Vom sprechenden Känguru bis Zarathustra

Vom sprechenden Känguru bis Zarathustra

"Narrenhände beschmieren Tische und Wände" - nicht nur das würde man den Sprayern, die auf dem Petrisberg etliche Fassaden verunziert haben, gerne ins Poesiealbum schreiben. Bislang hat die Polizei allerdings noch keine Hinweise auf die Urheberschaft der Schriftzüge.

Trier. "Ich liebe dich", steht da an der Wand entlang der Sickingenstraße am Petrisberg. Beim bloßen Dranvorbeifahren fällt der jahrealte Schriftzug gar nicht auf. Bestimmt, weil die Farbe teilweise schon abgeblättert und verblasst ist. Vielleicht aber auch wegen des Inhalts. "Ich liebe dich" - tausendfach gelesene Graffitiromantik.
Ein paar Meter weiter waren die Sprayer weniger lieblich drauf. In Neonpink springt es einen von der Mauer des Klosters St. Clara an: "Hätte Maria euch abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben!!" Ein Satz, den Abtreibungsbefürworter bei ihren Demonstrationen auf ihre Plakate schreiben. Zur gleichen Ideologie gehört der Spruch, der ein paar Meter weiter auf einer Hauswand prangt: "Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat", steht da in meterhohen Großbuchstaben; silberne Sprühfarbe auf rostroter Fassade.Polizei untersucht Schrift


Insgesamt fünf Hauswände und eine Mauer haben Unbekannte in der Nacht von Samstag auf Sonntag auf dem Petrisberg, entlang der Sickingenstraße und der Straße Auf dem Petrisberg, vollgeschmiert. Die Polizei sucht Zeugen (der TV berichtete). Weiter sind die Ermittlungen allerdings noch nicht gediehen. "Wir bleiben aber an der Sache dran", sagt Polizeipressesprecherin Sabine Bamberg. Unter anderem untersuchen Graffiti-Spezialisten der Polizei Schriftbild und Farbart, um so Rückschlüsse auf den Urheber oder die Urheberin zu ziehen."Einfach nur stumpf und platt"


Graffiti, sogenannte Tags und Figuren, einzelne Wörter oder kurze Phrasen kennt man aus Trier wie aus jeder anderen Stadt. Ganze Sentenzen gab's hier bislang allerdings selten. "Es ist kein weiter Weg von uninformiert zu uniformiert" steht zum Beispiel seit dem frühen Sonntagmorgen in dunklem Lila auf einem der Petrisberghäuser. Die Redeblume stammt aus dem aktuellen Bestseller "Das Känguru-Manifest" über ein sprechendes, den Kommunismus und die Grunge-Band Nirvana verehrendes Beuteltier als schlagfertiges Alter Ego des Kabarettisten und Autoren Marc-Uwe Kling.
Literarisch auch die Vorlage für den grasgrünen Schriftzug auf hellblauer Fassade wenige Häuser weiter: "Ach, wenn es noch ein Meer gäbe, in dem man ertrinken könnte!", lautet das Zitat aus Nietzsches Zarathustra angesichts des moralischen Verfalls der Welt. Anbetracht der tausenden Menschen, die in den vergangenen Wochen und Monaten im Mittelmeer ertrunken sind, ist diese Schmiererei an Zynismus nicht so leicht zu überbieten.
Die Anwohner tragen es mit Fassung: "Pubertäre, unausgegorene Kritik an Establishment und Kapital soll das wohl sein", meint einer der betroffenen Hausbesitzer. Den Petrisberg habe es wohl getroffen, weil dieser als Reichen-Ghetto gilt. "Dabei leben hier ganz normale Leute, wir sind doch keine Bad Bank oder so was." Auch Christian Engel, dessen Hauswand ebenfalls verunziert ist, meint: "An eine Klostermauer einen Pro-Abtreibung-Spruch zu sprayen ist jedenfalls nicht gesellschaftskritisch oder gar originell, sondern einfach nur stumpf und platt." Wer nicht eine spezielle Versicherung abgeschlossen hat, der muss sich übrigens selbst darum kümmern, wie das Geschmiere wieder wegkommt. Je nach Farbe muss diese zunächst abgetragen werden und dann die Stelle oder die gesamte Wand mehrfach überstrichen werden.
"Das ist einfach nur superärgerlich", sagt Christian Engel.

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