Wenn Cattenom Alarm schlägt
Wenn im französischen Kernkraftwerk Cattenom etwas schief geht, greift ein komplexer Alarm- und Einsatzplan im Umkreis von 25 Kilometern um die Anlage. Zu wenig, sagen Trier und Trier-Saarburg.
Trier. Ein beliebiger Morgen in Cattenom, acht Kilometer nördlich von Thionville: Um 8.35 Uhr wird im Kraftwerk ein technischer Defekt angezeigt. Ein Block meldet Probleme mit der Kühlwasserversorgung.Der Reaktor schaltet sich automatisch ab, die Reparatur beginnt sofort. Doch um 11.05 Uhr meldet Cattenom ein Leck im Primärkreislauf. 11.46 Uhr: Das Leck wird größer. Ein Austritt innerhalb der nächsten sechs Stunden ist wahrscheinlich. Der PPI (Plan Particulier d'Intervention) wird ausgelöst, die Bevölkerung wird durch Lautsprecherwagen und Sirenen informiert. Die im Umkreis von zwei Kilometer um das Kraftwerk lebenden Menschen werden aufgefordert, geschlossene Räume aufzusuchen und das Radio einzuschalten.Um 13.05 Uhr werden Straßensperren im Umkreis von fünf Kilometern errichtet. Um 14.05 Uhr wird die Evakuierung von vier Gemeinden in der Zwei-Kilometer-Zone angeordnet. Hier endet die Übung, denn glücklicherweise sind Leck und Störfall nicht echt. Simulationen wie diese sollen die Zusammenarbeit der deutschen und französischen Behörden und Rettungskräfte und die Effektivität des komplexen Alarm- und Einsatzplans auf die Probe stellen. Dieses grenzübergreifende Planwerk ist der Auslöser einer Debatte zwischen Mainz und Trier, denn es sieht außerhalb eines Umkreises von 25 Kilometern um das Kraftwerk keine besonderen Katastrophenschutzmaßnahmen vor.25 Kilometer sind einfach zu wenig - so argumentieren der Landkreis Trier-Saarburg und die Stadt Trier. Denn sowohl der meist aus Südwest wehende Wind als auch die Mosel würden eine radioaktive Belastung schnell bis in die Stadt und den Kreis tragen. Beide Verwaltungen fordern deshalb eine Ausweitung der Schutzzone auf 50 Kilometer und damit die direkte Eingliederung des kompletten Trierer Raums inklusive der Stadt in alle Katastrophen- und auch Evakuierungspläne. Doch dafür fehlen laut Aussage der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) "die erforderlichen Planungskriterien".Der Kreisausschuss hat seine Verwaltung beauftragt, die Erweiterung der Zone im Dialog mit dem Innenministerium zu forcieren. "Wir schließen uns der Forderung des Landkreises an", sagte gestern Ralf Frühauf vom Presseamt der Stadt Trier. "Signale nach Mainz werden wir unterstützen."Sollte das Land nicht mitspielen, kann der Kreis seine Katastrophenplanung selbstständig erweitern. Doch das wird nicht einfach. "Dazu sind jede Menge Absprachen notwendig", sagt Landrat Günther Schartz (CDU). "Der Kreis müsste sich in diesem Fall mit Behörden des Landes und der Stadt Trier sowie mit dem Saarland und Luxemburg abstimmen." Ein bürokratischer Marathon. Meinung Ändern oder ignorieren Ein Kernkraftwerk meldet einen Notfall, aber nur innerhalb von 25 Kilometern sind alle Behörden und Einsatzkräfte für Reaktionen ausgebildet und trainiert. Das ist absurd, besonders im Bezug auf Trier. Der über zwei Drittel des Jahres aktive Südwestwind wird alles, was aus Cattenom kommt, direkt nach Trier blasen. Deshalb muss die Stadt in die Katastrophenplanung integriert werden: Fahrzeuge und Einheiten müssen zur Verfügung stehen. Übungen müssen gewährleisten, dass jeder weiß, was er zu tun hat. Wenn das nicht in die Planungskriterien passt, muss man diese Kriterien eben ändern. Oder ignorieren. j.pistorius@volksfreund.de