Waldorfschule Trier feiert Jubiläum mit viel Musik

Bildung : Waldorfschule Trier feiert Jubiläum mit viel Musik

Was in Stuttgart begann, zieht sich heute über die ganze Welt: Waldorfschulen. In diesem Jahr feiern sie Jubiläum, in Trier am Samstag, 31. August.

Die erste Waldorfschule der Welt wurde vor 100 Jahren in Stuttgart gegründet. Der Besitzer der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria hatte die Schule für die Kinder seiner Arbeiter errichtet und die Leitung Rudolf Steiner übertragen. Steiner ist Vater der Anthroposophie, und seine Lehre ist bis heute Basis der Freien Waldorfschule – mittlerweile gibt es bundesweit mehr als 250, weltweit in 80 Ländern mehr als 1000 Waldorfschulen. Eine davon in Trier.

Im Sommer 1975 hatte eine Mutter im Trierischen Volksfreund eine Anzeige aufgegeben: „Angstfrei lernen! Welche Eltern, Lehrer und Erzieher helfen mit beim Aufbau einer freien Waldorfschule hier im Raum Trier?“ Es meldeten sich zwölf Eltern, darunter der Kinderarzt Johannes Storto.

Er gründete die Schule mit und war jahrzehntelang Schularzt. Storto erinnert sich, dass die Stadt 1978 dem Schulverein das Grundstück am Wolfsberg zum Bau der Waldorfschule und des Kindergartens zur Verfügung stellte – vor 40 Jahren, im Oktober 1989, war die Einweihung. Sabine Horras gehörte zu den Kindern der ersten Stunde. Vier Jahrzehnte später sagt sie: „Ich bin voller Dankbarkeit, dass ich in meiner Schule gesehen worden bin.“ Tränen schießen ihr in die Augen. Heute ist Horras Malerin und Bildhauerin und hat mehrere Jahre an der Waldorfschule Kunst gelehrt.

Die „Waldis“ sind häufig Hohn und Neckereien ausgesetzt: „Ah, du lernst auch, deinen Namen zu tanzen?“, wird jeder Schüler schon einmal gehört haben. Tatsächlich werden in Waldorfschulen Namen getanzt – und weitaus mehr. Eurythmie steht auf dem Lehrplan. „Es ist eine Bewegungskunst“, erklärt Katharina Hettinger.

Seit 29 Jahren lehrt sie Eurythmie in Trier, hilft den Schülern nicht nur Musik, sondern auch Sprache in Bewegung zu übertragen, innerlich beweglich zu werden. Jedem Buchstaben ist ein Bewegungsablauf zugeordnet, aneinandergereihte Bewegungsabläufe bilden dann den eigenen Namen, Wörter, ganze Sätze, Gedichte, Theaterstücke.

Zum besonderen Konzept der Waldorfschule gehört beispielsweise auch: Bis zur Oberstufe gibt es keine Noten, und Feldmessen steht in Klasse zehn auf dem Stundenplan. Schüler lernen, ein Gelände so zu vermessen, dass sie mit den Ergebnissen eine Karte zeichnen können.

Der anthroposophische Gedanke dahinter: Das Messen solle die Auseinandersetzung mit der Welt fördern, in einem Alter, in dem junge Menschen eher mit sich selbst beschäftigt seien, erklärt Lehrer Christoph Hartmann.

Und zum Konzept der Schule, die aus einer Elterninitiative entstanden ist, gehört bis heute, dass Eltern ein wichtiger Part des Schulsystems sind, sich engagieren. Finanziert wird die Trierer Schule durch Land, Förderverein, Eltern und Spenden. Das Jubiläum gebe auch Anlass, zu schauen: Wie geht es weiter?, sagt Storto. Digitalisierung etwa mache auch vor den Türen der Waldorfschule nicht halt.

Völlig unberührt davon wirkt der Klassenraum der Erstklässler, in dem das Gespräch mit unserer Zeitung stattfindet: Auf der Tafel eine in Kreide gezeichnete Märchenszene, Schulmöbel aus Holz, Raumform und Farbe entsprechen der anthroposophischen Sicht, was Kinder in dieser Lebensphase brauchen – der Raum wirkt warm, hell und wohlig.

Und zum 100-Jährigen rücken die Waldorfschulen weltweit zusammen: Neben Kongressen, Projekten und dem großen Jubiläumsfest am 19. September in Berlin gibt es zahlreiche Projekte.

Im Foyer der Trierer Waldorfschule hängt eine riesige Weltkarte mit Postkarten. Denn alle 1100 Schulen schreiben und senden sich gegenseitig jeweils eine echte Postkarte. Real statt virtuell, darauf legen die Waldörfler wert.

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