Wie die Haut zum Kunstwerk wird

Wie die Haut zum Kunstwerk wird

Wie fühlt es sich an, vor Zuschauern tätowiert zu werden? Wer das erleben wollte, machte sich am Wochenende auf in die Messehalle in den Moselauen. Bei der Tattoo-Convention Trier trafen sich Hunderte Fans des bunten Körperkults.

Wer schön sein will, muss leiden: Der holländische Tätowierer Josef Santing ist konzentriert bei der Arbeit. Foto: (h_st )

Trier. Die Maschine surrt. Die Nadel sticht in die Haut. Mimis Mundwinkel zucken kurz, sie beißt sich auf die Lippe. Es ist das einzige Mal, dass ihr der Schmerz anzusehen ist. Aber die 35-Jährige ist eben ein Profi. Sie ist ein Tattoomodel, wird für Musikvideos und Foto shootings gebucht. "Mademoiselle Mimi.K" ist ihr Künstlername, ihren bürgerlichen möchte sie nicht verraten. Wie viele Tätowierungen sie inzwischen hat, kann sie nicht sagen. "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Es ist wie eine Sucht." Inzwischen sei mehr als die Hälfte ihrer Haut mit Körperbildern verziert.
Sich vor Ort tätowieren zu lassen, ist sicher nicht jedermanns Sache. Die meisten Besucher der Trierer Tattoo-Convention sind nur zum Zuschauen gekommen. Sie schlendern an den Ständen vorbei, suchen in den Alben der Tätowierer nach neuen Motiven. Andere interessieren sich für Kleidung und Piercings, die hier verkauft werden. Im Hintergrund dröhnt Heavy Metal, wenn nicht gerade etwas auf der Bühne passiert. Hier wird im Laufe des Tages nicht nur die Wahl zur "Miss Tattoo" ausgetragen, sondern auch eine Kampfsport-Show geboten. Außerdem erfahren Besucher, wie sie ein Tattoo wieder loswerden können. Auf einer Präsentation wird gezeigt, wie die Tinte unter der Haut mithilfe von Lasern wieder entfernt werden kann.
Für das Programm verantwortlich ist der Harley Club Konz. Zum dritten Mal hat der Motorradverein die Tattoo-Convention organisiert. Der Gedanke für die Messe sei "aus einer Bierlaune heraus" entstanden, so Mitveranstalter Thomas Cramer (48). "In der Region gab es noch keine Convention, also haben wir uns vor drei Jahren überlegt, dass wir eine ausrichten." Aus der spontanen Idee ist inzwischen ein Groß event der regionalen Szene geworden. Die Halle ist voll. "Für nächstes Jahr haben sich schon einige Tattoo-Künstler einen Platz auf der Convention gesichert", sagt Cramer.
Als sich am Sonntagnachmittag die Messe dem Ende zuneigt, hat auch Mimi es fast geschafft. Die bunten Linien auf ihrer Haut haben sich inzwischen zu einem Bild verdichtet. Es zeigt eine Frau, aus deren Mund Blut tropft, darunter einen Totenkopf. Der Tätowierer wischt mit Küchenrolle ihren Arm ab. Dann sprüht er Desinfektionsmittel über das frisch gestochene Motiv und klebt Folie darüber. Schwimmbad oder Solarium sind für Mimi in den nächsten Wochen tabu. Die Haut braucht Zeit zum Heilen. Sie grinst jetzt übers ganze Gesicht. Viel fehlt nicht mehr zum Bodysuit - so wird es genannt, wenn der ganze Körper tätowiert ist. Gesicht und Hals sollen bei ihr aber frei bleiben. Hauptberuflich arbeitet Mimi im Büro. Und dort seien sichtbare Tattoos eben immer noch ein Tabu.