Vom Suchen und Finden der Stille

Vom Suchen und Finden der Stille

Gisela Hubert gehört zu den Menschen, deren Arbeitsplatz zu ihren Lieblingsplätzen zählt. Die 60-Jährige liebt stille Momente, sagt aber auch laut ihre Meinung. In unserer Serie erzählt die Malerin, was sie an Trier sehr und weniger mag und wo sie jenseits des Stadttrubels ihre Lieblingsplätze entdeckt hat.

Trier. Während des Besuchs eines Museums im amerikanischen Denver habe ich ein Schlüsselerlebnis gehabt: Ich bestaunte die größte Sammlung an original indianischen Kunstwerken. Dabei beschlich mich das Gefühl, dies alles schon einmal gesehen zu haben. Diese überraschende Vertrautheit ging mir durch Mark und Bein und inspirierte mich, auf Spurensuche zu gehen. Ich habe seitdem viel über Indianer gelesen, einige kennengelernt sowie an Powwows, Tanzfesten nordamerikanischer Indianer, teilgenommen. Mich fasziniert ihre Naturverbundenheit und, mit welchem Respekt sie der Erde mit ihren Geschenken begegnen. Alle Farben, Formen oder Strukturen, die auf meinen Bildern zu sehen sind, finden sich in der Natur wieder. Ich kann weder künstlerisch noch im Alltag ohne sie.Tausend Mal beim Säulenlissi

In meinem Zuhause etwa, in Trier-Tarforst, grenzt das Haus an weite Felder. Aufgewachsen bin ich in Trier-West, am Fuß der Mariensäule. Tausend Mal sind wir zum "Säulenlissi", wie der Ur-Trierer sagt, gegangen. Als Kind mit den Eltern, als Teenager mit der Clique und der Gitarre. Ich habe mich übrigens nie als Stadtkind gefühlt. Der Trier-Wester sagt immer: "Ich gehe in die Stadt." Dorthin bin ich fast täglich zur Schule gegangen. Kurz vor dem Abitur wusste ich nicht, wie es beruflich weitergehen sollte, aber eines stand fest: Ich kehre Trier für immer den Rücken! Der verstorbene Trierer Künstler Klaus Swoboda hat mir geholfen, die Weichen für meine Zukunft in die für mich passende Richtung zu stellen. Dafür bin ich ihm zutiefst dankbar. Swoboda war unser Kunstreferendar am staatlichen Gymnasium und hat mir über den normalen Unterricht hinaus Techniken beigebracht und mich motiviert, Kunst zu studieren. Ich hatte mich dann für ein Lehramtsstudium in Worms entschieden und unterrichtete anschließend 30 Jahre lang Kunst an Hauptschulen, in Trier und in der Eifel. Der Liebe wegen war ich entgegen meinen Mädchenwünschen wieder in meine Heimatstadt gekommen, und ich habe diesen Schritt nie bereut.ch genieße die Vorzüge dieser überschaubaren Stadt: Sollte es einmal vorkommen, dass man jemanden nicht kennt, stellt man spätestens nach zehn Minuten fest, dass man einen gemeinsamen Bekannten hat. Das mag ich ebenso wie die Alleen, die sich ähnlich einem grünen Gürtel um die Stadt legen. Und egal, in welche Himmelsrichtung man fährt, allerorts stößt man auf wunderschöne Landschaften: die Höhenlagen, etwas weiter auf den rauen Hunsrück oder die wunderbare Eifel. Luxemburg und Frankreich vor der Haustür zu haben, ist bereichernd, weil andere Kulturen dadurch sehr nah sind. Einziger Wermutstropfen in Trier: Die Stadt entwickelt sich in eine Richtung, die ich bedauere: Der Trend nach mehr, besser, toller und billiger ist spürbar. Beispielsweise verschlingen Supermarktketten zunehmend kleine Einzelhandelsgeschäfte. Und Trier wird mehr und mehr Touristenstadt, und ich fürchte, dass die Bedürfnisse der Trierer zunehmend ignoriert werden. Zu einem meiner Lieblingsplätze gehe ich kaum noch, weil die Stille dem lauten rücksichtlosen Geplappere seiner Besucher gewichen ist: der Domkreuzgang. Aber ich habe einen Ersatz gefunden: die kleine Willibrordkapelle in St. Irminen. Sie trägt die Handschrift des verstorbenen Malers Jakob Schwarzkopf, sie war sein letztes Projekt. Dort in der Stille zu sitzen, bedeutet, frei von Ablenkungen zu sein, bei mir selbst anzukommen und mehr Kontakt mit meiner Intuition zu haben. Diese Momente brauche ich für mein Leben und meine Arbeit. Fünf Gehminuten von diesem sakralen Lieblingsplatz entfernt, in der Salvianstraße, liegt mein Atelier - von Stille und Natur umgeben und trotzdem mitten in der Stadt. Ich teile es mit der Künstlerin Lilo Schaab. Es ist ein Stück Lebensqualität, sagen zu können: "Mein Arbeitsplatz ist mein Lieblingsplatz." Vor zehn Jahren habe ich den Lehrerjob aufgegeben, um hauptsächlich das tun zu können, was ich neben Beruf, der Erziehung zweier Kinder und der Hausarbeit immer schon nebenbei getan habe: freischaffend künstlerisch tätig zu sein. Vieles, was ich nicht in Worte fassen kann, drücke ich mit Pinsel und Farbe aus. Kunst ist ein ursprüngliches und wesentliches Mittel der Kommunikation. Leider haben die Künstler in Trier kaum eine Lobby. Dabei haben wir so viele gute Künstler vor Ort: gute Musiker und Schriftsteller, prima Schauspieler, fabelhafte Bildhauer, tolle Designer, um nur einige zu nennen. Wenn die Stadt sie nicht an Großstädte verlieren will, muss sie etwas tun. Ich halte es mit der Pianistin Hélène Grimaud. Sie sagt, dass Kunst das fünfte Element sei, ohne das die Menschen geistig und seelisch verarmen würden. Ich hoffe, dass meine Heimatstadt uns Künstlern den Platz einräumt, den wir brauchen. Auch, dass die kulturelle Gegenwart ebenso wertgeschätzt wird wie die kulturelle Vergangenheit. Obwohl manchmal Städte wie Köln oder Berlin für Kunstschaffende verlockend sind, weiß ich: Ich will in Trier leben und arbeiten.Aufgezeichnet von Katja Bernardy

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