Wenn die Angst zu Hause bleibt

Wenn die Angst zu Hause bleibt

TRIER. Raus aus der Sicherheit, rein in ein neues Leben: Angst- und Panikattacken sind besiegbar. Das haben Marion Thieltges und Beate Koch bewiesen. Ihnen ist der Schritt zurück in die Normalität gelungen.

"Einen Kaffee, bitte", sagt Marion Thieltges. "Für mich auch, bitte", fügt Beate Koch lachend hinzu. Eine gewöhnliche Situation - nicht jedoch für die beiden Trierer Frauen. Als Marion Thieltges sich das erste Mal wieder in ein Café traute, vollbrachte sie eine Höchstleistung. "Die Tür musste ich immer im Blick haben", erinnert sie sich. Vor vier Jahren hatte ein Mediziner erstmals die Diagnose "Angst- und Panikattacke" gestellt. "Nach mehreren Zusammenbrüchen, Schwindelanfällen und einer Ärzteodyssee wusste ich endlich, wogegen ich kämpfen musste", erinnert sich die Hausfrau und Mutter. Damals konnte sie ihr Bett kaum noch verlassen. "Nur dort fühlte ich mich sicher", sagt die 50-Jährige. Im Krankenhaus verließ sie zum ersten Mal mithilfe einer Psychologin ihre "Sicherheitszone". Alleine schaffe man es nicht, betont Marion Thieltges. "Als ich das erste Mal nach der Erkrankung mit der Psychologin in der Stadt war, verkrampfte sich mein Magen, mir wurde schwindlig und das Herz raste", erzählt die Triererin. Die Angst umzukippen sei ihr ständiger Begleiter gewesen. Mit der Fachfrau an der Seite hielt sie durch. Wie beim ersten Mal hat sie ihr - in Therapiesitzungen langwierig erarbeitetes - "Handwerkszeug" immer mit dabei: "Das schaffe ich", sage ich mir beispielsweise immer wieder. Innere Dialoge

Innere Dialoge führt auch Angstpatientin Beate Koch. Nur Schritt für Schritt wagte sie sich nach der Erkrankung wieder raus aus ihrer Wohnung, lernte, wieder einkaufen zu gehen und alleine unterwegs zu sein. "Traumatische Erlebnisse, die wieder hoch kamen, und Stress haben bei mir die Angst- und Panikattacken vor fünf Jahren ausgelöst", erinnert sich die 44-Jährige. "Ich hatte Angst vor allem." Selbst der Gang in den Keller, um die Waschmaschine anzustellen, sei nur durch behutsames Üben wieder möglich gewesen. "Ich habe mich dafür geschämt, die normalsten Dinge nicht mehr machen zu können", sagt Beate Koch. Als sie das erste Mal alleine in den Keller ging, gaben ihr das Geländer und die Freundin, die in Rufweite war, Halt. Die Zeiten, als Angst ihr Leben bestimmte und die Scham ein übriges tat, sind vorbei. Beate Koch hat eine Selbsthilfegruppe gegründet, die sie heute gemeinsam mit Marion Thieltges leitet. Sie weiß, wie schwer es ist, das erste Mal in die Gruppe zu gehen. "Aber der Mut lohnt sich", verspricht die engagierte Leiterin. Immer wieder betonen die beiden Frauen, dass Angst- und Panikattacken eine ernst zu nehmende Erkrankung sind. "Man muss lernen, sie als Chance zu einem neuen Leben zu sehen, um Dinge zu ändern, die man vielleicht schon lange ändern wollte", sagt Beate Koch. Beide Angstpatientinnen haben viel erreicht, aber noch nicht genug: "Es ist wichtig, sich immer wieder neue Ziele zu setzen", sagt Beate Koch. "Ich will bald das erste Mal fliegen. Wenn ich das schaffe, dann gehört mir die Welt!"

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