Wenn Baggerfahrer wie Chirurgen schaffen

Wenn Baggerfahrer wie Chirurgen schaffen

Die nächsten Wochen werden die Meulenwaldgemeinde Föhren (2800 Einwohner) verändern: Der größte Trakt des ehemaligen Klosters wird abgerissen. Auf dem 7500 Quadratmeter großen Klosterareal will die Gemeinde mit Hilfe eines Investors ein neues Dorfzentrum mit Wohnungen und Geschäften errichten.

Föhren. Preisfrage: Was haben Baggerfahrer und Chirurgen gemeinsam? Nichts, könnte man meinen. Aber es gibt durchaus Parallelen. So steht ein Abrissunternehmen derzeit im Dorfzentrum von Föhren vor der Aufgabe, zwei große Klosterbauten fein säuberlich voneinander zu separieren. Ein Anbau aus dem Jahr 1911 muss so abgerissen werden, dass der mit ihm verbundene denkmalgeschützte Kernbau aus dem Jahr 1868 unbeschädigt bleibt - ein chirurgisch sauberer Schnitt ist also vonnöten. Die Abrisskante zwischen Längs- und Quergebäude ist etwa 14 Meter lang.
"Da müssen wir sensibel sein", sagt Uwe Haubrich vom Abrissunternehmen Haubrich aus Sehlem. "Aber für erfahrene Leute, die ihr Handwerk verstehen, ist das kein Problem." Sein Bruder Frank werde diese knifflige Aufgabe als Baggerführer übernehmen.
Gemeinde erhält die Glocke


Vor wenigen Wochen hat der Gemeinderat Föhren der Firma den Auftrag erteilt, fünf Häuser und besagten Anbau auf dem Klostergelände und an dessen Rand abzureißen. Bis Ende März, so die Vorgabe, müssen die Arbeiten (Vergabesumme 250 000 Euro) erledigt sein. Am Hohlweg wurden bereits zwei Häuser abgerissen. Laut Geschäftsführer Haubrich sind seine Leute derzeit mit der Entkernung und den vorbereitenden Arbeiten für den Abriss des Klosterflügels mit Kapelle beschäftigt. Die Durchgänge zum denkmalgeschützten Klosterteil werden zugemauert, Stahlträger und Holzdecken mit Brennschneider und Kettensäge durchtrennt. Schließlich darf es beim Abriss nicht zu Beschädigungen der historischen Bausubstanz kommen. Auch müssen Schadstoffe wie Asbest und Mineralfasern beseitigt werden. Die Glocke der früheren Klosterkapelle wird geborgen und der Gemeinde übergeben.
Bis der Längsbau fällt, kann es Februar werden. Der Abtransport der Bruchsteine soll so erfolgen, dass die Nutzung des Parkplatzes vor dem Bürger- und Vereinshaus so wenig wie möglich eingeschränkt wird. Haubrich: "Wir werden das mit der Gemeinde koordinieren. Nach Feierabend ist der Parkplatz frei."
Der denkmalgeschützte Kernbau des Klosters werde komplett geräumt und besenrein übergeben, sagt Architekt Rolf Schuh (Büro Schuh + Weyer, Schweich). Auch soll die Immobilie so gesichert werden, dass niemand hinein kann. Nachdem sich in den vergangenen Jahren immer wieder Unbefugte in die baufälligen Klostermauern geschlichen und Inventar beschädigt hatten, hat die Gemeinde das Kloster einzäunen lassen. Ausgeräumt und gesichert wird auch das Torhaus ("Männerhaus") in der Waldstraße. Es steht ebenso wie die alte Schule und das Kerngebäude unter Denkmalschutz und muss somit erhalten werden. Auch die Laubbäume auf dem Klosterareal wurden als erhaltungswürdig eingestuft - im Gegensatz zu der Riesentanne zwischen Kloster und Haus Nazareth. Diese ist dem Ausbau im Weg und wird abgeholzt.
Parallel zum Abriss läuft ein Investorenauswahlverfahren (siehe Hintergrund). Sobald das Areal von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) freigegeben werde - vermutlich im April -, sollen die für den Verkauf maßgeblichen Kriterien veröffentlicht werden, sagt Planer Christoph Heckel vom Büro BGH Plan in Trier. Voraussichtlich im Spätsommer steht fest, wer das 7500 Quadratmeter große Gelände samt denkmalgeschütztem Klostergebäude entwickelt. Am Markt ist Interesse vorhanden. Schon vor der Ausschreibung hätten eine große deutsche Investorengruppe und mehrere regionale Projektentwickler angefragt, bescheinigt Heckel.
Das hört Ortsbürgermeisterin Rosi Radant gerne. Sie kann sich in Föhrens neuer Dorfmitte unter anderem betreutes Wohnen oder Wohngruppen für ältere Menschen vorstellen.Extra

Die Investorensuche läuft in zwei Phasen ab: Zunächst bekunden potenzielle Geldgeber und Projektentwickler auf der Grundlage eines vom Büro BGH Plan Trier erstellten Exposees ihr Interesse am Klostergelände in Föhren. Danach reichen sie Nutzungs- und Gestaltungsvorschläge ein und geben ein Kaufpreisangebot ab. Voraussichtlich im Spätsommer dürfte feststehen, wer den Zuschlag erhält und was gebaut wird. Dem geht eine Bonitätsprüfung voraus. Die Gemeinde Föhren macht Nutzungsvorgaben zur Entwicklung ihres neuen Dorfzentrums. alfExtra

Dies sind die Reste von Häusern aus dem Hohlweg. Bald soll auch das große Klostergebäude abgerissen werden. Foto: (h_tl )

Der Ursprung des Klosters reicht bis 1868 zurück. Damals wurde ein privates Waisenhaus errichtet, das 1904 von den Franziskanerinnen von Nonnenwerth übernommen und zum Frauenkloster und Erziehungsheim St. Josef ausgebaut wurde. 1984 zogen die letzten Schwestern aus Föhren weg. Der Orden verkaufte das Anwesen an eine saarländische Projektgesellschaft. 1989 wurde das Kloster Übergangswohnheim für deutschstämmige Auswanderer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Nach der Insolvenz der Projektgesellschaft im Jahr 2001 fielen Kloster und Klosterareal an eine Gläubigerbank. Teilflächen wurden neu genutzt, unter anderem entstanden Wohnungen, doch das eigentliche Kloster blieb als Ruine übrig. Die Gemeinde erwarb das Anwesen aus der Insolvenzmasse. 2001 baute sie ein ehemaliges Klostergebäude zum Bürger- und Vereinshaus um. alf

Mehr von Volksfreund