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Warum es an Weihnachten Geschenke gibt

Warum es an Weihnachten Geschenke gibt

Weihnachten steht vor der Tür. Und damit die Frage, was man Menschen schenkt, die bereits alles haben. Wir legen Gaben unter den Baum und erzählen Geschichten vom Christkind oder vom Weihnachtsmann. Aber warum sollte uns das Christkind an seinem Geburtstag etwas schenken?

In katholischen Gegenden reicht der Brauch kaum 200 Jahre zurück, und vor Martin Luther war er gänzlich unbekannt. Die Antwort auf die Frage, warum wir uns am heiligen Abend beschenken, hat nichts mit Weihnachtsromantik zu tun. Im Gegenteil: Sie konfrontiert uns mit dem zeitlosen Teufelskreis aus Armut, Hoffnungslosigkeit und sexueller Ausbeutung.

Nach einer griechischen Legende soll der heilige Nikolaus drei Jungfrauen vor der Prostitution bewahrt haben. Ihr Vater konnte die Mitgift nicht aufbringen und wollte sie auf die Straße schicken. Nikolaus erfuhr davon und warf dreimal nachts einen Beutel mit Geld in das Haus der Notleidenden.

Der "Einlegebrauch", also das heimlich-nächtliche Deponieren von Geschenken, geht vermutlich auf diese Legende aus dem frühen Mittelalter zurück. Noch heute legen wir den Kindern am Vorabend des 6. Dezember, dem vermeintlichen Todestag des heiligen Nikolaus, Süßigkeiten in Strümpfe oder Schuhe.

Nikolaus selbst ist geschichtlich nur schwer zu fassen. Vermutlich gehen die zahllosen Wunderberichte, die seit dem 4. Jahrhundert im Umlauf waren, auf zwei Nikoläuse zurück: einen Bischof von Myra aus dem 4. Jahrhundert und ein Abt von Sion, der am 10. Dezember 564 gestorben ist. Beide Gottesmänner wirkten im kleinasiatischen Lykien, das heute zur Türkei gehört. Sie verschmolzen zu einem Universalheiligen, um den sich ein mächtiger Kult entwickelte.

Anfang des 11. Jahrhunderts verlor der Nikolauskult in der römischen Kirche an Bedeutung. Muslimische Truppen fielen in Lykien ein, die Gebeine des Heiligen schienen gefährdet. In dieser Situation reisten italienische Kaufleute nach Myra und brachten die Reliquien an sich. Die öffentliche Verehrung begann am 9. Mai 1087 in Bari. Seither gehört der heilige Nikolaus zum festen Bestandteil abendländischer Kultur. Unter seinem Patronat entstanden Kirchen und Kapellen. Nikolaus entwickelte sich zum Schutzherrn der Seefahrer und Reisenden, der Kaufleute, Apotheker und Bäcker. Vor allem aber galt er als Beschützer der Kinder und Schüler.

Am 28. Dezember, dem Tag der unschuldigen Kinder, wurde in Klosterschulen das Knabenbischofsfest gefeiert. Ein Schüler übernahm die Rolle des Würdenträgers, verteilte Gaben und teilte mit der Rute aus. Dieser Knabenbischof "verschmolz" Ende des 13. Jahrhunderts mit dem heiligen Nikolaus und das Kinderfest wurde auf den 6. Dezember verlegt.

Der Beschertag hielt sich bis zur Reformation. Um die Anziehungskraft des populären Heiligen zu brechen, verlegte Luther das Schenken auf Weihnachten. Die gestaltlose Figur des "Heiligen Christ" sollte fortan als anonymer nächtlicher Gabenbringer dienen. Doch damit konnte das Volk nichts anfangen. Aus der Not wurde das "Christkind" geboren, eine Art weiblicher Engel mit weißem Gewand.

Die Katholiken dagegen betonten jetzt erst recht den volkstümlichen Charakter des Nikolausfestes. In der Gegenreformation arteten die Nikolausspiele, die mitunter germanisches Brauchtum aufgriffen, zu wüstem Treiben aus. Je nach Region wurde der Heilige vom Knecht Ruprecht, Krampus, Pelzmärtel, Frau Perchta oder Frau Holle begleitet. Der heilige Nikolaus verkam zum Kinderschreck.

Erst im 19. Jahrhundert nahm der Gabenbringer wieder jene Rolle an, die schon der Knabenbischof innehatte: Als gutmütiger Pädagoge, der Lob und Tadel verteilt. Dabei übernahm sein Begleiter (Knecht Ruprecht) meist die strafende Funktion. Bis heute.

Und der Weihnachtsmann? Er verkörpert die Rache des Nikolaus am Christkind, das ihn in protestantischen Gegenden als Gabenbringer verdrängt und schließlich auch die deutschen Katholiken zu einem neuen Weihnachtsbrauch verführt hat.

Die Figur des Weihnachtsmanns dürfte mehrere Väter haben. Neben romantischen Malern, die den Herrn Winter porträtierten, ist sie vor allem ein Re-Import aus Amerika. Im 17. Jahrhundert brachten holländische Siedler ihren Sint Nicolaas ins heutige New York. Sinterklaas entwickelte sich zu Santa Claus bzw. Father Christmas. Mit weißem Bart und rotem Gewand.

Der Coca-Cola-Weihnachtsmann unserer Tage steht für eine säkulare Welt, die sich sowohl mit dem frühmittelalterlichen Bischof als auch mit Luthers Theologie schwertut. Letztlich ist er jedoch nur eine Adaption des heiligen Nikolaus.

Buchtipp: Manfred Becker-Huberti: Der heilige Nikolaus. Leben, Legenden und Bräuche, Greven Verlag Köln 2005