1. Region
  2. Trier & Trierer Land

Volksfreund-Verkehrsserie: Die Probleme von Rollstuhlfahrern in Trier

Volksfreund-Verkehrsserie: Die Probleme von Rollstuhlfahrern in Trier

An vielen Stellen ist Trier nicht behindertengerecht. Das bemängelt der Behindertenbeauftragte der Stadt. TV-Mitarbeiter Lukas Bülow hat sich im Rahmen der TV-Verkehrsserie die Problemstellen in der Stadt angeschaut - und sie als Rollstuhlfahrer zu bewältigen versucht.

Gerd Dahm ist Behindertenbeirat der Stadt Trier. Tagtäglich setzt er sich für Menschen mit Behinderungen ein, darunter beispielsweise Rollstuhl- und Rollatorfahrer. Er hat viel Arbeit: Denn in Trier seien nur etwa 20 Prozent der Verkehrsflächen barrierefrei befahrbar. Er fordert ein Umdenken bei den Verantwortlichen und ein festes Konzept für barrierefreies Bauen.

Er macht ein Beispiel: Wenn ein Fußgänger die Straße überqueren wolle, dann könne der das überall tun. Ein Rollstuhlfahrer muss sich immer an die städtebaulichen Vorgaben halten. Könne die Straße nur dort überqueren, wo der Bordstein abgesenkt ist. "Als Rollstuhlfahrer wird man immer bevormundet. Das hat mit Barrierefreiheit nichts zu tun", sagt Dahm, der selber nicht im Rollstuhl sitzt. Es gäbe zwar Regelungen im Straßenbau, wie oft es die Möglichkeit für einen Fußgänger geben muss, eine Straße zu überqueren, aber keine für Rollstuhlfahrer. Gleiches gelte übrigens auch für Rollatorfahrer.

Besonders ärgerlich sei es auch immer dann, wenn irgendwo etwas Neues gebaut wird und dort dann nicht an die Barrierefreiheit gedacht werde. "Das bleibt dann meist für die nächsten Jahrzehnte so."

Besonders problematisch seien unter anderem die Viehmarktthermen. Dort ist um das Gebäude ein hoher Bordstein gezogen. Nur an einer Stelle besteht die Möglichkeit, für Rollstuhlfahrer, auf den Bordstein aufzufahren. Auch das Kopfsteinpflaster auf dem Domfreihof sei alles andere als barrierefrei. Das bestätigt auch Edgar Flesch, der im Rollstuhl sitzt und ehrenamtlich den Einlass in den Dom kontrolliert. "Hier mit dem Rollstuhl zu fahren ist eine Qual." Die Liste mit den Problemstellen für Rollstuhlfahrer in der Stadt Trier, die Gerd Dahm erstellt hat, ist lang. Von Querneigungen über Kopfsteinpflaster bis hin zu zu steilen Rampen ist darauf alles aufgelistet. Gut läuft es demnach nur in der Neustraße und der Nagelstraße.

Der Test: Der Trierische Volksfreund hat die Liste von Gerd Dahm zum Anlass genommen, einige Stelle zu testen. Mitarbeiter Lukas Bülow hat sich einen Rollstuhl ausgeliehen und auf eine Reise durch Trier gemacht. Er hat sich in die Situation eines Rollstuhlfahrers hineinversetzt und versucht in die Viehmarktthermen, den Dom und durch die Fußgängerzone zu fahren. Hier das Ergebnis der Testfahrt:
.
Die Viehmarktthermen: Gleich zu Beginn des Tests sucht eine Gruppe belgischer Rollstuhlfahrer den Eingang zu den Viehmarktthermen. Sie finden ihn nicht. Doch sie haben Glück: Ihre Betreuer heben einen nach dem anderen auf die Erhöhung, die den Glaskasten umgibt. Dann fahren sie um den Glaskasten herum und finden dann schließlich doch den Eingang. Auch Lukas Bülow muss etwas suchen, bis er den Eingang findet, und dort ohne Problem auf den Bordstein hochrollen kann. Es gibt nur eine Stelle, die abgesenkt ist und die ist hinter Absperrzäunen, die dort derzeit wegen des Public Viewings stehen, versteckt. An der Eingangstür entsteht gleich das nächste Problem. Die Tür ist schwer. Nur mit Not kann Bülow die schwere Tür aus dem Rollstuhl heraus öffnen. Eine selbstöffnende, elektrische Tür: Fehlanzeige.

