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Wer lügt, und wer sagt die Wahrheit?

Wer lügt, und wer sagt die Wahrheit?

Das Landgericht Trier hat das Verfahren gegen einen 67-Jährigen fortgesetzt. Ihm wird sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen vorgeworfen. Doch die Lage ist nicht ganz eindeutig.

Trier Über Jahre hinweg soll der Mann aus dem Kreis Trier-Saarburg seine beiden, heute volljährigen Pflegetöchter zu sexuellen Handlungen gezwungen haben. Die beiden Schwestern sind Kinder eines alkoholkranken Mannes. Das Jugendamt der Kreisverwaltung hatte sie bei dem Ehepaar aus dem Hochwald als Pflegekinder untergebracht.
Mit im Hause lebte der Bruder der Schwestern. Später kam noch ein weiteres Pflegekind hinzu (der TV berichtete). Die inzwischen 20 und 21 Jahre alten Schwestern hatten ihren Pflegevater selbst angezeigt. Am ersten Verhandlungstag vor der Ersten Großen Jugendkammer wiederholten sie ihre Anschuldigungen und belasteten den Angeklagten schwer.
Laut Anklage soll der Mann die Mädchen von August 2005 bis Februar 2013 in insgesamt 112 Fällen sexuell motiviert und berührt haben, wobei er jeweils die Abwesenheit seiner Frau genutzt habe. Anfangs seien die Kinder noch unter 14 Jahre alt gewesen (erschwerender Straftatbestand).
Der 67-Jährige weist alle Vorwürfe zurück, spricht von einer unfassbaren Verleumdungsaktion der Pflegetöchter, die als Nebenklägerinnen auftreten. Auch seine Frau, die das Verfahren als Zuschauerin begleitet, pflichtet dem voll und ganz zu.
Direkte Zeugen zu den Tatvorwürfen gibt es nicht - es steht also Aussage gegen Aussage. Zu Beginn der Fortsetzugsverhandlung erinnert der Vorsitzender Richter Günther Köhler den Angeklagte an die strafmindernde Wirkung eines vollen Geständnisses: "Wir wissen nicht, wo diese Sache hingeht. Sie hatten seit Prozessbeginn drei Wochen Nachdenkzeit." Doch der 67-Jährige bekräftigt, dass er unschuldig sei.
Anschließend geht es in die "Aktenlage" - Sozialarbeiter und Ermittlungsbeamte der Polizei haben das Wort. Eine Mitarbeiterin des Kreisjugendamtes hatte eines der Mädchen ab 2012 betreut und ist dabei oft auf Widersprüche gestoßen. "Diese Pflegefamilie hatte gute Arbeit gemacht - um so erstaunter war ich über die Vorwürfe."
Das Verhalten des betroffenen Mädchens bezeichnet die Sozialarbeiterin als "ambivalent". In der Familie sei sie aggressiv aufgetreten. Gleichzeitig habe sie sich ihrer Pflegefamilie gegenüber sehr loyal verhalten. Wegen des möglichen sexuellen Missbrauchs habe sie sich zunächst an ihre Klassenlehrerin gewandt, der sie vertraute. Deren Schulleiterin habe daraufhin den Kinderschutzbund informiert, der dann die Sache auch an die Kreisverwaltung weitergab.
Am Ende standen die Staatsanwaltschaft und ein polizeiliches Ermittlungsverfahren. Die Zeugin: "Wir haben das Mädchen aus der Familie genommen und in einer Jugendeinrichtung untergebracht. Merkwürdigerweise verschwanden dort nach kurzer Zeit die Verhaltensauffälligkeiten und die schulischen Leistungen wurden deutlich besser."
Auch ein Kripobeamter, der das damals 13-Jährige Mädchen nach der Anzeige vernommen hatte, beobachtete Gegensätzliches.
Der Zeuge: "Sie hatte Angst, dass die Familie zerstört werden könnte. Andererseits gab sie an, über Jahre in eben dieser Familie missbraucht worden zu sein."
Die dazu von Vorsitzendem Köhler zitierten Aussageprotokolle sind voller Detailschilderungen über sexuelle Handlungen. Doch was da niedergeschrieben wurde, ist nicht die Sprache einer 13-Jährigen.
Die Verhandlung wird am 29. Juni, um 9 Uhr, fortgesetzt.