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Was die Behindertenbeauftragte der VG Schweich Lydia Schäffer sieht und verändern will

Interview Lydia Schäffer : Was die Behindertenbeauftragte der VG Schweich sieht und verändern will

Die Behindertenbeauftragte der Verbandsgemeinde Schweich bringt Beispiele aus ihrer Arbeit.

Der Verbandsgemeinderat Ruwer hat am Mittwoch einstimmig beschlossen, einen ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten anzustellen. Der VG-Rat Schweich hat bereits anfang Februar die Rollstuhlfahrerin Lydia Schäffer zur ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten ernannt.

Frau Schäffer, warum ist es wichtig, dass eine VG einen ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten hat?

Lydia Schäffer: Als selbst betroffener Mensch soll ein Behindertenbeauftragter die Gremien und Kommunen als Experte in eigener Sache beraten. Schon ab dem ersten Beschluss soll diese Perspektive miteinbezogen werden. Zum Beispiel bei Baumaßnahmen oder Festivitäten, damit auch behinderte Menschen umfassender teilhaben können. Dabei arbeitet er mit Vereinen zusammen, mit Anbietern sozialer Dienste oder mit Behörden. Man überlegt zum Beispiel, wie Inklusion in Sportvereinen möglich ist. Der VG-Rat Schweich hat einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beschlossen. Dieser ist bei der VG Bürgermeisterin an der Verwaltungsspitze angesiedelt.

Lydia Schäffer, Behindertenbeauftragte der VG Schweich. Foto: TV/Katharina Fäßler/Privat

Warum ist es wichtig, dass diese Stelle ein Behinderter bekommt?

Schäffer: Es ist wichtig, die Maßnahmen mit den Augen und mit den Erfahrungen eines behinderten Menschen zu sehen. Das kann auch ein mittelbar Betroffener sein, z.B. ein Angehöriger eines geistig behinderten Menschen. Ein Mensch, der nicht betroffen ist, kann noch so bemüht sein, er wird die Details nicht erkennen. Er hat nicht die negativen Erfahrungen gemacht, die oft noch Teilhabe verhindern. Es wird kein Wort so inflationär falsch verwendet wie die Barrierefreiheit. Blinde und gehörlose Menschen sind da eine oft übersehene Gruppe. Auch ich habe deren Erfahrung nicht.

Können Sie ein Beispiel nennen, was Nicht-Behinderte nicht sehen?

Schäffer: Ja. Das Bürgerzentrum in Schweich hat zum Beispiel keine Automatiktüren, am Eingang liegt ein Teppich in dem man mit den Rädern versinkt und am Zuweg, wo die Hauptbesucherströme aus der Stadt herkommen, sind drei Stufen. Da wäre ausreichend Platz für eine Rampe gewesen, die kostengünstiger gewesen wäre als Stufen. Beim Bau damals sind behinderte Menschen nicht am Entwicklungsprozess beteiligt worden.

Wie sind Sie zu erreichen?

Schäffer: Neben der Beratungs- und Netztwerkarbeit habe ich vor, auch Sprechstunden für behinderte Menschen anzubieten. Unter anderem coronabedingt konnte ich damit aber noch nicht anfangen. Zeitnah werde ich aber meine Kontaktdaten im Amtsblatt veröffentlichen.

An welchen Prozessen sind Sie derzeit beteiligt?

Schäffer: Der Ortsbürgermeister von Trittenheim hat mich schon um eine Einschätzung zum barrierefreien Umbau des dortigen Gemeindehauses gebeten. Die Schweicher kamen mit der Blechbüx auf mich zu, die soll noch so weit es geht barrierefrei umgebaut werden. Die Grundschule Mehring bekommt einen Anbau. Die Verantwortlichen von dort haben mir auch schon die Pläne geschickt. Mein wichtigstes Ziel ist es mitzuhelfen, Barrieren in den Köpfen abzubauen.

Was haben nicht-behinderte Menschen von Barrierefreiheit?

Schäffer: Seit 2009 ist die UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen in Deutschland geltendes Recht. Die Teilhabe behinderter Menschen ist also kein Kann oder Soll sondern ein Muss. Andere Staaten wie Schweden oder Holland sind da schon deutlich weiter. Barrierefreiheit nutzt allen Menschen und ist kein Selbstzweck. Darüber hinaus ist die barrierefreie Gestaltung der Umwelt auch für nichtbehinderten Menschen komfortabler. Ein Blindenleitsystem in der Innenstadt macht zum Beispiel auch die Wegführung insgesamt klarer. Von einer rollstuhlgerechten Umwelt mit ebenerdigen Zugängen profitieren auch ältere Menschen oder Eltern mit Kinderwägen. Und: Jeder Nichtbetroffene kann morgen schon dazugehören.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Schäffer: Ich hoffe, dass auch in unserer wunderschönen Moselwein-Gegend der Tourismus mehr Angebote für behinderte Menschen macht. Zum Beispiel in Hotelzimmern und Weinstuben – vor allem behindertengerechte Toiletten. Was bringt eine Weinprobe ohne Toilette?