Von fliegenden Schultaschen und einem ausgiebigen Weingenuss
Trier/Traben-Trarbach · 65 Jahre lang schnauften die Loks der Moseltalbahn über die genau 101,7 Kilometer zwischen Trier und Bullay. Viele Ältere erinnern sich an Fahrten mit ihr. Die meisten von ihnen waren damals als Schüler auf diese Art der Beförderung angewiesen. Manchmal mussten die Fahrgäste auch lange warten, damals allerdings, weil der Lokomotivführer in der Kneipe zechte.
Trier/Traben-Trarbach. Für Martha Lörsch war es der größte Schreck in ihrem Schülerinnenleben: "Ich war in dem Triebwagen, der 1951 in Wintrich verbrannt ist. Ich stand auf dem Blech über dem Motor, in dem das Feuer ausbrach", erzählte die mittlerweile 75-Jährige, die seit Jahrzehnten in Traben-Trarbach lebt.
Vor 64 Jahren sprang die damals Elfjährige aus dem Wagen heraus. Völlig aufgelöst habe sie auf dem Acker neben den Schienen gestanden und erst einmal geweint, weil ihre Schultasche in dem Zug verbrannte. Taschen, Bücher und Hefte wurden natürlich von der Bahngesellschaft ersetzt.
Autor ganz nah dran
Bei der Vorstellung von Karl-Josef Gilles' neuestem Buch (siehe weiteren Artikel auf dieser Seite) war Martha Lörsch eine von vielen meist älteren Frauen und Männern, die sich an die Zeiten der Moseltalbahn erinnerten. Dass er mit den Zügen, die nur 70 Meter von seinem Elternhaus in Zell vorbeifuhren aufwuchs, ist mit ein Grund, weshalb sich Gilles intensiv mit der Geschichte der Kleinbahn beschäftigt.
Nach dem Band über die Zeit zwischen der Jungfernfahrt 1903 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschäftigt sich der jetzt im Alten Rathaus von Traben vorgestellte Band mit dem Eisenbahnverkehr entlang der Mittelmosel nach dem Krieg. Eine Schülergeschichte aus dieser Zeit steuert der Historiker auch selbst bei: "Irgendwo zwischen Burg und Reil gab es eine Rauferei, und eine Schultasche flog durchs Fenster." Die Scheibe ging zu Bruch. Aber erst an der vorletzten Station bemerkt der Schaffner den Schaden. "Wir wurden alle raus zum Bahnhofsvorsteher zitiert und befragt", erinnert sich Gilles. Der Übeltäter musste den Schaden ersetzen, und die Tasche war natürlich weg.
Albert Wenker stieß Gilles auf die Geschichte der aus dem Zug fliegenden Schultasche. Der aus Briedel stammende und jetzt in Reil lebende 72-Jährige hatte noch weitere Erlebnisse mit der Moseltalbahn. "Als Buben sind wir gerne auf die Erzzüge geklettert", erinnert er sich. Diese wurden am Haltepunkt Altlayer Bachtal in Zell beladen. Das Erz stammte aus den Gruben bei Altlay im Hunsrück.
In den ersten Nachkriegsjahren war die Moselbahn die einzige Zugverbindung zwischen Koblenz und Trier. Die Bullayer Moselbrücke sowie die Bahnanlagen in Trier-Ehrang und Wittlich-Wengerohr waren zerstört, so dass die heutige Trasse der Strecke zwischen Trier und Bullay nicht benutzt werden konnte. Doch nach deren Wiederinbetriebnahme, dem Ende des Erzbergbaus in Altlay im Jahr 1959, und spätestens, seit das Tanklager aus Trier-Nord in den Hafen umzog, war das Ende der Moselbahn (1968) besiegelt (siehe Extra).
In der immer schnelllebigeren Zeit war sie zu langsam in der Konkurrenz mit Lastwagen und Omnibussen. Heute bedauern das viele Menschen.
Und das nicht nur wegen der vielen Stopps entlang der Moselschleifen. Eine Vermutung: Das Zugpersonal begoss den Feierabend manchmal vorzeitig. Eine Enkircherin erzählte, dass die Passagiere des letzten Zugs zuweilen ungeduldig warteten, bis der Lokomotivführer beim Halt in Burg aus dem Sängerheim zurückkam. Die Einhaltung des Fahrplans war wohl zweitrangig. Ihren Ruf als Saufbähnchen verdankte die Moselbahn aber der Tatsache, dass sie den Weinabsatz in vielen Moselorten ankurbelte und mancher Zecher in ihr nach einer ausgiebigen Weinprobe die Heimreise antrat.Extra
Geschichte: 1899 gründeten Bankhäuser und die Westdeutsche Eisenbahn-Gesellschaft die Moselbahn AG. Die ersten Bauarbeiten begannen im Frühjahr 1900. 1903 wurde die Strecke von Trier bis Leiwen eröffnet. Bis 1905 wurde die Verbindung durchs Moseltal weitgehend parallel zur Eisenbahnbahnstrecke Trier - Koblenz bis Bullay erweitert. Es gab 38 Stationen. Ab 1961 wurde der Verkehr schrittweise eingestellt. 1968 endete der Personenverkehr. Am 31. Januar 1968 um 22.14 Uhr fuhr der letzte Zug der Moselbahn aus Richtung Neumagen-Dhron in den Trierer Hauptbahnhof ein. Bis in die 1980er Jahre wurde die Strecke zwischen Ruwer und Trier mit Güterzügen befahren. Seit 1961 ersetzten Busse Schritt für Schritt die Bahnstrecke. Inzwischen firmiert die Moselbahn unter dem Namen Rhenus-Veniro. (Quelle: <%LINK auto="true" href="http://www.moselbahn.de" text="www.moselbahn.de" class="more"%> ) har