Vom Trierer Jugendamt in die Abtei St. Matthias

Glaube : Vom Trierer Jugendamt in die Abtei St. Matthias

Bruder Simeon ist Benediktinermönch und arbeitet beim Jugendamt der Stadt Trier. Nach Feierabend radelt er zurück in die Abtei St. Matthias. Wie lassen sich intensiv praktizierter Glaube und ein anspruchsvoller Job unter einen Hut bringen?

Wenn Simeon Friedrich nach Hause kommt und sein Fahrrad abgestellt hat, legt er Ballast ab: Stress, Druck, Kleidung, sogar einen Teil seines Namens. Friedrich, der bei der Stadt Trier als Sozialraumplaner arbeitet, heißt in der Benediktinerabtei St. Matthias schlicht Bruder Simeon.

Seine Tage verbringt der 43-Jährige von montags bis donnerstags zwischen klösterlicher Abgeschiedenheit und dem hektischen Arbeitsalltag im Jugendamt. Nur freitags nicht. Der Freitag gehört allein dem Mönch mit seinen Pflichten in der Gemeinschaft. Ein anstrengender Spagat, bei dem Bruder Simeon Glaube und Kontemplation (innere Einkehr) helfen. Und doch: „Manchmal wühlt mich ein Thema so auf, dass ich schwer abschalten kann.“ Die Erschöpfung nach einem langen Arbeitstag ist bisweilen stärker als sein Wunsch, bei allen Aktivitäten in der Abtei mitzuwirken: „Gelegentlich bin ich abends einfach sehr müde. Mein Gehirnspeicher ist dann voll.“

Die Zimmertür zumachen und sich ein paar Minuten aufs Sofa legen wäre an solchen Tagen eine wünschenswerte Maßnahme. Allerdings nicht in einer Ordensgemeinschaft. Dort leben die Mönche streng nach der Uhr. Sie bestimmt, was gerade ansteht. Gebete, Mahlzeiten, Arbeit, Freizeit. Der Tagesablauf ist geregelt und immer gleich. Jeder Benediktinermönch in der Abtei St. Matthias, der nicht krank oder zu alt ist, hat seine Aufgaben und Arbeit. Als Stadtkloster eröffnen sich dabei ungewöhnliche Perspektiven. Neben Bruder Simeon arbeiten Bruder Eucharius und Bruder Gregor außerhalb von St. Matthias. Andere sind in der Abteiverwaltung oder -leitung, wieder andere in ihren Berufen als Maurer oder Schreiner in der Abtei tätig. Ein Leben im Sinne des heiligen Benedikt: Ora et labora. Bete und arbeite.

Die materielle Lebensgrundlage basiert auf den Gehältern des Einzelnen. Daraus werden die Lebenshaltungskosten bestritten. Braucht ein Bruder Geld für Kleider, erhält er es, ebenso wie ein kleines Taschengeld. Jeder bekommt so viel, wie er braucht. Anspruchlosigkeit ist oberste Prämisse.

Bruder Simeons Tag startet um Viertel vor fünf. Mit Yoga, Gebeten und Stille. Um 5.45 Uhr schließt er sich seinen Brüdern zu Matutin (Nacht- oder frühmorgendliches Stundengebet) und Laudes (liturgisches Morgengebet) an. 6.30 Uhr: Tagesbesprechung, anschließend Frühstück im Refektorium, dem Speisesaal der Mönche. Ab 8 Uhr beginnt für die Mönche die Arbeitszeit.

Simeon Friedrich fährt mit dem Stadtbus nach Neu-Kürenz. Er trägt schwarz. Keine Mönchskutte, keine Sandalen. Normale Alltagskleidung. An der Haltestelle Bonifatiusstraße steigt er aus. Im nahen Burgunderviertel soll ein neues Stadtquartier entstehen (siehe Hintergrund). Als Sozialraumplaner ist Friedrich eng in das Projekt miteingebunden. Er ist der Kontaktmann. Der Netzwerker. Er weiß, wen er ansprechen muss. In der Verwaltung und draußen vor Ort.

„Das Burgunderviertel soll sich sozial gut in die Umgebung integrieren und keine Insel bilden zwischen den beiden Extremen Weidengraben mit dem sozialen Wohnungsbau und Petrisberg mit den hochpreisigen Wohnungen.“ Eine Herausforderung. Diverse soziale Angebote und Einrichtungen muss Friedrich da im Blick haben: Soll der Spielplatz am jetzigen Standort im Hohlengraben bleiben? Wie sieht es aus mit Kindergartenplätzen, einer Begegnungsstätte oder gar einem Pflegeheim?

