Wenn der Gedanke an Schule Angst macht: Hilfe für Betroffene in Trier und Umland

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Ein neuer Leitfaden soll Schulen in Trier und Trier Saarburg dabei unterstützen, besser mit Schulverweigerern umgehen zu können. Denn ein Bußgeld zu verhängen, löst die Probleme nicht.

Während der Schulzeit demonstrieren Schüler für Klimaschutz. Die Initiative Fridays for Future hat auch das Thema Schwänzen in den Blick gerückt. Doch wenn Schüler dem Unterricht fernbleiben, kann das viele Gründe haben, zum Beispiel Angst vor Mobbing.

Daher beschäftigt sich in der Stadt Trier und im Kreis Trier-Saarburg schon länger ein Arbeitskreis aus 30 Mitgliedern mit dem Problem des sogenannten Schulabsentismus. Psychologen, Lehrer, Polizisten, Mitarbeiter der Verwaltungen, der Schulaufsicht und des Bistums Trier und weitere Vertreter haben einen Handlungsleitfaden ausgetüftelt, der betroffenen Kindern und Jugendlichen zugute kommen und Schulen mehr Sicherheit im Umgang mit Schulschwänzern geben soll.

Wer Zahlen sucht, wie viele Kinder in Rheinland-Pfalz dem Unterricht trotz Schulpflicht fernbleiben, stochert zunächst im Nebel. Es gebe dazu keine Statistik auf Landesebene, sagt Henning Henn, Sprecher des Bildungsministeriums in Mainz. Nach dem Eindruck der Schulaufsichtsbehörde sei „kein signifikanter Anstieg der Verletzungen gegen die Schulbesuchspflicht“ in den vergangenen Jahren festzustellen. In den Jahren 2014 bis 2016 habe es lediglich neun Fälle von zwangsweisen Schulzuführungen in Rheinland-Pfalz gegeben (siehe Extra).

Wie steht es in Trier um das Thema? Laut Michael Schmitz, Sprecher der Stadt Trier, haben im vergangenen Schuljahr Schulen 144-mal eine Schulverweigerung gemeldet. In 135 Fällen sei ein Bußgeldbescheid erfolgt. „Nach unseren Erfahrungen wird in mindestens zwei Dritteln der Fälle vom Gericht eine Umwandlung des Bußgeldes in Sozialarbeitsstunden beschlossen“, sagt Schmitz. Im Haushaltsjahr 2018 seien Geldbußen wegen Schulverweigerung von rund 2700 Euro eingegangen.

Schulen melden laut Schmitz in der Regel eine Verletzung der Schulpflicht bei zehn unentschuldigten Fehltagen. Danach würden Schüler oder Erziehungsberechtigte angehört. Zeige sich, dass die Schulpflicht nicht verletzt worden sei, etwa weil nachträglich ein Attest vorgelegt werde, werde das Verfahren beendet. Wenn nicht, erfolge der Bußgeldbescheid.

Einer, der täglich mit Schulverweigerern zu tun hat, ist Bernhard Laux. Er leitet beim Verein Palais in Trier das RidZ. Die Abkürzung steht für „Reintegration in die Zukunft“. Der Diplom-Pädagoge hilft Kindern und Jugendlichen, den Weg zurück in die Schule zu finden. Das Projekt gibt es seit 2001 unter verschiedenen Namen. „Seit 2006 heißt es RidZ“, sagt Laux. Eine der rund 35 Schülerinnen und Schülern, die pro Jahr statt in die Schule zum Palais gehen, ist Lara. Die 15-Jährige, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, sagt im Gespräch mit dem Trierischen Volksfreund, dass sie sich nicht mehr in die Schule traut. Sie habe Angst: vor der Schule, vor ihren Mitschülern.

Laux nimmt Lara sprichwörtlich an die Hand, schaut, was das Mädchen braucht, um wieder zur Schule gehen zu können. RidZ ist laut Laux erfolgreich: „70 Prozent der Schüler gehen danach wieder in die Schule.“ Lara schafft es bisher noch nicht, aber sie arbeitet daran.

Das hinter Schulabsentismus ungelöste Probleme und Konflikte in der Schule oder Zuhause stecken, steht auch in dem neuen Leitfaden, der unserer Zeitung vorliegt – und den alle Schulen in der Stadt Trier und im Kreis Trier-Saarburg demnächst erhalten werden. Auch Zahlen tauchen darin auf: Laut Pisa-Studie 2015 waren in Deutschland mehr als die Hälfte der Schüler von Prüfungsangst oder von Angst rund um Schule betroffen – so wie Lara. Es wird bundesweit von über 300 000 Schulschwänzern ausgegangen, plus einer hohen Dunkelziffer.

„Wenn Kinder nicht zur Schule gehen, haben sie in diesem Moment keine anderen Lösungsstrategien zur Verfügung, zum Beispiel, um mit eigenen Ängsten umzugehen“, steht auf einer der insgesamt 59 Seiten. Schulschwänzer wiesen sehr deutlich darauf hin, dass für sie etwas nicht passe.

Hauptziel des Leitfadens: Dass das Problem als Problem erkannt und früh regiert wird. Der Arbeitskreis Schulabsentismus hat auch Empfehlungen, was wann zu tun ist, erarbeitet, sogar Musterbriefe entworfen. Fehlt ein Kind zum Beispiel fünf Tage entschuldigt, soll die Klassenlehrerin mit dem Schüler sprechen, bei zehn Tagen auch mit den Eltern. Fehlt ein Kind unentschuldigt, sollte die Klassenlehrerin nach zwei Tagen aktiv werden, ab zehn unentschuldigten Fehltagen die zuständige Behörde einschalten.

Im Leitfaden gibt es Infos zu rechtlichen Grundlagen, Formen der Schulverweigerung und Anlaufstellen. Auch ein Blatt „Dokumentation von Schulversäumnissen“ ist darin zu finden: Die Basis, um das Problem hinter dem Blaumachen erkennen zu können.

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