Wer boxt, erkennt seine Persönlichkeit

Wer boxt, erkennt seine Persönlichkeit

Mein Sport ist mehr als nur ein brutaler Austausch von Schlägen, sagt der Trierer Haitham "Raimond" Ayub. In der TV-Serie "Mein Verein" erzählt der gebürtige Iraker, wie das Boxen einen Menschen verändern kann.

Trier. Ich war 13 Jahre alt. In unserem Viertel in Bagdad gab es eine Menge aggressiver Jungs. Einer von ihnen hat eines Tages meinen besten Freund geschlagen. Ich war immer gegen die Bösen, die Großen. Ich mag es nicht, wenn der Starke die Schwachen drangsaliert. Also bin ich auf den großen Jungen los - und habe ihn mit einem Fausthieb zu Boden gebracht. Dieser Junge war ein Boxer. Er war so beeindruckt, dass er mich zum Training in den Boxclub Al-Zawraa eingeladen hat.
Zwei Monate später nahm ich bei meinem ersten Turnier teil. Auf Anhieb schaffte ich den zweiten Platz in meiner Altersklasse in ganz Bagdad. Später wurde ich sogar irakischer Jugendmeister und trainierte für die Olympischen Spiele.
Boxen ist einfach. Und du erkennst deine Persönlichkeit. Du gehst zurück zu deinem inneren Selbst. Jeder hat in seinem Leben einen Knick. Und diese Knicke kann man durch das Boxen heilen. Hand, Hirn, Muskeln, Augen, alles arbeitet beim Boxen zusammen. Nach einer gewissen Zeit beginnst du zu strahlen, deine Augen fangen an zu leuchten.
Ich habe gesehen, wie das Boxen vielen Menschen helfen konnte. Erst sind die Leute verklemmt, aber auf einmal gehen sie förmlich auf. Sie haben Erfolg. Und sie haben keine Angst mehr - vor dem aggressiven Kerl an der Bushaltestelle genauso wenig wie vor schwierigen Situationen im Beruf.
Was die Leute in ihrer Persönlichkeit verloren habe, das finden sie durch das Boxen wieder.
Boxen ist Psychologie und Philosophie. Es wie bei Mozart und Beethoven, du erlebst es mit deinen ganz eigenen Gefühlen und Sinnen, es ist mehr ein Kennenlernen der eigenen Persönlichkeit als Sport. Wenn du deiner selbst sicher bist, dann hast Du keine Angst mehr. Und die Angst ist es, die Menschen zu Monstern macht.
Viele Jungs auf der Straße haben keine Chance. Sie haben nie gelernt, wie sie mit anderen Menschen umgehen sollen. Ich sage: Komm\' von der Straße runter und reagiere dich bei uns ab. Denn wenn jemand in die Kriminalität abrutscht, haben wir einen Menschen verloren. Ich habe überall in Trier einen Platz für unsere Schule gesucht. Wir sind leider nur auf verschlossene Türen gestoßen. Auch von der Stadt haben wir keine Unterstützung bekommen. Dabei bin ich davon überzeugt, dass wir viele wichtige Dinge vermitteln können, die im Leben wichtig sind, und gerade Jugendlichen helfen können.
Aufgezeichnet von Tobias Senzig
Extra

Die Boxschule Trier besteht seit dem Jahr 2008 und hat 30 Mitglieder. Der jüngste Boxer ist neun, der älteste 51 Jahre alt. Auch zwei Frauen kommen zum Training in die Spiegelhalle des TG in Konz. Kontakt: Haitham Ayub, Telefon: 0171/1663799, Internet: www.boxschule-trier.de sen