Die Abtei St. Matthias. Foto: TV/Verona Kerl

Und so nimmt er Kontakt auf zum Sozial- oder Baudezernat, schreibt Stellungnahmen, kooperiert mit den Fachplanungen. Er kommuniziert vor Ort mit Sozialarbeitern und Vertretern von Sozialverbänden, sitzt in Ortsbeirats- oder Stadtratsitzungen und hat dabei immer das eine im Blick: „Die Planung muss die Menschen in den Mittelpunkt stellen“, sagt Friedrich.

Das Bewusstsein bei den Beteiligten dafür zu schaffen kann mitunter recht anstrengend sein. Für alle. „Meine Kollegen sagen oft, ich hätte was Wadenbeißerhaftes. Ich hake eben auch oft nach.“ Der Sozialraumplaner und der Mönch. Simeon Friedrich trennt diese beiden Leben nie. Verinnerlicht hat er eine Regel des heiligen Benedikts: Das Auftreten der Reichen verschafft sich von selbst Beachtung. Daher engagiert sich Friedrich für die, die es schwerer haben im Leben. Wie für die Bewohner im Wohngebiet am Weidengraben, wo in Hochhäusern russischstämmige Menschen, Menschen mit Fluchterfahrung, Familien und Senioren leben. Der Verein Treffpunkt (taw) bietet ein breit gefächertes Angebot. Sozialarbeiter, Angestellte und Ehrenamtliche arbeiten im Jugendzentrum, im Hort, in der Flüchtlingsarbeit, Familienhilfe, Schulsozialarbeit und betreuen Grundschulen. An diesem Mittwoch treffen sich Senioren zum Mittagstisch. Einmal die Woche kocht Jürgen Schaefer hier mit seiner Crew, ehrenamtlich. Ein Ereignis für die 25 Männer und Frauen.

Simeon Friedrich nutzt die Gelegenheit, sich mit Carsten Schmitt, Leiter der Gemeinwesenarbeit, auszutauschen. „Wir besprechen uns regelmäßig“, sagt Schmitt. „Was gibt es Neues, sind Probleme aufgetaucht, und so weiter.“ Ein Problem ist tatsächlich aufgetaucht. In einem der Häuser aus den 1960er Jahren müssen die Bewohner acht Stufen hinaufsteigen, um überhaupt an den Aufzug zu kommen. Doch auch der bleibt öfter mal stehen. „Diese acht Stufen sind schon ein Problem“, klagt die 65-jährige Brigitte Michels. „Ich schaffe das noch, obwohl ich im vierten Stock wohne. Aber mit einem Rollator oder so geht das gar nicht.“ Simeon Friedrich will sich dafür einsetzen, dass Abhilfe geschaffen wird.

Denn Menschen und Kollegen auf Augenhöhe zu begegnen ist ein Herzensanliegen von Friedrich. „In erster Linie bin ich Dienstleister für den Menschen. Ich reagiere allergisch auf die Frage ,Bin ich dafür zuständig?’“ Auch eine Haltung, mit der man in einer Verwaltung ab und zu anecken kann. Für Bruder Simeon spielt das aber keine entscheidende Rolle. „Letztlich darf es dem Mönch nicht darum gehen, durch seine Arbeit groß herauszukommen oder dem Kloster zu Reichtum zu verhelfen, sondern, so sagt Benedikt: ,dass in allem Gott verherrlicht werde’.“

Bruder Simeon unterwegs im Burgunderviertel, bei der Gartenarbeit in der Abtei und beim Tischeabräumen im Refektorium. Foto: TV/Verona Kerl
Bruder Simeon hilft beim Abräumen der Tische nach dem Abendessen. Foto: TV/Verona Kerl
Seltene Gelegenheit: Bruder Simeon Friedrich isst mit den Senioren im Treffpunkt am Weidengraben, von links Brigitte Schaefer, Hannelore Bieber und Brigitte Michels. Foto: Friedemann Vetter

17.15 Uhr Feierabend. Bis sich Bruder Simeon um 18.15 Uhr zu Vesper und Eucharistiefeier in der Kirche St. Matthias einfindet, hat er Zeit abzuschalten – die Arbeit hinter sich zu lassen und sich auf den Gottesdienst einzustimmen. Während des Abendessens ab 19.10 Uhr liest turnusmäßig ein Mönch im Refektorium vor, ein anderer verteilt im Tischdienst die Speisen oder macht den Abwasch. Um 20 Uhr endet mit der Komplet (Nacht- und Schlussgebet) der offizielle Teil des Tages. Doch Bruder Simeon erledigt auch dann noch oft Aufgaben: im Garten gießen oder am Gesangsunterricht der Kantoren (Vorsänger) teilnehmen. Beruf und Berufung. Sie sind für Simeon Friedrich eine Lebenswelt. Jeden Tag aufs Neue.

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