Wasserschleier gegen die Hitzewand

Trier · Es hatte der krönende Abschluss des deutschen Chorfestivals Pueri Cantores werden sollen, doch dann musste die Feuerwehr einen Großeinsatz auslösen. Dutzende Kinder und Jugendliche kollabierten, die meisten wurden vor Ort behandelt. Mit einem Wasserschleier wurden die jungen Sänger auf dem Domfreihof abgekühlt. Bilanz der Einsatzleiter: Die Lage war schnell unter Kontrolle, es sah dramatischer aus, als es war.

Foto: (g_mehrw

Trier. Das Kyrie der Missa Pueri Cantores Treverensis war noch nicht verklungen, da kannten Hitze und Enge mit einigen Kindern schon kein Erbarmen mehr. Rund 3000 zumeist junge Menschen drängten sich am Sonntagmorgen im Dom, darunter etwa 2700 Teilnehmer des deutschen Chorfestivals Pueri Cantores, das seit vergangenem Mittwoch in Trier stattfand. "Seit dem ersten Tag gab es für uns nur ein Thema: Wo bekommen wir genügend Wasser her?", berichtet Wolfgang Meyer.

Mehr als 50 ehrenamtliche Helfer hatte der erfahrene Organisationsprofi des Bistums für den Abschlussgottesdienst mobilisiert, außerdem etliche Paletten Mineralwasser; "ein Vielfaches von dem, womit wir kalkuliert hatten", so Meyer. Vor und in der Bischofskirche wurden die Flaschen verteilt - ungewöhnliche Umstände verlangen ungewöhnliche Maßnahmen. Die Besucher des Pontifikalamts mit Bischof Stephan Ackermann griffen beherzt zu, doch nach und nach verließen immer mehr junge Menschen den Dom. Ihr Kreislauf spielte nicht mehr mit, Übelkeit machte manchen zu schaffen, einige kollabierten gar und mussten aus der Kirche getragen werden.

Um kurz nach 11, wenige Minuten nach Beginn des Gottesdienstes, löste die Berufsfeuerwehr einen Großeinsatz aus. Während im Innern die stimmgewaltige Chorgemeinde sang, drang vom Vorplatz aus Martinshorn in die Kathedrale. In der Liebfrauenstraße reihte sich nun ein Rettungswagen an den nächsten, der Einsatzbus des Feuerwehr- und Katastrophenschutzes bezog Stellung. Ein Fahrzeug fuhr seine Drehleiter aus, plötzlich rieselte es aus luftiger Höhe Wasser auf den Domfreihof.

"Das, was Sie gesehen haben, sah dramatischer aus als das, was tatsächlich stattgefunden hat", versuchte der eigens herbeigeeilte Feuerwehrdezernent in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz den Eindruck zu zerstreuen, es habe sich in Triers Zentrum tatsächlich eine Katastrophe zugetragen. Laut Thomas Egger wollte man vielmehr gewappnet sein für das, was nach Abschluss des gut zweistündigen Pontifikalamts drohte: dass die Besucher beim Verlassen des, zumindest gemessen an den Außentemperaturen, noch relativ kühlen Domes gegen eine Hitzewand laufen und kollabieren.

Während drinnen weiter gesungen wurde, trafen draußen weitere Rettungswagen ein. Alle paar Minuten verließen sichtlich angeschlagene Jugendliche die Bischofskirche. Am Ende des Gottesdienstes wurden die Chöre gebeten, geschlossen und in Gruppen den Raum zu verlassen. Auch solle sich niemand erschrecken ob der Szenerie, die sich inzwischen auf dem Domfreihof bot. Wer wolle, könne sich unter dem Wasserschleier am Nordportal ein wenig Abkühlung verschaffen.

Für die weitaus meisten bot die Dusche von der Drehleiter eine willkommene Erfrischung. "Es lief alles sehr geordnet ab", lobte Egger. Im Großraumrettungswagen und auf einem Behandlungsplatz konnten die meisten der insgesamt rund 40 Patienten vor Ort wieder stabilisiert werden. Auch der Chefanästhesist des Brüderkrankenhauses und Leitende Notarzt Dr. Fabian Spöhr gab eine Stunde später Entwarnung: Die meisten Kinder und Jugendlichen habe man vor Ort betreut, sechs seien in Krankenhäuser eingeliefert worden. "Die Betroffenen klagten ausschließlich über Übelkeit und Flüssigkeitsmangel", bei einigen sei auch einiges an Schlafdefizit zusammengekommen. Zum Glück war niemand in einer lebensbedrohlichen Lage, so Spöhr.

Olaf Backes, Einsatzleiter der Berufsfeuerwehr, versicherte, dass man schon vor Beginn des Gottesdienstes ausreichend Vorkehrungen getroffen hatte. "Wir haben aber schnell festgestellt, dass der Regelrettungsdienst nicht ausreichte." Am Ende waren rund 55 Feuerwehrleute und 30 Sanitätsdienstkräfte aktiv, auch der Arbeiter Samariter Bund, der Malteser Hilfsdienst, das DRK sowie mehrere Freiwillige Feuerwehren waren vor Ort.

Matthias Balzer, Präsident des Deutschen Chorverbandes Pueri Cantores, sagte: "Das war für viele eine ultimative Erfahrung, und dass sie vor dem Dom von einer Wasserwand empfangen wurden, werden viele der Teilnehmer bestimmt nicht vergessen." Er jedenfalls sei glücklich, dass es bei dem mehrtägigen Festival mit so vielen Teilnehmern keinen ernsthaften Unfall gegeben habe.