Wenn die Neonröhren surren: Lernen bis zur Geisterstunde

Wenn die Neonröhren surren: Lernen bis zur Geisterstunde

Magie zwischen den Regalen: Auch zu später Stunde können Trierer Studenten noch Bücher wälzen. Seit Montag hat die Universitätsbibliothek versuchsweise bis 24 Uhr geöffnet, also drei Stunden länger als bisher. Wenn dem neuen Angebot eine ausreichende Nachfrage gegenübersteht, bliebe die Uni Trier damit einzigartig in Rheinland-Pfalz.

Trier. (kbb) Ein kurzer Blick auf die Uhr. Der Stundenzeiger steht kurz vor elf. Seit beinahe 15 Stunden rauchen an jenem Montag zahllose Studentenköpfe in der Trierer Universitätsbibliothek. Diejenigen, die bis jetzt durchgehalten haben, haben noch eine gute Stunde vor sich. Dann, um Mitternacht, geht in den gewaltigen Hallen das Licht aus, zumindest bis zum nächsten Morgen. Das Gewicht der Bücher wiegt viel schwerer nachts, wenn die Glasarchitektur den endlos scheinenden Regalen keinen leichten und lichtdurchfluteten Rahmen bieten kann, keine Perspektive nach draußen. Drinnen, hochkonzentriert und im Licht der Lampen und Neonröhren arbeiten noch ein paar Studenten, 50 vielleicht oder 60 insgesamt. Manche sehen müde aus und blass, doch der Termindruck der Klausuren lässt keine Atempause zu. Da kommt die zusätzliche Nachtschicht gerade recht. Andere machen auch zu fortgeschrittenerer Stunde noch einen deutlich frischeren Eindruck, trotz des fahlen Lichts in den Lesesälen. Eine von ihnen ist Andrea Diederichs, eine 29-jährige Kunstgeschichts-Studentin. "Gut, dass es draußen dunkel ist. So wird man nicht abgelenkt", sagt sie und blättert eine Seite um. "Ich muss eine Diskussionsrunde leiten und bin daher froh um die zusätzliche Zeit in der Bibliothek." Abends, sagt sie, könne sie sowieso viel konzentrierter arbeiten. In einer der kurzen Pausen zwischen zwei Lehrveranstaltungen gehe das nicht, unmöglich.Die "Nachtschicht" scheint dem Arbeitsrhythmus vieler Studenten entgegenzukommen. So auch dem 23-jährigen Azad Sanak, Austauschstudent aus Metz. "Freitag muss ich eine Seminararbeit in Jura abgeben", sagt er und zeigt auf den Stapel Bücher auf seinem Schreibtisch. "Tagsüber habe ich zu viele Lehrveranstaltungen, da ist für intensive Arbeit praktisch keine Zeit."Ab und zu hallen ein paar dumpfe Schritte durch die Bibliothekszentrale, wenn ein Student aufsteht und ein Buch aus dem Regal zieht. Hoch oben, im obersten Stockwerk, hat Bibliotheksdirektorin Hildegard Müller das überschaubare aber beständige Treiben im Überblick. Gespannt wartet sie mit ihren Mitarbeitern, Benutzungsleiter Dieter Reich und dessen Stellvertreter Carlheinz Straub, das Ende des allerersten dreistündigen Probelaufs ab, beobachtet die Premiere aus der Ferne wie eine Theaterregisseurin in einer leer gebliebenen Loge auf dem obersten Rang. In der Ecke des Büros steht ein silbernes Tablett mit eleganten Gläsern darauf. Der Abend ist ein Grund zum Feiern. Wo liegt die kritische Grenze, ab der die verlängerte Öffnungszeit auch nach dem 11. April fortgeführt wird? Die Direktorin überlegt einen kurzen Moment. "Zehn pro Abend, das wäre zu wenig", sagt sie entschlossen. "Mit 50 bis 100 sind wir sehr gut."Um halb zwölf, eine halbe Stunde vor dem Ende des längsten Tages in der Geschichte der Trierer Universitätsbibliothek, gehen in den PC-Räumen die Lichter aus. Die Rechner haben ausgedient, für heute. In einer Viertelstunde wird die obligatorische Lautsprecherdurchsage erschallen, kurz danach wird das Wachpersonal einen letzten Rundgang machen - und alle verbliebenen Studenten freundlich aber bestimmt auf die baldige Schließung aufmerksam machen. Die meisten haben die Bibliothek jetzt, etwa 20 Minuten vor Schluss, längst durch den einzig verbliebenen Ausgang verlassen.Hildegard Müller steht zusammen mit ihren Kollegen am Fuß der großen Treppe in der Nähe des einzigen noch offenen Schalters. Die letzten Studenten kommen die Treppe hinunter, grüßen kurz oder nicken freundlich. Die Bibliotheksdirektion verabschiedet sich von jedem, der so lange geblieben ist. "So, alle draußen", sagt Günter Bresch mit lauter Stimme. Der Wachdienst-Mitarbeiter hat den abschließenden Rundgang mit seinem Kollegen beendet. Gleich gehen auch in der Bibliothekszentrale die letzten Lichter aus. Für acht Stunden zumindest. Denn dann geht der Kampf um Arbeitsplätze und Kopierer von vorne los. Nichts wird übrig bleiben von der tiefen Ruhe, die hier noch vor wenigen Stunden herrschte.