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Warum Sankt Martin gegen den Trierer Blutspruch rebellierte

Warum Sankt Martin gegen den Trierer Blutspruch rebellierte

Martinszüge, Martinsbrezeln, Gänsebraten - im November erinnert vieles an den heiligen Martin (316-397). In diesem Jahr besonders, jährt sich doch sein Geburtstag zum 1700. Mal. In Trier war er mehrfach zwischen 371 und 397. Der Trierer Hans-Georg Reuter hat das Buch "Auf den Spuren von St. Martin durch Trier" (Verlag Michael Weyand, 2015) geschrieben und erinnert in einem Gastbeitrag an den Heiligen.

In Trier heilte Martin Kranke, trieb böse Geister aus, betete in der Bischofskirche, traf sich zu Beratungen in kirchenpolitischen Fragen mit verschiedenen Kaisern. So berichtet es sein zeitgenössischer Biograf Sulpicius Severus.

385 suchte der Bischof von Tours den "Blutspruch von Trier" zu verhindern, indem er bei Kaiser Maximus für den Irrlehrer Priszillian Fürsprache einlegte, leider vergebens. Was war geschehen? Martin lebte in einer Zeit des Umbruchs. Waren die Christen lange Zeit im römischen Reich unterdrückt und verfolgt, blühten die Gemeinden nach dem Toleranzedikt Kaiser Konstantins (313) auf.

An ihre Spitze wählten sie als Bischöfe gerne gesellschaftlich angesehene Männer, die den Gemeinden Ansehen verschaffen konnten. Und diese Aristokraten genossen wohl diesen Schritt auf der Karriereleiter. Dagegen regte sich in asketischen Kreisen Widerstand: Man fragte sich, ob diese vormaligen Staatsbeamten und Militärs in früheren Jahren vielleicht doch nicht so gehandelt hätten, wie man es (in diesen "alternativen" Kreisen) von Kirchenmännern erwartete. Das wird deutlich, als die Bürger von Tours den Mönch Martin zu ihrem Bischof wählen. Denn die Bischöfe, die ihn weihen sollen, weigern sich zunächst, einen Mann von "verabscheuungswürdigem Aussehen, mit schmutzigem Gewand und wirrem Haar" zu einem der ihren zu machen.

Die an ein Herrenleben gewohnten Bischöfe fühlen sich angegriffen durch diese "Neuerer". Und sie schlagen zurück. Priszillian, ein radikalerer Asket als Martin, wird Bischof von Avila, jedoch wird er von zwei Bischofssynoden als Irrlehrer verurteilt. Er wendet sich an den Kaiser, der immer noch als "Oberster Priester" fungierte und dessen Interesse der Einheit des weiträumigen römischen Reiches galt.

Zu seiner Beratung kommen die etablierten Bischöfe und beschuldigen den superstrengen Priszillian der "Ketzerei". Schadenszauber war aber im römischen Recht mit der Todesstrafe bedroht. Die Bischöfe Ambrosius von Mailand und Martin von Tours wenden sich dagegen, dass sich der Kaiser in innerkirchliche Streitfragen einmischt. Und vor allem dagegen, dass ein christlicher Bischof auf Betreiben von Christen (Bischöfen und Kaiser) hingerichtet werden soll.

Kaiser Maximus verspricht, kein Todesurteil über Priszillian zu fällen. Aber in einem zweiten Prozess gesteht Priszillian unter der Folter, ein Ketzer zu sein. Gesetzeskonform werden er und einige Gefährten 386 in Trier hingerichtet. Martin kündigt darauf die Kirchengemeinschaft mit den Bischöfen auf, die Priszillians Blut an den Händen haben. Bei einem neuerlichen Vorstoß zugunsten der Anhänger Priszillians wird er vom Kaiser erpresst.

Um deren Leben zu retten, nimmt er mit ihnen zusammen an der Weihe von Bischof Felix teil und macht sich deshalb für den Rest seines Lebens bittere Vorwürfe.

