Wenn der Staubsauger die Panik wegsaugt

Wenn der Staubsauger die Panik wegsaugt

"Psychisch kranke Menschen haben keine Lobby", sagt Dieter Ackermann, Gründer des Psychosozialen Krisendienstes in Trier. Um darauf aufmerksam zu machen, hängen derzeit zwölf Plakate in der Stadt verteilt mit allen wichtigen Infos zur anonymen und kostenfreien Hilfe des Dienstes.

Trier. Eine Frau, die in ihrer Wohnung unzählige Spinnen sieht, eine andere, die nach jedem Stuhlgang duschen muss, und ein Mann, der stundenlang vor seinem Herd stehen bleibt, aus Angst, er sei noch an - um solche Menschen kümmert sich der Psychosoziale Krisendienst für die Region Trier (siehe Extra). Und zwar an Tagen, an denen sonst niemand für sie da ist: samstags, sonntags und an Feiertagen wie Weihnachten oder Silvester, also an rund 115 Tagen im Jahr.
Um sein Angebot bekannter zu machen, wirbt der Krisendienst derzeit in Trier mit zwölf Plakaten für seinen anonymen und kostenlosen Service. Rund 20 Fachkräfte und 50 Psychologiestudenten betreuen Hilfesuchende ehrenamtlich. Sie arbeiten in sogenannten Tandems, einem Team aus je einer Fachkraft aus dem sozialpsychiatrischen Bereich und einem Studenten.
Die Menschen, die anrufen, leiden unter Einsamkeit, Ängsten, familiären Konflikten, Trennungen, Verlusten, Panikzuständen oder Selbstmordgedanken. Manchen helfe schon ein entlastendes Telefonat, sagt Dieter Ackermann, Psychiatrie-Koordinator im Landkreis Trier-Saarburg und Gründer des psychosozialen Krisendienstes.
Einmal habe ein Mann angerufen, dessen Frau ein paar Wochen zuvor gestorben war. "Er war völlig fertig und hat geweint." Er habe gefragt, ob er einfach kommen und dableiben dürfe. "Und dann haben wir Plätzchen gegessen und Kaffee getrunken, und es war wieder gut", erzählt Ackermann.Gespräch statt Klinikaufenthalt


Andere brauchen persönliche Betreuung. Der Frau, die panisch anrief, ihre ganze Wohnung sei voller Spinnen, konnte eine Studentin mit einer originellen Idee helfen: Sie und ihre Kollegin fuhren zu der Frau nach Hause. Während sich die Fachkraft mit der Frau unterhalten habe, habe die Studentin sich einen Staubsauger geben lassen und die imaginären Spinnen alle weggesaugt.
"Vielen hilft es schon, dass sie sich jederzeit noch mal melden dürfen, dass sie einfach wissen, es ist jemand da", sagt Ackermann. Dadurch könne häufig ein wochenlanger Aufenthalt in einer Klinik mit medikamentöser Einstellung und Therapie abgewendet werden. Denn das wäre die Alternative für die Frau mit den Spinnen gewesen, wenn es keinen psychosozialen Dienst gäbe.
Ackermann ärgert, dass psychische Krankheit immer noch ein Tabuthema ist. Kopf- oder Rückenschmerzen seien gesellschaftlich als Krankheit anerkannt, psychische Leiden nicht. Das müsse sich ändern.
Vom 24. November bis 3. Dezember sind die Plakate in Saarburg, Konz, Schweich und Hermeskeil zu sehen.Extra

Der Psychosoziale Krisendienst ist immer samstags, sonntags und feiertags von 12 bis 24 Uhr für Menschen in seelischer Not erreichbar. Betroffene können anrufen unter Telefon 0651/715517 oder die Krisenhelfer in ihren Räumen im Gesundheitsamt in der Paulinstraße 60 in Trier aufsuchen. Wenn es notwendig ist, machen die Mitarbeiter auch Hausbesuche. Seit 2009 hat der Psychosoziale Dienst für die Region Trier insgesamt rund 3200 Fälle bearbeitet. Dabei sind sie von rund 400 im ersten vollen Jahr bis voraussichtlich auf mehr als 700 in diesem Jahr gestiegen. Finanziert wird der Dienst zu gleichen Teilen durch den Landkreis Trier-Saarburg und die Stadt Trier. aweb