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Vom Storch und den ersten männlichen Regungen

Vom Storch und den ersten männlichen Regungen

Bitterböse, teilweise humorige Gesellschaftskritik steht auf dem Programm der Trierer Musical School. Mit Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" zeigen die jungen Darsteller außergewöhnlich professionelle Leistungen in Gesang, Tanz und Schauspiel.

Trier. "Ich sehe, wie die Hühner Eier legen, und höre, dass mich Mama unter dem Herzen getragen haben will. Aber genügt denn das?", fragt der pubertierende Moritz (Janine Meyer) seinen Freund Melchior (Marius Bingel). Satt hat er all die Geschichten vom Storch und von der Liebe - jetzt will er endlich wissen, was das alles bedeutet: die Mädchen, seine ersten "männlichen Regungen", für die er sich schämt, weil er sie nicht versteht, und das Kinderkriegen sowieso.
Doch die Erwachsenen der wilhelminischen Ära wollen ihm nichts davon erklären - über so etwas spricht man nicht. Stattdessen fordern sie von ihren Kindern immer bessere Leistungen in einem unmenschlichen Schulsystem. Mit "Frühlings Erwachen" zeigt die Trierer Musical School ihr erstes integriertes Projekt. Unter der Leitung von vier Dozentinnen und Dozenten haben die Schüler ein halbes Jahr lang die einzelnen Bestandteile des Stücks einstudiert: Gesang, Tanz und Schauspiel. Das Ergebnis ist ein Musical, dessen Dialoge aus dem originalen Drama von Frank Wedekind stammen.
Die 13 Darsteller, mit zwölf bis 22 Jahren selbst im Alter der Figuren des Dramas, zeigten herausragende schauspielerische und gesangliche Leistungen. Janine Meyer etwa spielte die tragische Figur des Moritz mit verblüffender Hingabe, sogar zynisch-humorvolle Momente vermochte sie eindrucksvoll zu vermitteln.
Jeder der Jugendlichen im Stück steht alleine da mit seiner Sexualität, die er nicht versteht, mit der teils autoritären Erziehung und den körperlichen Züchtigungen, die er zu ertragen hat. Wendla (Theresa Baacke), eine 14-Jährige aus bürgerlichem Haushalt, hört von ihrer Mutter immer noch die Geschichte vom Storch, an die sie schon lange nicht mehr glaubt. Selbst als sie aus Unwissenheit schwanger wird, versucht die Mutter ihr weiszumachen, dass sie die Bleichsucht habe. Moritz indes hält dem Druck nicht mehr stand - und erschießt sich. bel