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"Von der Berghöhe Mitte zielt er auf Dächer und Häuser"

"Von der Berghöhe Mitte zielt er auf Dächer und Häuser"

Raubritter, Beschützer der Gerechtigkeit, Vorkämpfer der Reformation. Wer oder was war Franz von Sickingen, der vom 8. bis 14. September 1522 Trier belagerte? Ihm ist jetzt eine Sonderausstellung im Landesmuseum Mainz gewidmet. Aus diesem Anlass schildert auch eine Präsentation im Rheinischen Landesmuseum Trier sechs Tage aus der Geschichte des Mannes, der bis in die Gegenwart zum Helden stilisiert wurde. Museumsmitarbeiter Frank Unruh hat für den Trierischen Volksfreund diesen Gastbeitrag über die Belagerung Triers verfasst.

Zu den Geschehnissen dieser Tage stehen zwei Zeitzeugen zur Verfügung, die ausführliche Schilderungen hinterlassen haben: Der eine ist der Humanist und Lehrer an der Universität Trier, Bartholomäus Latomus aus Arlon. Er schrieb im Jahr 1523 eine Erzählung in 1089 lateinischen Versen. Auf Deutsch lautet ihr Titel: "Der denkwürdige Aufstand des Franz von Sickingen mit der Belagerung Triers und dem Tod desselben.” Der zweite ist der Trierer Ratsschreiber Johann Flade, dessen Aufzeichnungen die Überschrift tragen: "Wie Franz von Sickingen dem Stift (das heißt dem Erzbistum) Schaden zugefügt und die Stadt Trier belagert hat im September des Jahres 1522.”Der Raubzug Sickingens


Der dem Ritterstand angehörende Franz von Sickingen wurde 1481 auf der Ebernburg bei Bad Kreuznach geboren und hatte mehrere Besitztümer in der Region Nahe, Elsass und Kraichgau, wo er sich zumeist aufhielt, geerbt. Politischen Einfluss und Geldvermögen wusste er durch private Kriegszüge, ebenso in Solddiensten, unter Missachtung des geltenden Reichsrechts zu vermehren.
Bevor sich Franz von Sickingen gegen Trier wandte, zog er durch das Saarland und Birkenfeld, wo er Furcht und Schrecken verbreitete. Zuvor hatte er dem Trierer Erzbischof und Kurfürsten Richard von Greiffenklau den Krieg erklärt. Er wählte dafür die seit dem "Ewigen Landfrieden” von 1495 geächtete Fehde - die Selbstjustiz aus dem Rittertum des Mittelalters. Sickingen galt als militärischer Anführer des gegenüber den Landesherren benachteiligten Standes der Reichsritter.
Er sympathisierte mit der Reformation und bot deren verfolgten Anhängern Schutz. Zugleich schloss er ein Bündnis mit weiteren Rittern, darunter Ulrich von Hutten, der auch literarisch agitierte. Als Fehdegrund gab Sickingen an, durch Greiffenklau in seiner Ehre verletzt worden zu sein. Anlass zum Krieg bot ein Streit, der den Kurfürst vor ein Reichsgericht, nicht vor eines der Ritter, ziehen wollte. An der Spitze von angeblich 5000 Mann zu Fuß und 1500 Reitern zog Sickingen gegen Trier.

Die durch die Kunde vom Raubzug Sickingens im Saarland schon von Furcht gezeichneten Trierer Bürger wusste der Kurfürst wieder moralisch aufzurichten. Ohne seine organisatorischen und taktischen Fähigkeiten hätten sie der Belagerung nicht lange standgehalten. Die Zeit, die Sickingen mit der Verwüstung des Landes vergeudete, hatte Greiffenklau genutzt, um die Besatzung der Stadt zu verstärken.
Von seiner Residenz auf dem Ehrenbreitstein bei Koblenz, wo ihn der Fehdebrief Sickingens erreichte, zog er die Mosel aufwärts. In Trier ließ er ein zuvor ausgehobenes Aufgebot aus den Städten und Bezirken des Landes versammeln, insgesamt etwa 2200 Mann. Aus Trier standen etwa 900 Mann zur Verfügung. Der Kurfürst selbst traf mit einer kleinen Streitmacht zwei Tage vor der Ankunft Sickingens in Trier ein.
Gelobt wird Greiffenklaus persönlicher Einsatz bei der Verteidigung Triers, negativ hat man ihm die teilweise Zerstörung der Abtei St. Maximin und der darin gelagerten Vorräte angekreidet. Letztere hätten allerdings Sickingen zur Versorgung seiner Truppen dienen können. Der Verlust war nicht von Nachteil für die Trierer Händler, die so eine Konkurrenz vor den Toren der Stadt loswurden.Kanonen auf dem "Franzensknüppchen”?


