Simeonstifts steht der Name seines großen Vorgängers vor allem für die Wiederherstellung der verbliebenen mittelalterlichen Wohntürme: Der Frankenturm, der bis zum zweiten Obergeschoss abgetragen war, wurde 1938/39 wieder auf ursprüngliche Höhe gebracht, und seine strahlende Fassade erhielt das Dreikönigenhaus 1973 auf der Basis von Kutzbachs Untersuchungsergebnissen von 1938 zurück.
Kutzbach rettete ungezählte Bürgerhäuser und das Herrenbrünnchen, legte die seit dem 18. Jahrhundert verputzten Fachwerkhäuser am Hauptmarkt frei und stand dem Wiederaufbau der Steipe Pate, die 1944 einen Bombenvolltreffer erhalten hatte. Sie wurde auf der Basis von Kutzbach/Delhougne-Zeichnungen rekonstruiert. Eminent bedeutend für Trier ist auch Kutzbachs archäologische Grabungstätigkeit. Im Auftrag des Provinzialmuseums (heute Rheinisches Landesmuseum) legte er während des Ersten Weltkriegs Teile der Außenkrypta der einstigen Abteikirche St. Maximin frei.
Mit Geduld und Weitsicht


Dabei stieß er am 21. September 1917 auf einen karolingischen Freskenzyklus und bewies Weitsicht und Geduld. Aus Furcht, die wertvollen Wandmalereien könnten Kriegsbeute werden, ließ er sie behutsam vermauern und die Gruft wieder zuzuschütten.
Erst 1936 - der bei den Nationalsozialisten in Ungnade gefallene unpolitische Kutzbach und sein Adlatus Delhougne waren just aus Rathaus-Diensten ausgeschieden - machte sich der Entdecker an die Freilegung und Bergung. Die Malereien gehören heute zu den Hauptattraktionen des Museums am Dom.
Friedrich Kutzbach starb nach langem Krebsleiden am 21. Dezember 1942 dort, wo er das Licht der Welt erblickt hat - im Haus Neustraße 91. Die Stadt würdigte ihn, indem sie bereits 1943 die Simeonstiftstraße in Kutzbachstraße umbenannte. Noch mehr erinnert das Stadtbild an Friedrich Kutzbach, das ohne ihn bedeutend ärmer an herausragenden baulichen Zeugnissen des zweiten Jahrtausends wäre.