Religion : „Die Gesellschaft muss hinter Lehrern stehen“

Nach dem islamistischen Mord an einem Lehrer in Frankreich stehen Lehrer der Region vor der Frage, wie sie Satire und Meinungsfreiheit thematisieren sollen.

Im Kampf gegen radikalen Islamismus setzt der französische Präsident Emmanuel Macron vor allem auf die Bildung. Es sei kein Zufall, dass ein Terrorist ausgerechnet einen Lehrer ermordet habe. Er habe das Land in seinen Werten angreifen wollen, sagt Macron. Nun soll jeder französische Lehrer bis Ende November dem Thema der Meinungsfreiheit eine Stunde widmen. Doch das ist für Lehrer unter Umständen schwierig. Schon vor dem Mord an Samuel Paty Mitte Oktober hatte ein Vater in den sozialen Medien gegen den Geschichtslehrer gehetzt, weil er satirische Mohammed-Karrikaturen im Unterricht behandelt hatte.

Hass und Drohungen sind bei Schulleiter der Realschule Plus in Prüm, Stephan Schilling, kein Thema. Schüler wie Eltern aller Religionen seien recht tolerant und mischten sich nicht in Unterrichtsinhalte ein. Das gehe soweit, dass Eltern muslimischer Kinder diese im katholischen Religionsunterricht anmeldeten.

Ein Sozialkundelehrer der Berufsbildenden Schule (BBS) Saarburg sagt ebenfalls: „Ich persönlich habe die positive Erfahrung gemacht, dass gerade muslimische Schüler – zum Beispiel Flüchtlinge – sich bei der Diskussion zu diesem Thema stark einbringen. Die Meinungen unter den Schülern waren konträr, aber die Diskussion verlief sachlich und ruhig, so dass ich nie ein schlechtes Gefühl hatte.“

Nachdem der Präsident der ADD, Thomas Linnertz, zu einer Schweigeminute an den Schulen am Montag gebeten habe, sei das Thema im ganzen Kollegium diskutiert worden, sagt der BBS-Schulleiter Jürgen Scholz. Die Schweigeminute mit einer entsprechenden thematischen Einführung sei von zahlreichen Kollegen begrüßt worden. 

Der Trierer Universitätsprofessor Matthias Busch bringt Lehramtsstudenten unter anderem Elemente der Demokratiepädagogik bei und diskutiert darin auch, wie Lehrer Themen einer weltoffenen Demokratie am besten ansprechen. Zunächst sei es eine grundsätzliche Aufgabe von Lehrpersonen, politische Konflikte im Unterricht so kontrovers zu präsentieren, wie sie auch in der Gesellschaft verhandelt werden.

Ihm ist wichtig zu betonen, dass er das konkrete Handeln des Geschichtslehrers in Frankreich nicht aus der Ferne bewerten könne. Unzählige Faktoren würden eine Entscheidung beeinflussen, was ein Lehrer im Unterricht wie am besten angehe. Die aktuelle Kontroverse über eine erneute Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen im Unterricht zu thematisieren hält er aber grundsätzlich für richtig.

Er sagt aber auch: „Zugleich muss ein entsprechender Unterricht darauf bedacht sein, nicht durch die Darstellung potenziell blasphemischer oder auch sexistischer oder rassistischer Inhalte Lernende zu verletzen oder zu überwältigen.“ Das könne zum Beispiel dadurch gelingen, dass es Schülern freigestellt wird, die Karikaturen zu betrachten oder sich auf andere Weise dem Thema zu nähern. Oft sei es auch gar nicht notwendig, die Bilder zu zeigen, um eine grundlegende Diskussion über die Streitfrage und die Bedeutung von Meinungsfreiheit zu initiieren.

Klaus-Peter Hammer, der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Rheinland-Pfalz findet nicht nur, dass der ermordete Pariser Lehrer richtig gehandelt habe, indem er seinen Schülern freigestellt habe mitzumachen. Er fordert auch: „Auch die Gesellschaft muss da hinter den Lehrern stehen.“ Damit meint er in Deutschland. In Frankreich gingen nach dem Mord zehntausende unter dem Slogan „Ich bin Samuel. Ich bin Lehrer“ für Meinungsfreiheit und solidarisierend auf die Straßen.

Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Rheinland-Pfalz möchte Werte- und Demokratieerziehung an Schulen stärken. Derzeit könnten Schulen das aufgrund fehlender Rahmenbedingungen aber nicht in der notwendigen Art und Weise leisten, schreibt der Verband auf seiner Webseite. Der VBE kooperiere aber beispielsweise mit Organisationen wie GermanDream zur Wertevermittlung im Unterricht. Diese gemeinnützige Organisation bietet in ganz Deutschland kostenfreie Wert-Dialoge an – auch für nicht-schulische Gruppen.

Der Islamismusexperte und Buchautor Ahmad Mansour sieht das Problem unter anderem in drei Aspekten: „Moscheen-Gemeinden bleiben in ihrer Distanzierung von Terror zu oft oberflächlich und handeln nicht nachhaltig dagegen.“ Der große von der türkischen Regierung direkt beeinflusste Verband DiTiB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) stelle sich nicht klar hinter Menschenrechte. Aber auch Politiker würden sich nicht trauen kritisch nachzufragen, aus Angst von rechts instrumentalisiert zu werden. Damit spricht er ein Thema an, das unter anderem im Nachrichtenmagazin SPIEGEL in Reaktion auf den islamistisch motivierten Mord bei Paris diskutiert wurde. Der Kolumnist Sascha Lobo wie auch der JuSo Vorsitzende und Gastautor Kevin Kühnert hattenein auffälliges Schweigen in Deutschland zur Tat kritisiert. Und, dass die politische Linke und auch die Liberalen und Bürgerlichen es versäumt hätten, eine nichtrassistische Islamismuskritik zu entwickeln.

Mansour ist arabischer Israeli und muslimisch sozialisiert. Er hat die deutsche Staatsbürgerschaft und lebt in Berlin unter Personenschutz.