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Wer will Triers umstrittenste Firma? Recyclingbetrieb Eu-Rec steht zum Verkauf

Wer will Triers umstrittenste Firma? Recyclingbetrieb Eu-Rec steht zum Verkauf

Willi Streit und seine Frau Simone planen den Verkauf ihrer Recyclingfirma Eu-Rec im Trierer Hafen. Der lange und intensive Konflikt um schlimme Gerüche, die während der Produktion entstehen, habe ihre Kräfte schwinden lassen. Noch ist kein Vertrag unterschrieben, aber die Liste möglicher Interessenten reicht von Rheinland-Pfalz bis Peking.


Der Geruch ist süßlich und unangenehm, er erinnert an verfaulte Früchte oder andere organische Abfälle. Wer das Tor zum Betriebsgelände der Eu-Rec GmbH im Trierer Hafen durchschreitet, bemerkt diesen Geruch sofort. Er wird intensiver im Treppenhaus und in den modernen Büroräumen der Eu-Rec-Chefetage. Man kann den Geruch leicht ertragen, denn er ist am Tag des Besuchs nur eine sehr schwache Variante des schlimmen Gestanks, der einen seit Jahren andauernden Konflikt zwischen der Recyclingfirma, der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord und vielen Anwohnern im benachbarten Pfalzel verursacht hat.

Willi Streit empfängt in seinem Büro. "Ich gehe nicht in die Produktionshalle", sagt der Inhaber und Geschäftsführer der Eu-Rec GmbH. "Sonst meint die SGD Nord am Ende noch, ich würde gegen Auflagen verstoßen." Die jüngste dieser Auflagen war die Einstellung eines Betriebsleiters, der die Produktionsabläufe übernimmt und verantwortet (der TV berichtete). Streit hatte damit die Leitung seiner Firma auf Anordnung einer Landesbehörde an einen neuen Mitarbeiter abgegeben, den er selbst suchen, finden, einstellen und bezahlen musste - ein in Trier zumindest zurzeit einmaliger Vorgang.

"Ich habe diese Auflage ebenso erfüllt wie alle bisherigen", sagt Streit. An 104 von 330 Betriebstagen standen die Maschinen im Jahr 2015 still. Die Situation ähnelte zeitweise einer Partie Tischtennis. Immer wieder stoppte und untersagte die SGD Nord die Produktion und erteilte Auflagen, nach deren Erfüllung der Betrieb weiterging. Bis die nächste Wolke des üblen Geruchs nach Pfalzel waberte.

Allein die technische und rechtliche Beratung habe bisher 200.000 Euro gekostet, sagt das Ehepaar Streit. "Wir hatten 100 Kontrollen in einem Jahr", erklärt der Inhaber der Eu-Rec. "Normal ist eine in fünf Jahren." Die Streits investierten in neue Filter und neue Technik, doch immer wieder kamen aus Pfalzel massive Beschwerden über den schlimmen Geruch und über verlorene Lebensqualität.

Der aktuelle Stand: Die Eu-Rec GmbH hat wieder einmal alle Auflagen erfüllt und darf seit Ende Juni wieder produzieren. "Es gibt aktuell keine Beanstandungen vonseiten der Behörden", sagt Simone Streit. "Wir halten alle Grenzwerte ein."

Dennoch wollen die Streits verkaufen. "Ich hatte ursprünglich den Plan, die Firma an meinen Sohn zu übergeben", erzählt Willi Streit. "Er hat einen abgeschlossenen Masterstudiengang und verfügt über alle Qualifikationen, einen Recyclingbetrieb zu leiten." Streit macht eine kurze Pause. "Aber inzwischen bin ich der Meinung, dass ich ihm damit keinen Gefallen tun würde."

