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Porträt: Wenn Kochen ins Herz trifft

Porträt : Wenn Kochen ins Herz trifft

Jürgen Schaefer kocht im Treffpunkt am Weidengraben für Senioren, die sonst alleine sind – zumindest, wenn nicht gerade die Corona-Krise das Land lahmlegt. Bei dem Angebot geht es um viel mehr als nur um Essen.

Wer über Jürgen Schaefer redet, der redet auch über seine Frau Brigitte – die beiden sind seit mehr als 50 Jahren ein Team. Auch sein Ehrenamt beim Mittagstisch des Treffpunkts am Weidengraben (TAW) ist eine Gemeinschaftsleistung. Zwar steht Schäfer an diesem Mittwoch alleine in der Küche, doch am Vorabend gab es ein gemeinsames Kartoffelschälen, während im Fernseher das perfekte Promi-Dinner lief.

Der Duft deftiger Linsensuppe mit Wursteinlage erfüllt den Raum. Eröffnet wird der Mittagstisch mit den Worten: „Sei der Mensch, den du selbst gerne treffen würdest.“ Es folgt ein Tischspruch, dann machen sich alle hungrig über das servierte Gericht her.

Als Schaefer den Kochposten vor 17 Jahren übernahm, kamen jede Woche sieben bis acht Leute. Heute sitzen meist um die 30 Senioren am Mittagstisch. Er gehört zum 50plus-Angebot für den Stadtteil Am Weidengraben, bei dem das Zusammensein von Bewegung, Singen und Essen begleitet ist.

Dank Spenden kommt der Mittagstisch mit einer Eigenbeteiligung von 4,50 Euro pro Person aus. Das geht nur dank des ehrenamtlichen Engagements von Jürgen Schaefer. Der Leiter des Treffpunkts am Weidengrabem, Carsten Schmitt, ist dafür dankbar. Auch jedes Fest unterstützten die Schaefers tatkräftig. Das Engagement begann mit einem nachbarschaftlichen Freundschaftsdienst, als der TAW plötzlich ohne Koch dastand. Heute ist das Ehepaar ein Teil des Vereinsherzes. Dabei gibt sich Jürgen Schaefer bescheiden, hört viel zu und überlässt das Reden gern seiner lebensfrohen Frau.

Wenn die Besucher den Mittagstisch beschreiben, fällt immer wieder ein Wort: Familie. Hier ruft sich jeder beim Vornamen, man ist herzlich zueinander und hilft sich auch über die Grenzen des Treffpunkts hinaus. „Alle haben ihre Wehwehchen und Problemchen, und es ist schön zu wissen, dass man nicht allein dasteht“, sagt Hildegard Bär. Seit eineinhalb Jahren kommt sie mit ihren beiden Cousinen zum Mittagstisch. Besonders Schaefers Rindfleisch mit Remouladensauce steht bei den drei Frauen hoch im Kurs, doch auch die Heringe von vergangener Woche erhalten reichlich Komplimente.

Zuhause sitzen die Senioren meist allein am Tisch, diese Einsamkeit macht vielen zu schaffen. Schon Anfang der Woche freuten sie sich auf den Mittwoch, sagen einige. Genau das ist der Antrieb für den ehemaligen Metzger Schaefer, sich im TAW einzubringen.

„Sonst herrscht Anonymität“, sagt er. Oft würden die Bewohner der Wohnblöcke nicht mal ihre Nachbarschaft kennen. Besonders für alleinstehende Menschen im Ruhestand wäre der Weidengraben wesentlich ärmer ohne diesen Verein.

Schaefer kocht auch gern mal extra Spätzle für die Besucher, die keine Suppe mögen. Jeder soll sich gesehen und willkommen fühlen. Und dieses Gefühl begrenzt sich nicht auf den Mittagstisch, sondern geht weit darüber hinaus. Wenn es jemanden mal nicht so gut geht, kümmern sich Jürgen Schaefer und seine Frau darum, dass für ein vollen Kühlschrank und alles Wichtige gesorgt ist.

 Nach dem Essen sitzen die Besucher noch bei einer Tasse Kaffee und Keksen zusammen, es wird lebhaft weitergelacht. Heute amüsiert besonders ein Witz die Runde: „Mein Spiegelbild sagt, ich sei schwanger – und der Vater ist der Kühlschrank.“ Teilnehmerin Ingrid Hille resümiert: „Mit sich selber reden ist halt langweilig!“

Der Gesprächsstoff geht nie aus, wie Schaefer sagt: „Vom Kochen bist du über die Autowerkstatt beim Arzt.“ Sobald die Corona-Krise überwunden ist, kocht Jürgen Schaefer weiter.

Für Informationen über und Anmeldungen zum Mittagstisch ist der Treffpunkt am Weidengraben unter Telefon 0651/23716 erreichbar.