"… trotz allem heftigen Schießen, (haben) nur eine Elster, eine Maus und zwei Hühner, wie man sagt, das Leben gelassen,” spottet Johann Flade über die "Todesopfer” der Belagerung. Eine weitere damit verbundene Legende knüpft sich an einen künstlichen Hügel auf dem Petrisberg, seit dem 17. Jahrhundert "Franzensknüppchen” genannt.
Hier soll Sickingen seine Geschütze zur Beschießung der Stadt aufgestellt, nach einer Überlieferung den Hügel selbst angelegt haben.
Eine andere Tradition vermutet dort sogar die Bestattung seines Kopfes. Latomus berichtet, dass Sickingen nach erfolgloser Beschießung des nordöstlichen Abschnitts der Stadtmauer seine Kanonen auf den - damals so genannten - Marsberg ziehen ließ.
Er erwähnt den Hügel als Grab des sagenhaften Stadtgründers Trebeta, nicht aber als Geschützstellung: "Denn von der Berghöhe Mitte, die grade der Stadt gegenüber, zielt er auf Dächer und Häuser."
Schon 1785 hat man bei Grabungen im Inneren des Hügels römisches Mauerwerk gefunden. Eine Grabung im Jahr 1866 bestätigte den römischen Mauerkern und stellte Teile einer kreisförmigen Umfassungsmauer von etwa 51 Meter Durchmesser fest. Die genaue Zweckbestimmung der einst etwa 13 Meter hohen Aufschüttung, als Grabtumulus oder Unterbau eines Siegesmals (tropaeum), ist bis heute nicht bekannt.
Nach "VI (sechs-)tegier belagerung", bei der man auf beiden Seiten je XX (20) Tonnen … gueten Pulvers … verschossen” habe, so resümiert Johann Flade, zog Franz von Sickingen am rechten Moselufer entlang wieder ab.
Dem weiteren Schicksal des Ritters geht die Sonderausstellung in Mainz nach.Extra

 Vom 9. bis 13. September beschossen Sickingens Geschütze den nordöstlichen Abschnitt der Stadtbefestigung. Am 9. gelang es einem „Stoßtrupp” aus der Stadt, die Kanonen vorübergehend außer Gefecht zu setzen. Eine in die Mauer geschossene Bresche konnten die Verteidiger wieder schließen. Am 13. unternahm Sickingen den Versuch, Trier auch vom Petrisberg aus zu beschießen. Foto: Kartenaufnahme der Rheinlande 1812/1818/ Rheinisches Landesmuseum Trier (Grafische Gestaltung: Franz-Josef Dewald)
Vom 9. bis 13. September beschossen Sickingens Geschütze den nordöstlichen Abschnitt der Stadtbefestigung. Am 9. gelang es einem „Stoßtrupp” aus der Stadt, die Kanonen vorübergehend außer Gefecht zu setzen. Eine in die Mauer geschossene Bresche konnten die Verteidiger wieder schließen. Am 13. unternahm Sickingen den Versuch, Trier auch vom Petrisberg aus zu beschießen. Foto: Kartenaufnahme der Rheinlande 1812/1818/ Rheinisches Landesmuseum Trier (Grafische Gestaltung: Franz-Josef Dewald)
 Feuer frei: Eine Söldnergruppe von Schloss Veldenz (Kreis Bernkastel-Wittlich) schießt mit einem Kammergeschütz, wie es zur Zeit von Franz von Sickingen verwendet wurde. TV-Foto: Friedemann Vetter
Feuer frei: Eine Söldnergruppe von Schloss Veldenz (Kreis Bernkastel-Wittlich) schießt mit einem Kammergeschütz, wie es zur Zeit von Franz von Sickingen verwendet wurde. TV-Foto: Friedemann Vetter

Frank Unruh, Jahrgang 1958, studierte Alte Geschichte in Kiel und Tübingen, wo er 1989 promovierte (TV-Foto: Roland Morgen). Seit 1997 ist er beim Rheinischen Landesmuseum Trier für Mediaplanung, Pressebetreuung und Arbeiten an Ausstellungsprojekten zuständig. Die Trierer Präsentation unter dem Titel "Ein atzel eine muisse und II Heener - Franz von Sickingen belagert Trier im Jahr 1522" entstand als lokale Ergänzung zur Sonderausstellung "Ritter! Tod! Teufel? - Franz von Sickingen und die Reformation", die bis zum 25. Oktober 2015 im Landesmuseum Mainz gezeigt wird. Diese bildet als Projekt der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz im Rahmen der Dekade "Luther 2017" den Mittelpunkt eines Programms zur Welt des Franz von Sickingen, an dem 18 Orte beteiligt sind. Die Präsentation in Trier ist bis zum 25. Oktober zu sehen. Ergänzt wird sie durch zwei Führungen: "Franzens Zeit" (31. Mai) und "Franzens Krieg" (13. September). red Nähere Informationen unter der Adresse www.landesmuseum-trier.de