Wenn Kinder von Hunden lernen
Schweich · Nicht mit Delphinen, sondern mit Hunden arbeitet der Förderkindergarten Schweich-Issel der Lebenshilfe therapiebegleitend bereits seit acht Jahren. Dabei ist die Fortführung des Projekts von Spenden abhängig. Der Verein Nachbar in Not in Schweich hat den Kindern nun schon zum zweiten Mal weitere Therapiestunden mit den Tieren gesichert.
Schweich. Wenn sich die braun-weiß gefleckte Colliehündin Lakota neben dem kleinen Paul lang ausstreckt und die Pfoten leckt, dann wird der Junge ganz ruhig, legt den Kopf auf den Hund, bleibt still liegen und streichelt zaghaft übers flauschige Fell. Das wäre nichts weiter Ungewöhnliches, aber Paul leidet unter Verhaltens- und emotionalen Störungen. Er ist hochgradig reizbar, hektisch in seinen Bewegungen, sensibel, ängstlich und introvertiert.
Familie und Volksfreund
Die zahlreichen Begegnungen mit dem Hund haben Paul ruhiger werden lassen. Das größte Wunder aber ist für die Leiterin des Förderkindergartens, Alexandra Hauer, dass Paul, der bislang kein Wort gesprochen hat, jetzt redet.
"Wir haben ganz erstaunliche Entwicklungen und Veränderungen bei unseren Kindern beobachten können", sagt die erfahrene Pädagogin. "Die Hunde bauen eine Brücke zu den Kindern, fordern Kontakt und Kommunikation, motivieren zu Bewegung, Berührung und Interaktion."
Seit acht Jahren arbeitet der Förderkindergarten mit Gerd Thiel und seiner Natur-Akademie Dogther aus Brauneberg zusammen. Eine Zusammenarbeit, die sich nur über Spenden finanzieren lässt. "Innovative therapeutische Formen sind eben ein Luxusgut", sieht es Maria Schuh, Vorsitzende des Vereins Nachbar in Not. "Und darum unterstützen wir die Therapie nun schon zum zweiten Mal mit 850 Euro." Schuh ist mit ihrem Vorstand nach Issel gekommen, um Hunde und Kinder, Therapeuten, Erzieher und Pädagogen einmal selbst kennenzulernen.
Die Erzieherinnen erzählen. Und Gerd Thiel berichtet. Von Selina, die im Rollstuhl sitzt und sich nicht von alleine aktiv auf die Seite drehen konnte. Die Arbeit mit dem Hund aber habe ihre Mobilisierung unterstützt. Selina könne sich nun zu beiden Seiten aktiv hindrehen und aus der Rückenlage mit einem Seil aufrichten. Auch von Michael erzählt Thiel, einem 16-Jährigen, der über Jahre teilnahmslos im Rollstuhl gesessen habe, den Kopf nicht heben konnte und gespeichelt habe. "Die Therapie mit den Hunden hat ein Fenster zu seiner Seele geöffnet!", fasst es Thiel zusammen. "Michael hat gelernt, selbstständig zu essen und den Hund aktiv zu streicheln."
Alexandra Hauer, Leiterin des Isseler Förderkindergartens, ist davon überzeugt, dass alle Kinder in ihrer Gruppe spielerisch über die Hunde soziale und emotionale Kompetenzen erlernen, Ängste abbauen, Körpernähe zulassen, insgesamt selbstbewusster werden. "Die Kinder lernen den respektvollen Umgang mit dem Hund und damit Grundlagen für ihr eigenes Leben."
Hunde, so betont Gerd Thiel, seien sehr empfindlich für Atmosphäre und Spannungen. "So können sie auf ihre menschlichen Interaktionspartner gefühlsmäßig differenziert reagieren und tiefgreifenden Einfluss auf die Beziehungsdynamik und das Verhalten von Kindern nehmen, was vor allem auch bei der Begleitung von misshandelten Kindern eine wichtige Rolle spielt."
Die Deutsche Unesco-Kommission hat den Schweicher Verein Nachbar in Not beim jüngsten Wettbewerb "Ideen Initiative Zukunft" besonders ausgezeichnet und mit 1000 Euro Fördergeld unterstützt. 2000 Projekte hatten sich bundesweit beworben. sbn