Wie passt dieses engagierte politische Handeln des Bischofs Martin zu dem Bild, das wir uns von dem römischen Soldaten machen, der in einer kalten Winternacht seinen Uniformmantel zerschneidet, um einen Bettler vorm Erfrieren zu retten? Beides sind Taten der Barmherzigkeit. Dietrich Bonhoeffer (evangelischer Theologe, 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet) bringt es auf den Punkt: "Es genügt nicht, das Opfer unter dem Rad zu verbinden, man muss dem Rad selbst in die Speichen greifen."

Martins Handeln hat für ihn Konsequenzen. Augenzeugen der Mantelspende lachen Martin aus - Gutmenschen kann das heute auch passieren. Aber Martin erfährt himmlischen Trost. Im Traum sieht er Christus, mit der Mantelhälfte bekleidet, die er dem Bettler gegeben hatte. Der sagt zu den Engeln: Martin, noch nicht getauft, hat mich mit seinem Mantel bekleidet. Daraufhin lässt Martin sich taufen.

Um im Kampf nicht töten zu müssen, scheidet er nach 25-jährigem Kriegsdienst 356 vor einer bevorstehenden Schlacht bei Worms freiwillig aus dem Heer aus. Das zeigt, wie auch seine vielen Wunderheilungen: Martin setzt sich ein für das Leben der Menschen, wo immer es bedroht ist. Das macht ihn bis heute sympathisch.

Im Jahr 2005 widmete der Europarat dem heiligen Martin einen "Europäischen Kulturweg St. Martin von Tours" mit der Begründung, er sei ein Symbol des Teilens, verkörpere gemeinsame Werte. Dieser Wanderweg führt von seinem Geburtsort Szombathely in Ungarn zu seiner Grablege in Tours. Er verläuft einmal südlich der Alpen durch Orte und Landschaften, die der hl. Martin in jungen Jahren kennengelernt hat, und er macht Abstecher nach Spanien und Utrecht und verbindet als Via Treverorum über Niederanven/Luxemburg auch Trier und Worms, Orte, an denen Martin nachweislich gewirkt hat .

Der Verein St. Martinusgemeinschaft in Rottenburg hat nun eine Mittelroute ins Leben gerufen, die von Ungarn über Österreich bis Worms führt, wo sie die Via Treverorum aus dem Dornröschenschlaf geweckt hat. An diesem Pilgerweg liegen Martinskirchen und Einrichtungen, in denen heute Menschen in seinem Sinne sozial engagiert tätig sind. Dieser 2500 Kilometer lange Pilger- und Wanderweg - als Teil des Europäischen Kulturwegs St. Martin anerkannt - wird derzeit eröffnet.Extra

Der neue Europäische Kulturweg St. Martin führt auch durchs Bistum Trier. Dort erstreckt sich der "Weg der Treverer" in 17 Etappen über 275 Kilometer. Im Rahmen der Eröffnung des Wegs im Bistum wurde in Bingen ein Martinsmantel an das Bistum übergeben. Am Samstag wird er dann auf der Sauerbrücke bei Wasserbillig vom Trierer Prälaten Franz Josef Gebert weitergereicht an den Luxemburger Dompropst Georges Hellinghausen. Am Donnerstag ist der Mantel unterwegs in Trier: Nach dem Mittagsgebet um 12 Uhr im Dom wird er beim Martinsumzug durch die Stadt mitgeführt. Am 11. November beherbergt das Dekanat Schweich-Welschbillig den Mantel: in der Kita in Fell, ab 14.30 Uhr im Altenheim St. Josef, ab 16 Uhr im Café Miteinander in Schweich und danach beim Martinszug in Riol. Anlässlich der Mantelübergabe lädt das Bistum für Samstag zum Pilgerweg ein. Ein Bus fährt von Pfalzel St. Marien und St. Martin um 9.30 Uhr ab, über die Martinskirche in Trier (Abfahrt Kloschinskystraße 9.50 Uhr) nach Zewen St. Martinus - dort ist um 10.10 Uhr die Eröffnung - und weiter nach Igel. Von Igel aus wird ab 11.15 Uhr zu Fuß weitergepilgert. Die Rückfahrt ist ab 16 Uhr geplant. Anmeldung zum Pilgerweg bei Horst Drach, Telefon 0651/7105227, E-Mail: horst.drach@bgv-trier.de. Weitere Informationen: www.martinsjahr.bistum-trier.de und www.martinuswege.eu .