Der Domfreihof und der Dom: Auf dem Domfreihof liegt Kopfsteinpflaster. Für Rollstuhlfahrer ist darüber zu fahren, alles andere als bequem. Das stellt auch Bülow fest, während er den Kampf gegen die großen Fugen zwischen den Steinen verliert. Dort rutscht er regelmäßig beim Überfahren des Pflasters hinein, fährt sich fest und muss sich mit viel Anstrengung wieder befreien. Dazu kommen derzeit zahlreiche Kabelkanäle, die wegen des heute beginnenden Altstadtfestes auf dem Domfreihof liegen. Sie zu überfahren ist fast unmöglich, ohne dabei zu riskieren nach hinten mit dem Rollstuhl umzukippen.
Doch hier muss auch positiv angemerkt werden, die Einfahrt in den Dom funktioniert problemlos.
Die Schiebetüren öffnen sich schnell und automatisch. Der Bodenbelag ist gut befahrbar.

Fußgängerzone: An einigen Stellen in der Fußgängerzone muss Lukas Bülow wegen der Querneigungen sehr stark dagegenlenken. Besonders problematisch ist hier unter anderem die Palaststraße, aber auch die Fahrstraße lässt sich schlecht mit dem Rollstuhl befahren. Gut befahrbar hingegen scheint das Pflaster auf dem Kornmarkt zu sein, wenn es auch hier Probleme gibt, die barrierefreie Auffahrt auf den Kornmarktplatz mit dem Brunnen zu finden, da hierfür nur zwei Stellen angelegt sind.

Fazit: Die Liste der Problemstellen in Trier, die Gerd Dahmerstellt hat, ist lang. Wir konnten davon nur einige testen. Doch die Stichprobe hat gezeigt, dass die Plätze und Gebäude, die der Behindertenbeauftragte der Stadt Trier genannt hat, für Rollstuhlfahrer (auch für Rollatorfahrer) nur umständlich zu erreichen sind, weil unter anderem oft große Umwege in Kauf genommen werden müssen. "Mobil sein heißt: In einer gewissen Zeit eine gewisse Strecke zurücklegen zu können", sagt Gerd Dahm. Rollstuhlfahrer in Trier seien somit an vielen Stellen in der Stadt nicht mobil. Ihm sei klar, dass nicht alles aufgerissen und neu gemacht werden könne, aber wenn etwas neu gebaut wird, dann sollten die Planer schon an die Barrierefreiheit denken.Serie geht in die Verlängerung

16 Serienteile, Tausende von Zeilen an Texten, zahllose Fotos und Info-Grafiken, mehrere Videobeiträge, eine einwöchige Testwoche mit Verkehrsmitteln und ein aufwendiges Rennen zwischen Auto, Bus und Rad durch Trier. Das alles war Teil unserer Großserie zum Thema Verkehr, die mit diesem Beitrag endet.

Wir haben in den vergangenen drei Wochen so viele Anregungen bekommen, dass wir beschlossen haben, mit der Serie in die Verlängerung zu gehen. Und zwar immer dann, wenn wir Anregungen der Leser aufgenommen und recherchiert haben. Gleich am Samstag gibt es weitere Leserbriefe zur Serie im Trierischen Volksfreund.

Gerne nehmen wir unter echo@volksfreund.de auch weitere Anregungen entgegen. Und alle Videos, Artikel und Fotos finden Sie weiterhin online in unserem Dossier unter http://www.volksfreund.de/verkehr