Weniger ist mehr

Und sie bewegt sich doch. Selbst nach einer Niederlage in einem Prozess vor Gericht wollte die Bahn bis zu vier Meter hohe Schallschutzwände in Igel bauen lassen. Nun die Kehrtwende: Das Unternehmen will, dass nur noch gut 70 Zentimeter hohe Wände gebaut werden.

 Am Rhein gibt es sie schon: Niedrigschallschutzwände werden nahe an den Schienen gebaut. Foto: privat
Am Rhein gibt es sie schon: Niedrigschallschutzwände werden nahe an den Schienen gebaut. Foto: privat

Igel. Niemand hat mehr die Absicht, dass eine hohe Mauer gebaut wird. Dies ist der Inhalt eines Schreibens, das Jürgen Konz an Bernhard Kaster geschickt hat. Konz ist Konzernbeauftragter der Bahn für Rheinland-Pfalz und das Saarland und erklärt dem Bundestagsabgeordneten Kaster, dass das Unternehmen eine Kehrtwende vollzieht. Anstelle einer bis zu vier Meter hohen Lärmschutzwand soll in Igel nur noch eine 74 Zentimeter hohe Mauer errichtet werden. Zudem sollen unter anderem Lärmschutzfenster eingebaut werden.
Der Streit: Ab Bahnhof Igel Richtung Wasserbillig wird ein zweites Gleis verlegt, damit mehr Züge auf der Strecke fahren können. Während für den Ausbaubereich mehr Lärmschutz vorgeschrieben ist, schauen die Anwohner des bereits zweigleisigen Gleisabschnitts in die Röhre. Dort wird nichts gemacht.
Entsprechend der geltenden Schallschutz-Richtlinie sollte auf 621 Metern eine bis zu vier Meter hohe Schallschutzwand gebaut werden. Dagegen hat ein Anwohner geklagt, dem solch eine Mauer unmittelbar vor das Wohnzimmer gesetzt worden wäre.
Das Gericht: Das Oberverwaltungsgericht hat die Bahn aufgefordert zu untersuchen, ob nicht auch eine niedrigere Lärmschutzwand gepaart mit Schallschutzfenstern und anderen Maßnahmen möglich ist. Dies hatte das Unternehmen immer verneint, da die nahe an den Gleisen stehenden Mauern vom Eisenbahnbundesamt als Genehmigungsbehörde nicht anerkannt werden.
Die neuen Erkenntnisse: Auf Anfrage von Bernhard Kaster hat die Bahn nun mitgeteilt, dass die niedrigere Mauer zwar besonders nachts dazu führt, dass mehr in den passiven Schallschutz investiert werden muss. "Nach Ansicht der DB Netz ist der Einsatz der niedrigeren Schallschutzwand nach wie vor die bevorzugte Variante zur Lösung der Schallschutzproblematik", schreibt Bahn-Manager Konz.
Wie geht\'s weiter? Die Bahn hat Mitte Juli eine Änderung des Planfeststellungsbeschlusses beim Eisenbahnbundesamt beantragt, um niedrigere Wände bauen zu dürfen. Laut Bahn werden zwar ab dem Fahrplanwechsel mehr Züge fahren. Der Schallschutz wird jedoch erst im Herbst 2015 gebaut. Bisher hatte die Bahn argumentiert, dass der Schallschutz bereits 2014 realisiert werden muss.
Die Reaktionen: Für Igels Ortsbürgermeister Franz-Josef Scharfbillig ist es eine "fantastische Nachricht", dass niedrigere Wände doch möglich sein sollen. Trotz aller Lärmprobleme durch Bahn und Bundesstraße in seiner Gemeinde hält er weiterhin nichts vom Bau einer vier Meter hohen Mauer.
Rechtsanwalt Paul Henseler hat den Kläger vor Gericht vertreten, der für das Umdenken bei der Bahn gesorgt hat. Er ist auf TV-Anfrage "mehr als überrascht". Denn weder er noch sein Mandant hatten bisher etwas davon gehört, dass die Bahn ihre Untersuchungen abgeschlossen hat und dass niedriger gebaut weden soll.
Die Auswirkungen: Willi Pusch, Vorsitzender der Bürgerinitiative im Mittelrheintal gegen Umweltschäden durch die Bahn, bezeichnet eine vier Meter hohe Lärmschutzwand als "katastrophal". Er rät den Bürgern in Igel dazu, Druck auf die Politik auszuüben, damit die niedrigere Schallschutzwand auch tatsächlich kommt. "Das ist das Einzige, was wirklich hilft."