In der Tat scheint ein Ende des Konflikts unwahrscheinlich. Denn der Gestank, über den man in Pfalzel klagt, ist real und für die 30 Mitarbeiter der Eu-Rec Alltag. Die Aufbereitungsanlage macht aus Abfallfolien Recyclingmaterial. Diese Folien - verdreckt und verklebt mit organischen Resten - sind die Quelle des Gestanks. An diesem Produktionsprinzip wird sich nichts ändern. Eine technische Panne oder Unachtsamkeit eines Mitarbeiters kann in Pfalzel wieder Schwindel und Übelkeit auslösen.

"Wir beschäftigen uns intensiv mit einem Verkauf", sagt das Ehepaar Streit. Doch wer will Triers umstrittenste Firma? Der Zweckverband Abfallwirtschaft im Raum Trier (ART) und die Stadtwerke Trier sind nicht im Rennen, das bestätigt Triers Baudezernent Andreas Ludwig. Die weltweit aktive und auch in Rheinland-Pfalz vertretene Remondis-Gruppe kommt infrage.

Doch auch chinesische Holdings und Hedgefonds investieren in Zukunftsmärkte. "Das Interesse an verarbeitenden Betrieben wie dem unseren ist hoch", betont Streit. "Wir haben drei Betriebsgenehmigungen nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz, deren Erteilung Jahre dauert."
Es gibt bereits eine chinesische Übernahme, wie Streit sie beschreibt: Im Februar kaufte die chinesische Holding Beijing Enterprises den Müllverbrennungsspezialisten EEW Energy from Waste im niedersächsischen Helmstedt (siehe Hintergrund). "Wir sind für alle seriösen Interessenten offen, auch für regionale", sagt Simone Streit.

Für 1,4 Milliarden Euro hat im Februar die Beijing Enterprises die niedersächsische Unternehmensgruppe EEW Energy from Waste gekauft. Die EEW gehört mit 18 Anlagen zu den führenden Unternehmen bei der Erzeugung von Strom und Wärme durch thermische Abfallverwertung. Die Gesellschaft nutzt die im Abfall enthaltene Energie und erzeugt Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete sowie Strom für rund 700?000 Haushalte.

Das Bundesumweltministerium hat den Entwurf eines neuen Verpackungsgesetzes vorgelegt. Der Schwerpunkt dieses Gesetzes soll darauf liegen, wesentlich mehr Abfälle aus privaten Haushalten zu recyceln. Die Quoten für die Wiederverarbeitung von Kunststoffen sollen laut Aussage von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) klar erhöht werden - was mehr Arbeit für verarbeitende Betriebe wie die Eu-Rec GmbH bedeutet.Der Kommentar

Die Hysterie muss enden

Von Jörg Pistorius

Ein Verkauf der Eu-Rec GmbH wird den Konflikt um den üblen Geruch natürlich nicht beenden. Das Bundesumweltministerium hat bereits klar signalisiert, dass die Kunststoff-Recyclingquoten mit dem neuen Verpackungsgesetz massiv steigen sollen. Verarbeitende Betriebe wie die Eu-Rec GmbH werden ihre Produktion nicht einschränken, sondern ausweiten, um die Zielsetzung der neuen Gesetzeslage zu erfüllen. Ob dabei unangenehme Dünste zu den Nachbarn ins benachbarte Wohngebiet wabern, wird die Chefetage des neuen Besitzers nur dann interessieren, wenn man ihr klare Fehler nachweisen kann, die rechtliche Konsequenzen haben.

Die Eskalation der Lage in Pfalzel ist ein Drama für alle Beteiligten. Dieses Drama basiert auf einem bösen städtebaulichen Fehler. Heute wäre eine derart unmittelbare Nachbarschaft zwischen einem Industriegebiet mit Schwermetall- und Abfallbetrieben und einem Wohngebiet unmöglich. Eine Lösung ist überhaupt nur dann in Sicht, wenn sich die enorme Hysterie legt. Nur eine nüchterne und pragmatische Analyse von Produktionsabläufen und Grenzwerten hat hier Aussicht auf Erfolg. Sonst wird der Konflikt nie enden.
j.pistorius@volksfreund.de