1. Region
  2. Trier & Trierer Land

Wenn Willy in Gerhards Körper schlüpft

Wenn Willy in Gerhards Körper schlüpft

TRIER. Mit spitzfindigen Betrachtungen über alltägliche und politische Absurdidäten zog Kabarettist Thomas Freitag vor der Kulisse einer Gerichtsverhandlung mit seinem Programm "Geld oder Gülle" alle komödiantischen, mimischen und parodistischen Register.

Der Beginn von Thomas Freitags Auftritt in der Tufa wirkte mit einer Mixtur aus Seitenhieben auf die Landtagswahl und noch undefinierbaren Anspielungen auf eine Gerichtsszenerie ein wenig zäh. Aber dem Spitzenkabarettisten gelang es bald, sein Publikum auf den eigentlichen roten Faden seines Programms einzustimmen, das eingebettet ist in die Gerichtsverhandlung gegen einen Friseur. Dessen Geschäft hat sich zunächst gut entwickelt, wird aber von bürokratischen Vorgaben und Steuerauflagen in den Ruin getrieben. 5278 Liter Gülle, abgeschüttet im Berliner Finanzministerium sind des Friseurmeisters Rache und Gegenstand der Anklage. Ein geschickter Rahmen, denn er bietet dem Kabarettisten Raum, sich in verschiedenen Rollen als Verteidiger, Staatsanwalt oder Zeuge zu entfalten und eine große Bandbreite an Themen zu streifen. Zum Beispiel die Frage: "Wie schafft man Arbeitsplätze?" Ganz einfach, dank Unterstützung des Schulsystems machbar: "Wir müssen dümmer werden, nach dem Vorbild der Ostfriesen, die 24 Leute brauchen, um eine Kuh zu melken, weil 20 das Tier immer rauf und runter stemmen." Besonders köstlich gerät die Schilderung der deutschen Befindlichkeit. Freitag filtert als Geräuschsammler permanentes "Jöseln" (Jammern) als deutsche Grundfrequenz heraus, die er an einigen Stellen im Saal besonders deutlich zu vernehmen meint: "Sind Sie im Arbeitgeberverband oder bei Verdi?" Er entlarvt das "Christiansen-Prinzip" des politischen Geräuschdesigns: "Alles muss nur so klingen als ob", und rät denen, die dessen überdrüssig sind, sich die Pro-Kopf-Subventionen von 650 Euro im Monat auszahlen zu lassen, um nach Mallorca auszuwandern. Wo sich, wie Freitag mit dem unglaublich komischen Tagebuch eines Auswanderers belegt, das deutsche Naturell unter anderem im Nachbarschaftskrieg mit dem letzten verbliebenen Spanier Bahn bricht, aber immerhin gelernt wird, Frust in Seidenmalerei umzusetzen. Statt auszuwandern könne man die abnehmende deutsche Kinderschar - "hier glaubt man, Franz Beckenbauer und Boris Becker schaffen das alleine" - per Marionettentheater auf den europäischen Gedanken einstimmen. Als Freitag diese Idee praktisch vorführt, bleibt kein Auge trocken. Er setzt noch eins drauf und lässt als begnadeter Stimmenparodist alte Bekannte auf die Bühne: Willy Brandt, der in den Körper von Gerhard Schröder geschlüpft ist, wo erst nach Entweichen heißer Luft Platz für zwei war. Franz-Josef Strauß, der Stoiber zur blassen Randfigur degradiert und natürlich Helmut Kohl: "Wie, ich ein Ekelpaket? Ich war doch ein Sexsymbol - alle Nilpferde haben hinter mir hergeschaut." Und dann tritt Freitag mit blonder Perücke und rotem Blazer als Angela Merkel auf. Der Saal tobt, gute Ausgangslage für ein wunderbares Schlussplädoyer, in dem Gülle als Hoffnungsträger, nämlich Dünger für einen neuen Schöpfungsakt, verteidigt wird. Ohne Zugabe kommt Freitag nicht davon, und so gibt es den letzten Knüller. Einen Vergleich deutschen und polnischen Arbeitseifers, der an deutscher Handwerkermentalität kein gutes Haar lässt und den Begriff "Standort Deutschland" endlich definiert: "Er leitet sich ab aus der Figur des Lehrlings, der den ganzen Tag mit offenem Mund dabeisteht."